Brexit: Mit dem Schlimmsten rechnen, das Beste hoffen

Der EU-Ausstieg Großbritanniens wirft viele Fragen auf und sorgt für Unsicherheiten.

Keyfacts

  • Wegen der langwierigen Diskussionen um die Ausgestaltung des Brexit konnten wichtige Entscheidungen nicht gefällt werden.
  • Viele Unternehmen haben oder konnten ihre individuelle Betroffenheit noch nicht planen.
  • Bei der Planung eines Worst-Case-Szenarios sollten vor allem zwei Fragen im Vordergrund stehen.
Brexit Quick Check
Nikolaus Schadeck
  • Partner, Audit, UK Country Practice Leiter
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In rund zehn Wochen hat die Europäische Union ein Mitglied weniger. Am 29. März verlässt Großbritannien die Staatengemeinschaft. Vielleicht auch später. Ganz klar ist das noch nicht. Seit einigen Monaten wird in zähen Verhandlungen um die Details des Ausstiegs gerungen. Erst am 15. Januar musste die britische Premierministerin Theresa May bei einer Abstimmung eine krachende Niederlage hinnehmen.  Nun formiert sich im Unterhaus eine Gruppe, die den Brexit verschieben will. Einem entsprechenden Vorschlag werden gute Chancen eingeräumt.

Etliche Fragen bleiben noch unbeantwortet

Egal, ob für die Verschiebung gestimmt wird. Klar ist zurzeit nur, dass vieles unklar ist. Wann kommt es zum endgültigen EU-Austritt Großbritanniens. Kommt es zu einem ungeordneten Austritt, dem sogenannten Hard-Brexit? Wie würde sich das auf die Zölle und andere Kosten auswirken? Ist an den Grenzen zu und aus Großbritannien mit kilometerlangen Schlangen auf Kontrolle wartender LKW zu rechnen? Und das ist nur eine kleine Auswahl an Fragen.

Unsicherheit wird zum Geschäftsrisiko

Für Firmen, die in UK engagiert sind oder dort Zulieferer haben, ist die zunehmende Unsicherheit nicht nur ein Ärgernis, sondern wird immer mehr zum Risiko fürs Geschäft. Egal, wann es zum Austritt kommen wird, Unternehmen können mit chaotischen Zuständen konfrontiert sein. Mehr noch: Bei einem ungeordneten Brexit wird die Zukunftsfähigkeit einiger Unternehmen auf dem Spiel stehen. Als größter europäischer Handelspartner mit UK ist die deutsche Wirtschaft besonders betroffen.

Genaue Analyse schafft Gewissheit

Viele Unternehmen haben ihre individuelle Betroffenheit noch nicht geprüft, geschweige denn Maßnahmen ergriffen, um die Bedrohungen aus einem Brexit für ihre Geschäftsmodelle zu minimieren. Erst eine genaue Analyse aber schafft Gewissheit über die Betroffenheit. Datenschutz, arbeitsrechtliche, steuer- und zollrechtliche, operative, finanzielle und strategische Aspekte oder die IT können relevant sein. Nur wenn man das Ausmaß kennt, sind Entscheidungen über Maßnahmen zur Beseitigung oder Milderung der Konsequenzen möglich.

Wichtige Aspekte eines Worst-Case-Szenarios

Wer Risiken vermeiden und sich auf mögliche Kostensteigerungen vorbereiten will, sollte die kommende Zeit bis zum Brexit für die Planung eines Worst-Case-Szenarios nutzen. Hierbei sollten vor allem zwei Fragen im Vordergrund stehen.

  1. Sind Sie auch nach einem harten Brexit lieferfähig bzw. kann Ihre Lieferkette aufrechterhalten werden? Ein harter Brexit könnte zur Folge haben, dass auf die sogenannte Drittstaatenlösung zurückgegriffen wird. Dann gelten wieder Zollbestimmungen. Nicht nur deswegen wird vor allem die Pharmaindustrie besonders betroffen sein. Die besondere Betroffenheit knüpft sich neben den Zollverfahren auch an die Arzneimittelzulassung.
  1. Ist der künftige Personaleinsatz gesichert? Auch die Frage der Personenfreizügigkeit, die innerhalb der EU die freie Wahl des Arbeitsplatzes garantiert, wird bei einem Brexit neu verhandelt. Hier könnte vor allem die Automobilbranche betroffen sein.

Steuern, Zölle und Datenschutz

Zu einer umfangreichen Analyse gehört es auch, die (negative) Entwicklung von Steuern und Zöllen zu berechnen. Ein weiteres Augenmerk gilt den Datenschutzbestimmungen, die sich mit dem EU-Austritt Großbritanniens auch ändern werden. Besonders die Unternehmen aus der Finanzbranche sollten hier eine tiefgreifende Analyse anstellen.

Für die Jahres- und Konzernabschlüsse und die Lageberichtserstattung hat die fortgesetzte Unsicherheit bereits heute schon Auswirkungen. Die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung, DPR, hat die Berichterstattung über die potentiellen Auswirkungen des Brexit zum Prüfungsschwerpunkt erhoben und die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde in einem Statement daran erinnert, dass Investmentfirmen über die Brexit-Auswirkungen auf Ihre Kundenbeziehungen und die ergriffenen Maßnahmen zu berichten haben.

Entscheidungen wurden verhindert

Die zähen politischen Verhandlungen um die Ausgestaltung des Brexit bringen nicht nur Unsicherheiten und Unwägbarkeiten mit sich. Sie haben auch dazu beigetragen, dass Unternehmen keine Entscheidungen treffen bzw. sich auf ein verlässliches Ausstiegsszenario vorbereiten konnten. Deswegen gilt wenige Wochen vor dem Brexit: Aufs Schlimmste vorbereiten und das Beste hoffen.

Nikolaus Schadeck
  • Partner, Audit, UK Country Practice Leiter
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