Brexit – ein Ausstieg mit Folgen?

Warum und wie sich Finanzinstitute auf die Brexit-Szenarien vorbereiten sollten

Keyfacts

  • Am 11. Dezember stimmt das britische Unterhaus über die Brexit-Verträge ab.
  • Werden sie abgelehnt, ist ein harter EU-Ausstieg (hard Brexit) möglich.
  • Ein harter Brexit hätte auch für deutsche Banken weitreichende Folgen, da zahlreiche Regeln und Vorschriften mit der Mitgliedschaft eines Landes in der EU verknüpft sind.
Daniel Quinten
  • Partner, Financial Services
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In den vergangenen Wochen haben die Brexit-Verhandlungen zwar Fortschritte gemacht. Nach wie vor ist die Situation am 29. März 2019, dem Tag des Brexits, jedoch nicht gesichert. Ob es tatsächlich zu einem sogenannten harten Brexit kommt, also einem EU-Ausstieg Großbritanniens, der einen klaren Bruch mit Brüssel nach sich zieht, hängt auch von den kommenden Tagen ab. Am 11. Dezember wird das britische Parlament über den Entwurf des Brexit-Vertrags abstimmen, den die EU kürzlich verabschiedet hat. Seit Dienstag wird im Parlament über den Vertragsentwurf diskutiert. Im Unterhaus gibt es viele kritische Stimmen, eine Ablehnung des Vertrags ist möglich.

Brexit hat enorme Folgen für Alltag und die Wirtschaft

Die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits steigt damit. Der kann verschiedene Ausprägungen annehmen. Als Worst-Case gilt hierbei sicherlich ein Austritt ohne Abkommen und Übergangsfrist. Das hätte nicht nur drastische Folgen für die Lebenswelt und den Alltag vieler Briten. Auch der Wirtschaft und insbesondere der Finanzwirtschaft drohen enorme Folgen, die noch nicht absehbar sind. Eine Übergangsfrist hingegen würde bedeuten, dass zunächst bis Ende 2020 die bisherigen Regelungen fortgeführt und dass in dieser Zeit Punkt für Punkt die regulatorische Äquivalenz geprüft und gegebenenfalls attestiert würde.

Großbritannien könnte zu einem sogenannten Drittstaat werden

London gilt als europäische Finanzhauptstadt. Ein harter Brexit wirkt sich nicht nur auf Banken im Vereinigten Königreich aus. Auch Banken und Finanzinstitute, die Beziehungen oder Geschäfte mit Banken oder Kunden im UK unterhalten wären betroffen. Zuvorderst genannt im Kontext des Brexits wird häufig das „financial passporting“: Der Finanzpass gewährleistet, dass eine Bank, die in einem EU-Mitgliedstaat ihren Hauptsitz oder eine große Niederlassung hat und dort der Finanzaufsicht unterliegt, ihre Dienste auch in allen anderen Mitgliedstaaten anbieten darf – ohne dort ebenfalls große Niederlassungen unterhalten zu müssen und ohne eine Doppel-Beaufsichtigung durch die dortigen Behörden.

Eher unter der Oberfläche, aber mit weitreichenden Folgen ist jedoch auch eine andere Problematik: Mit einem harten Brexit wird Großbritannien zum Drittstaat und es gelten andere Regulierungen, bzw. die Paragraphen, die Geschäfte mit Drittstaatenbezug regeln. Dies kann zur Folge haben, dass mit sofortiger Wirkung zumindest Teile des bisherigen Geschäftsmodells in alter Form nicht mehr praktikabel sind.

