3 Erkenntnisse zur Transformation: Lehren aus der Pandemie

Welche Faktoren bei der erfolgreichen Unternehmenstransformation unabdingbar sind

Keyfacts

  • Transformation ist nicht nur die Überführung von anlog in digital, sondern ein grundlegender, ganzheitlicher Wandel, der im Kopf beginnt.
  • Bei der Gestaltung des Zielbetriebsmodells gilt: digital-first sowie eine gesunde Portion Pragmatismus.
  • Transformation wird zur Existenzfrage, weshalb die Betrachtung digitaler Betriebsmodelle nicht einzig von einer statischen ROI-Kennzahl abhängig gemacht werden kann.
Lyth Al-Khazrage
  • Manager, ERP Consulting
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Transformation im digitalen Zeitalter ist ein fortlaufender Prozess der Veränderung. Die Pandemie hat uns verdeutlicht: Je ungewisser und dynamischer die Welt wird, desto wertvoller wird ermöglichte und gelebte Agilität. Ja, Technologie ist dafür wichtig. Noch wichtiger und erfolgsentscheidender ist aber der Wandel, der im Kopf beginnt.

1. Erkenntnis: Digitale Transformation ist kein reines IT-Projekt.

In der Corona-Pandemie wurden viele Programme, Apps und andere digitale Anwendungen neu eingeführt. Allerdings besteht oft noch ein offenes Nutzungspotenzial. Daran lässt sich erkennen, dass im Mittelpunkt einer technologischen Veränderung weniger technische Aspekte als die Frage steht: Wie bringt man Menschen dazu, sich verändern zu wollen bzw. Technologien zu nutzen? Es braucht die Motivation zur Adaption, eine klare Kommunikation mit den Zielgruppen und die Bereitschaft auf allen Ebenen, beschlossene Maßnahmen regelmäßig zu hinterfragen, um je nach Situation entsprechend nachjustieren zu können.

Jede Veränderung ist eine Herausforderung, da sie den Abschied von Gewissheiten und eingeübten Verhaltensweisen verlangt und uns zur Konfrontation mit dem Unbekannten zwingt. Doch um Wandel erfolgreich zu gestalten, ist es notwendig, sich offen dem Neuen zu stellen. Auf den Unternehmenskontext übertragen bedeutet dies daher auch, dass die Betrachtung der digitalen Transformation als reines IT-Projekt zu kurz gedacht ist.

Vielmehr ist wichtig zu verstehen, welche Dimensionen von einer Veränderung betroffen sind und wie diese Ebenen ineinandergreifen. Jede potenzielle Veränderung muss sichtbar gemacht und Konsequenzen aufzeigt werden. Empfehlenswert ist daher neben der klassischen Ausarbeitung der Schnittstellen zwischen Prozessen, Personen und IT-Systemen zusätzlich auch eine grundlegende technologie-getriebene Infrastruktur. Zu hinterfragen ist auch, wo und wie die eigentliche Arbeit innerhalb dieses neuen digitalen Betriebsmodells ausgeführt wird, in welcher Form berichtet und gemessen werden soll, welche Informationsquellen und -flüsse benötigt werden sowie welche Art von Governance und Kontrolle dafür geeignet wären. Um sicherzustellen, dass die geplanten Veränderungen angenommen werden, muss das Business über ein systematisches Change- und Kommunikationsmanagement aktiv eingebunden werden.

Ein ganzheitlicher Transformationsplan zieht dabei die Vorteile aus der sich ergebenden Diversität der involvierten Personengruppen: Machen Sie sich die unterschiedlichen Denkweisen und Erfahrungen der Mitarbeitenden zunutze. Nehmen Sie verschiedene Perspektiven ein, bedenken Sie neue Optionen, um daraus kreativere Lösungen zu entwickeln, die die Nutzer dann auch akzeptieren und adaptieren.

2. Erkenntnis: Digitalisierung geht doch, wenn gehandelt werden muss.

Bis 2020 war Digitalisierung mein persönliches Unwort des Jahres: es wurde viel darüber gesprochen und philosophiert, jedoch wenig ganzheitlich angegangen. Oftmals hieß es: „geht bei uns nicht“ oder „das muss manuell gemacht werden“. Wenn man der Pandemie irgendetwas Positives abzugewinnen vermag, so die Tatsache, dass scheinbar das schwer Umsetzbare oder Unnötige plötzlich wie über Nacht in Gang gebracht werden konnte.

Die richtige Planung bei der Einführung neuer Technologien ist wichtig. Gleichwohl braucht es eine gesunde Portion Pragmatismus und Mut. Im April 2020 waren die wenigsten Unternehmen auf die Umstellung auf Home Working vorbereitet – dennoch haben sich Anwendungen für Videokonferenzen durchsetzen können. Unternehmen sollten sich daher systematisch öfter ausprobieren. Ein Beispiel dafür ist auch der Umgang mit Big Data. Das Ergreifen der Möglichkeit, mit Hilfe moderner Technologien und Methoden auf Basis intern und extern verfügbaren Daten Risiken zu antizipieren, abzuwenden und Chancen zu nutzen, sollte nicht weiter aufgeschoben werden.

Zwingender Erfolgsfaktor ist hierbei eine gesunde Fehlerkultur, in der nicht realisierte Innovationen als Maßstab zum kontinuierlichen Lernen statt als Scheitern angesehen werden. Gut versucht ist besser als perfekt durchdacht. Dafür ist die Komplexität zu hoch und der praktische Lerneffekt der effektivere Weg. Allerdings gilt es, sauber zwischen Mut und Übermut zu unterscheiden. Rechtliche Rahmenbedingungen müssen selbstverständlich dabei beachtet werden.

3. Erkenntnis: Wir müssen jetzt die Sinn-Frage beantworten

Digitalisierungsprojekte leiden oftmals unter dem Zwang, primär Effizienzen schaffen zu wollen, die sich unmittelbar als Kosteneinsparungen, Zeitgewinne oder Umsatzsteigerung widerspiegeln. Klar, für transparente, messbare Projekte ist eine ROI-Kalkulation essenziell. Gleichwohl hat uns die Pandemie vor Augen geführt, dass eine digitale Infrastruktur unverzichtbar ist. Bewertungskriterien sollten daher deutlich weiter gefasst werden, indem der übergeordnete Unternehmenszweck geschärft wird.

Die Pandemie zeigt schonungslos auf, dass primär die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns – und auch unmittelbar die Sinnhaftigkeit des Unternehmenszwecks – zu hinterfragen sind. Der sogenannte Purpose wird zunehmend als Basis und Handlungskompass für erfolgreiches Wirtschaften gesehen. Der Gedanke ist im Grunde nicht neu, rückt aber gerade jetzt stark in den Fokus der Unternehmensführung, der Gesellschafter und Stakeholder.

Fazit: Was bleiben will, sollte sich ändern.

Digitale Transformation bedeutet nicht nur die Einführung einzelner Tools und auch keine Evolution des Bestehenden, sondern eine technologie-basierte Revolution des Geschäftsmodells. Entscheidend hierbei ist nicht die Erschaffung der nächsten starren Burg, sondern die Konzeption und Umsetzung eines ganzheitlichen Zielbetriebsmodell, das sich durch jede Ebene des Unternehmens zieht, in Innovationen denkt und datengetrieben arbeitet. Im Kern liegt dabei eine Innovationskultur, die dem Unternehmen ermöglicht, sich flexibel an den Wandel der Zeit anzupassen und Veränderungen umzusetzen. Treu dem Motto: Panta rhei – alles ist im Fluss.

Lyth Al-Khazrage
  • Manager, ERP Consulting
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