Bald mehr Kunststoff als Fisch in den Meeren?

Wie die Chemiebranche den Kampf gegen Plastikmüll unterstützt

Keyfacts

  • Von Jahr zu Jahr wird mehr Kunststoff hergestellt – er ist zu einem gewaltigen Umweltproblem geworden.
  • Die Chemieindustrie fördert Initiativen gegen den zunehmenden Plastikmüll in den Meeren.
  • Die Branche sollte deutlich machen, dass ihre Bemühungen nicht nur PR sind.
Vir Lakshman
  • Head of Chemicals & Pharmaceuticals
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Ein toter Wal wird mit 22 Kilogramm Kunststoffmüll im Magen vor der Küste Sardiniens entdeckt. Ein anderer Wal verhungert vor den Philippinen – mit 40 Kilogramm Plastik im Magen. Keine Einzelfälle. Mehr als zehn Millionen Tonnen Abfälle gelangen jährlich in die Ozeane, kosten Meerestiere und Seevögel das Leben.

Kunststoff ist für Mensch und Umwelt längst Segen und Fluch zugleich. Der Werkstoff zählt zu den wichtigsten Materialien der globalen Wirtschaft, und die Nachfrage wächst: Zwischen 2007 und 2017 stieg die weltweit hergestellte Kunststoffmenge von 257 Millionen auf 348 Millionen Tonnen, und die Produktion nimmt weiter stetig zu. Den größten Anteil daran hat China, gefolgt von Europa.

Doch so praktisch Kunststoff auch sein mag, er hat einen gewaltigen Nachteil: Er zerfällt extrem langsam, eine Plastikflasche zum Beispiel braucht dazu bis zu 1000 Jahre. In vielen Staaten, vor allem den kräftig wachsenden Ländern Asiens, fehlt aber eine wirksame Abfallsammlung und -verwertung. Der Plastikmüll landet unkontrolliert in der Umwelt. Dies führt zusammen mit den stetig wachsenden Mengen zu dem gewaltigen Problem, vor dem die Menschheit mittlerweile steht.

2050 könnte mehr Plastik als Fisch im Meer sein

Forscher schätzen, dass zurzeit mehr als 150 Millionen Tonnen Kunststoffabfall die Weltmeere belasten. Nimmt die Menge des Plastikmülls, die Jahr für Jahr dorthin gelangt, nicht ab, dann werden die Weltmeere Experten zufolge im Jahr 2050 mehr Plastik als Fisch enthalten, nach Gewicht gerechnet.

Ein Teil des Problems beruht auf illegaler Müllentsorgung von Schiffen auf hoher See. Den viel größeren Anteil macht aber der Plastikabfall aus, der von den Flüssen in die Meere befördert wird: jedes Jahr mehrere Millionen Tonnen. Acht asiatische Flüsse (u.a. Jangtse, Indus und Gelber Fluss) sowie Nil und Niger sind für rund 90 Prozent des Kunststoffmülls in den Meeren verantwortlich.

Der Plastikabfall ist nicht nur ein Problem für die Meeresbewohner, sondern trägt US-Forschern zufolge auch zum Klimawandel bei, da beim Zerfall des Kunststoffs Treibhausgase entstehen. Wie die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden können, ist aktuell auch Thema in Berlin beim 10. Petersberger Klimadialog mit Regierungsvertretern aus 35 Staaten.

Ein Industriebündnis gegen die Plastikflut

Angesichts der Umweltbelastung treten die Vorteile von Kunststoff mehr und mehr in den Hintergrund. Plastik hat einen zunehmend schlechten Ruf. Hinzu kommt, dass die Politik inzwischen mit Verboten auf das Problem reagiert. Das Europaparlament hat kürzlich ein Verbot von Einwegplastik, etwa von Wegwerfgeschirr, Trinkhalmen und Rührstäbchen, ab 2021 beschlossen. Begründet wurde der Schritt explizit mit dem Schutz der Meere. In Deutschland will das Bundesumweltministerium mit einem Fünf-Punkte-Plan zwar Recycling und Nutzung von Rezyklaten stärken, aber auch überflüssiges Plastik vermeiden helfen.

Den Herstellern von Kunststoff drohen somit Risiken für das künftige Geschäft. Die Antwort der Branche: ein vermehrtes Engagement im Kampf gegen die Vermüllung – mit dem Ziel, Kunststoff nachhaltiger als bisher zu nutzen. So haben zum Beispiel das Chemieunternehmen LyondellBasell und der Entsorger SUEZ in einer Kooperation Plastikabfälle in Polypropylen umgewandelt, aus dem dann Samsonite die Hüllen neuer Koffer fertigte.

Deutlich größer ist das Projekt, das im Januar 2019 startete: 28 internationale Unternehmen der Chemie- und der Konsumgüterindustrie gründeten die Alliance to End Plastic Waste (AEPW). Aus Deutschland beteiligen sich BASF, Covestro und Henkel. Zu den Mitgliedern zählen außerdem unter anderem namhafte Chemieunternehmen wie Braskem, Clariant, Dow, LyondellBasell und NOVA Chemicals sowie ExxonMobil, Shell, Total, Procter & Gamble, SUEZ und das Entsorgungsunternehmen Veolia.

Abfallmanagement und Recycling werden gefördert

In den nächsten fünf Jahren will die Vereinigung 1,5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet ca. 1,34 Milliarden Euro) in Projekte zur besseren Plastikmüllbeseitigung investieren. Dazu zählt beispielsweise die Initiative „Renew Oceans“, die sich um das Sammeln von Plastikabfall in den Flüssen Asiens kümmert. Die AEPW strebt außerdem Partnerschaften mit Städten an, in denen integrierte Abfallmanagementsysteme bisher fehlen oder unterentwickelt sind. Das Bündnis will außerdem Innovationen fördern, um entlang der gesamten Wertschöpfungskette die Wiederverwendung und das Recycling von Kunststoff zu steigern.

Solche Aktivitäten mögen lobenswert sein. Die Chemieindustrie sollte aber darauf achten, dass sie in der Öffentlichkeit ihre ernsthafte Intention zu nachhaltigem Handeln deutlich macht. Sonst drohen ihre Bemühungen als reine Marketing-Maßnahme abgetan zu werden.

Mehr über aktuelle Entwicklungen in der Chemie- und Pharmaindustrie lesen Sie in der aktuelle Ausgabe des KPMG Deal Capsule.

Vir Lakshman
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