Viele Geschäftsbereiche vom Brexit betroffen

Das Szenario eines harten Brexit erfasst die gesamte Regulierungslandkarte und betrifft neben bekannten Größen wie der Kapitaladäquanzverordnung CRR, der Eigenkapitalrichtlinie CRDIV oder der Finanzmarktrichtlinie MiFID2, weitere EU-Regularien, zum Beispiel auch die Datenschutzgrundverordnung DSGVO. Die betroffenen Bereiche von Banken sind vor allem Banksteuerung, Transparenz und Kundenrechte bzw. Verbraucherschutz, Datenmanagement und -haltung, Zahlungsverkehr und Wertpapierhandel. Finanzinstitute sollten die entstehenden Konsequenzen daher frühzeitig und systematisch analysieren und verorten. Ein Beispiel ist das Clearing von EUR-Derivaten über LCH in London. Wird das nicht mehr zulässig sein, verändert dies das gesamte Derivategeschäft und auch die Banksteuerung.

Banken können Auswirkungen nicht ausreichend abschätzen

Da in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder über den Brexit berichtet wurde, ist vielen Banken das Thema zwar bewusst. Welche Auswirkungen ein Austritt Großbritanniens hätte, können viele Finanzinstitute jedoch noch nicht holistisch abschätzen. Der Brexit wird in vielen deutschen Banken lediglich als Thema der Häuser im UK wahrgenommen. Die eigene Betroffenheit wird übersehen oder ignoriert, dabei drohen möglicherweise durch Rechtsverstöße zivil- oder sogar strafrechtliche Konsequenzen.

Egal, was am 11. Dezember im britischen Unterhaus entschieden wird und egal, ob nach dem 29. März 2019 noch Übergangsfristen greifen. Deutsche Banken sollten sich ernsthaft mit dem Brexit auseinandersetzen.

Task-Force kann mögliche Folgen ausarbeiten

Dazu sollten Banken zunächst in einem Schritt alle vom Brexit betroffenen Bereiche und Geschäfte identifizieren. Hierzu sollte eine multidisziplinäre Task-Force als Nukleus eingerichtet werden. Wichtig ist deren Zusammensetzung. Jeder betroffene Bereich sollte repräsentiert sein, ebenso die Chefetage einer Bank, auch Regulierungs- und Rechtsspezialisten sollten in der Task-Force vertreten sein. Banken können auch darüber nachdenken, externe Spezialisten hinzuziehen. Sie bringen einen Blick von außen mit, beleuchten die Themen anders und können von Erfahrungen mit anderen Kunden profitieren. Ein weiterer Vorteil: Sie erleichtern den Anpassungsprozess und sorgen so mit dafür, dass die Bank ihrem täglichen Geschäft weiter nachkommen kann.

Weitere wichtige Schritte für eine umfangreiche Analyse

– Sicherstellung und Einhaltung aller rechtlichen und organisatorischen Vorschriften.

– Reporting- und Governance-Anforderungen für Banksteuerung und Meldewesen ermitteln.

– Möglichkeiten zur Minimierung der absehbaren Mehrkosten ausarbeiten, zum Beispiel durch höhere Eigenkapitalanforderungen oder redundante Funktionen.

Aufgrund der Analyse wird ein Maßnahmenplan erstellt. Anschließend folgt dessen Operationalisierung in Form von Aktionsplänen und deren zügige Umsetzung. Regulatorischen Experten begleiten den Prozess und agieren als Sparring-Partner. Sie beobachten den Verhandlungsprozess und damit die Wahrscheinlichkeit der Szenarien.

Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg

Eine erweiterte Prüfungsphase ist auch für die Zeit nach dem Brexit sinnvoll, da UK-spezifische Abkommen und Regelungen erst dann final ausgearbeitet werden können.

Es ist nun zügig Initiative gefragt, um die Institute auf die Folgen eines harten Brexits und auch für die neue Ordnung nach einer etwaigen Übergangsphase vorzubereiten und idealerweise somit auch Vorteile gegenüber weniger gut gerüsteten Wettbewerbern zu erringen.

Auch wer auf einen „weichen“ Ausgang der Verhandlungen hofft, sollte gleichzeitig die Risiken in Schach halten können. Für alle Szenarien gilt: Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg.

 

Daniel Quinten
  • Partner, Financial Services
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