Brexit: Die ersten Banken packen schon Umzugskartons

Der Austritts-Antrag ist abgegeben, die Briten machen ernst

Keyfacts

  • London wird Geschäft verlieren
  • Frankfurt, Dublin und Paris hoffen auf Zuzug
  • Finanzpass-Debatte ist Dreh-und-Angelpunkt
Holger Kneisel
  • Regionalvorstand Mitte
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London muss um seine Kronjuwelen bangen – denn mit dem Brexit verlässt Großbritannien nicht nur die EU. Als Konsequenz müssen sich auch die großen Bankhäuser Gedanken über ihre europaweiten Geschäfte machen. Viele der Institute schmieden bereits konkrete Umzugspläne.

Canary Wharf, ein Retortenviertel in den ehemaligen Londoner Docklands, hat sich in den letzten Jahrzehnten zu dem wichtigsten Standort für Banken in Europa entwickelt. Nirgends ist die Bankendichte höher. Branchenkenner warnen jedoch, dass viele der großen Banken zumindest Teile ihres Geschäfts zukünftig an anderen Standorten abwickeln werden – als direkte Konsequenz des Brexit.

„Für London wird es sicherlich nicht einfach werden. Jedoch geht es in der ganzen Diskussion um vielleicht 5 Prozent des Geschäfts, das die britischen Banken verlagern könnten, nicht um alles. Sollte es so kommen und sich die verlagernden Banken für den Standort Frankfurt entscheiden, wird man ihnen am Main den roten Teppich ausrollen“, sagt Holger Kneisel. Er ist Regionalvorstand Mitte bei KPMG in Deutschland und arbeitet und lebt in der Mainmetropole.

Dublin, Paris oder Frankfurt – wer profitiert vom Brexit?

Frankfurt ist jedoch nicht die einzige Stadt, die vom Brexit profitieren möchte. Auch Paris und Dublin rechnen sich realistische Chancen aus, das neue starke Bankenzentrum in Europa zu werden.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet, dass sich die Londoner Banker wünschen, den sogenannten europäischen Finanzpass weiter nutzen zu dürfen. Hierbei handelt es sich um die Regel, dass eine Bank nur in einem Mitgliedsland der Europäischen Union eine gültige Lizenz erwerben muss um im gesamten europäischen Wirtschaftsraum aktiv zu sein. Daraus scheint allerdings nichts zu werden. Kneisel: „In London glaubt niemand mehr an das Fortbestehen der Finanzpass-Regel.“

Die „FAZ“ berichtet weiter, dass der Finanzdienstleistungssektor in Großbritannien allein einen Handelsüberschuss vom 58 Milliarden Britischen Pfund erzeugt. Zum Vergleich: Telekommunikation, Computer und IT kommen zusammen gerade einmal auf einen Überschuss von 7 Milliarden Pfund.

„Momentan geht niemand davon aus, dass der Finanzpass nach dem Brexit noch Bestand hat. Das ist auch der Grund warum sich diejenigen, die Geschäft im Rest der EU haben, sich damit befassen“, weiß Kneisel weiter.

Entscheidung steht kurz bevor

Das Branchen-Medium „Finance Magazin“ berichtet darüber, dass die internationalen Großbanken hinter den Kulissen bereits nach potentiellen Ausweichstandorten suchen. Dabei gehe es laut dem Magazin um Länderratings, Regulatorik, Infrastruktur, Immobilienpreise, aber auch um Sprache sowie die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften.

Hessen beruft sich in einer Werbebroschüre für interessierte Bankhäuser beispielsweise auf die guten Universitäten und die bewährten Ausbildungsstandards. Dazu wirbt das Land damit, dass das generelle Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gut sei, dass es beispielsweise kaum Streiks gebe.

„Die Banken prüfen auch intern: Können bestehende Bank-Lizenzen in anderen Ländern genutzt werden? Oder auch, wie gut das Unternehmen in potenziellen Zielländern verankert ist“, weiß Kneisel weiter.

Geht es nach der „Financial Times“, haben Frankfurt und Dublin bislang die Nase vorn und könnten die großen Gewinner sein, sollte es zu einem harten Brexit kommen. Kneisel dazu: „Die Frage bleibt allerdings, ob Irland mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 230 Milliarden US-Dollar so viele Banken aufnehmen kann und möchte.“ Und weiter: „Die Finanzbranche ist für jede Stadt der Welt attraktiv. Aber die Banker müssen auch ein passendes Angebot finden. Sie müssen vom Standort schnell in die ganze Welt kommen, die Stadt an sich muss lebenswert sein, und sie muss neuerdings ein Ort sein, an dem traditionelle Banken und FinTechs ohne Probleme zusammenkommen können. Das heißt, die Stadt muss diese neue Kultur fördern“, rät Kneisel den Bewerberstädten. Laut Kneisel hat Frankfurt mit seinem TechQuartier und Co. hierzu erste wichtige Bausteine gelegt.

Die Amerikaner lieben Deutschland

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt, dass Goldman Sachs mehrere hundert Stellen aufgrund des Brexit in London abbauen will. Ob die Banker künftig an der Seine oder am Main leben, sei bereits entschieden. Die Standorte in Paris und Frankfurt sollen zu gleichen Teilen ausgebaut werden.

Kneisel nennt zwei Gründe: „Deutschland verfügt über ein ausgezeichnetes Länderranking, in Frankfurt sind zudem die Wege zur EZB-Bankenaufsicht nicht weit. Die amerikanischen Großbanken sind Frankfurt deshalb nicht abgeneigt.“

Bei diesen Banken hat Frankfurt wohl keine Chance

Die Credit Suisse, die Bank of America, Barclays, die Royal Bank of Scotland sowie Standard Chartered haben sich allem Anschein nach dafür entschieden, die EU- Geschäfte künftig von Dublin aus zu leiten.

Die HSBC wird nach Paris gehen. Kommt es zum Brexit, sollen 20 Prozent der Handelsumsätze von der Seine aus verwaltet werden. Die Lloyds Banking Group hingegen könnte einen ungewöhnlichen Weg gehen: Das Unternehmen will seinen Standort in Berlin aufwerten.

Holger Kneisel
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