Autobauer: Bye-bye Westeuropa

Die Autoproduktion in Westeuropa ist in Gefahr.

Keyfacts

  • China rückt für Autobauer weiter in Fokus.
  • Das Auto als Produkt wird nicht mehr allein für Umsatz sorgen
  • Antrieb schlägt Auftrieb.
Studie herunterladen
Dieter Becker
  • Partner Head of Automotive
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben

Die Autoindustrie ist zweifelsfrei das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, doch es stellt sich die Frage: Wie lange ist das noch so?

Deutsche Autobauer sehen der Digitalisierung mit gemischten Gefühlen entgegen: „Die gesamte Branche steht vor einer richtungsweisenden Zeit“, resümiert Dieter Becker, Global Chair of Automotive bei KPMG, und bezieht sich dabei auf Ergebnisse aus dem Global Automotive Executive Survey 2017, die Anfang Januar veröffentlicht wurde.

65 Prozent der knapp 1.000 befragten Top-Entscheider zeichnen in der Studie ein düsteres Bild für den Autostandort Westeuropa: Die Mehrheit geht davon aus, dass die Produktion bis 2030 von bislang 16 auf unter fünf Prozent sinken wird. „Diese Zahlen werden sich auch auf die Beschäftigungen auswirken“, so Becker weiter. KPMG hat ausgerechnet, was das in absoluten Zahlen bedeutet: Werden heute 13,1 Millionen Fahrzeuge in Westeuropa produziert, werden es 2030 nur noch 5,4 Millionen pro Jahr sein.

Neue Märkte, neues Wachstum

Das Lohnniveau in deutschen Autofertigungshallen spielt bei der Standortverlagerung kaum eine Rolle: „Die Zeiten, in denen die Autobauer auf billigere Nachbarländer – wie etwa Osteuropa – ausgewichen sind, haben wir hinter uns gelassen. Die Autobauer wollen künftig dort sein, wo sie die meisten Autos verkaufen werden. Das sind China und andere Schwellenländer“, erklärt Becker die Einschätzungen der Entscheider aus der Branche.  Und weiter: „Die Autobauer werden gezwungen sein, stärker lokal in China zu fertigen.“

Krisenstimmung für 2017

Insgesamt blickt die Branche eher pessimistisch in die kommenden Jahre. Knapp 60 Prozent glauben nicht an ein Fortbestehen der Europäischen Union nach 2025.

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und der Brexit Großbritanniens sorgen ferner bereits bei 59 Prozent der Befragten dafür, dass sie für das Jahr 2017 wirtschaftliche Bedenken haben.

Autobauer auf Umsatzsuche

Die größte Herausforderung für die Autobauer liegt allerdings fernab der Absatzmärkte. Denn wie die Studie weiter offenbart, wird das Auto als Produkt allein nicht mehr für genügend Umsatz sorgen. „85 Prozent der von uns befragten Top-Entscheider gehen davon aus, dass sie im digitalen Ökosystem mehr Geld verdienen werden als mit dem Auto an sich. Da ist die Frage gerechtfertigt, welche Rolle die Autobauer spielen“, erklärt Becker. Geht es nach dem Autoexperten, ist deren Aufgabe, die digitale Welt und die automobile Welt so gut es geht miteinander zu verzahnen. „Eine komplette Verschmelzung zwischen der automobilen und der digitalen Welt wird es so jedoch nicht geben. Wir brauchen eine zusätzliche Dimension. Eine, auf der beide Welten vertreten sind und ineinander greifen. Wer in der neuen Zeit welche Rolle innehaben wird, ist noch nicht entschieden. Apple und Google planen Autos, Tesla ist ein interessanter Autopionier. Nun stellt sich die Frage: Wer ist Blechbieger und wer ist Grid Master.“

In der Folge rückt der Kunde noch stärker in den Fokus: „Langfristig werden sich die Marktteilnehmer durchsetzen, die den Kunden und dessen Datenspur für sich gewinnen. Denn nur so kann im digitalen Ökosystem mit ihm Umsatz gemacht werden“, rät Becker den Entscheidern.

Diesel ist „sozial inakzeptabel“

Waren es letztes Jahr noch Digitalisierung und Konnektivität, die die Top-Entscheider besonders interessierten, sind es in diesem Jahr die Antriebsformen. „Die Branche befindet sich in einem Dilemma zwischen Investitionsentscheidungen, Erreichung der CO2-Ziele und unterschiedlichen Produktentwicklungszyklen. 76 Prozent der befragten Autobauer sind davon überzeugt, dass Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden“, sagt Becker weiter.

Diese werden allerdings wie Diesel aktuell ein „Image-Problem“ haben, sagt Becker. Demzufolge ist knapp die Hälfte der Befragten davon überzeugt, dass Diesel als Technologie nicht mehr tragfähig sein wird. „Dieselgate und Co. haben dazu geführt, dass Diesel an sich sozial inakzeptabel ist. Auf der anderen Seite müssen sich die Autobauer überlegen, wie sie auf die immer schärferen Regulierungen reagieren werden. Da entwickelt sich ein handfestes Investment-Dilemma“, skizziert Becker die Situation.

 

Dieter Becker
  • Partner Head of Automotive
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben
Studie herunterladen