Brexit: Negativer als gedacht

Weshalb die Folgen des Austritts gravierender sind als befürchtet – und was nun zu tun ist

Keyfacts

  • Am 1. Januar 2021 ist das Vereinigte Königreich endgültig aus der Europäischen Union ausgetreten.
  • Für die meisten deutschen und britischen Unternehmen waren die Auswirkungen seitdem noch negativer als befürchtet.
  • Organisationen sollten sich darauf vorbereiten, dass die volle Tragweite des Brexits erst in den nächsten Monaten spürbar wird.
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Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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Großbritannien ist seit vier Monaten nicht mehr Teil des EU-Binnenmarkts und der Zollunion. Eine gute Zeit also für ein Stimmungsbild und eine Zwischenbilanz.

Unsere aktuelle Umfrage zeigt: Für die meisten deutschen und britischen Unternehmen waren die Auswirkungen des Austritts des Vereinigten Königreichs noch negativer, als sie zu Jahresbeginn befürchtet haben.

Dabei wird die volle Tragweite des Brexits voraussichtlich erst in einigen Monaten spürbar werden. Worauf sich Organisationen daher nun vorbereiten sollten:

Die Konsequenzen des britischen Austritts könnten sich noch verschärfen

Die Folgen des Brexits sind schon jetzt weitreichend: Seit dem EU-Austritt Großbritanniens hat sich der deutsch-britische Warenverkehr um fast ein Viertel reduziert. Jedes zweite der von uns befragten deutschen und britischen Unternehmen verzeichnet für die ersten drei Monate nach dem Brexit einen Umsatzrückgang – bei jeder vierten Organisation waren es sogar starke Einbußen.

Zugleich beklagen Unternehmen im deutsch-britischen Geschäft massiv steigende Kosten – durch zusätzlichen Verwaltungsaufwand, neue Zölle und Abgaben sowie steigende Logistikkosten. Mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen verzichtet sogar freiwillig auf die Anwendung des im Freihandelsabkommens geregelten Nulltarifs. Stattdessen nehmen diese Organisationen die Verzollung in Kauf, um den komplexen Regularien und aufwendigen Formalitäten zu entgehen – erinnert sei nur an „Ursprungsnachweise“.

Unternehmen, die mit Großbritannien Handel treiben, verlieren mit dem Brexit ganz klar an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der lokal ansässigen Konkurrenz. Und das zu einer Zeit, wo andere Regionen – besonders China und die USA – mit hohen Wachstumsraten und stabiler Profitabilität locken.

Nicht wenige Befragte ziehen daraus Konsequenzen: Eins von sechs Unternehmen hat sich entschieden, den Außenhandel mit UK ganz einzustellen. Andere wollen sich neue Lieferanten abseits des deutsch-britischen Korridors suchen, um den zusätzlichen Belastungen beim Im- und Export zu entgehen.

Hinzu kommt: Bisher hat der Brexit in Deutschland vor allem Unternehmen getroffen, die Waren aus Großbritannien importieren. Schließlich hat das Vereinigte Königreich die Einführung von vollständigen Zollkontrollen auf Januar 2022 verschoben.

Ab dann werden die Beeinträchtigungen für die nach UK exportierende deutsche Industrie noch stärker werden. Unternehmen sollten darauf vorbereitet sein – und ihre Geschäftsbeziehung zu Großbritannien in diesem Licht prüfen.

Die Chancen des Brexits

Gleichzeitig sollten die gegenwärtigen Hindernisse nicht den Blick auf die zukünftigen Chancen versperren.

Das Vereinigte Königreich wird ein wichtiger Handelspartner und Absatzmarkt Europas bleiben. Dementsprechend werden sich in den nächsten Jahren auch Chancen für deutsche Unternehmen ergeben. So ermöglicht der verhältnismäßig niedrige Wechselkurs des Pfunds weiterhin attraktive Investitionen in einzelne Vermögensgegenstände oder ganze Unternehmen.

Der US-Markt könnte sich über Beteiligungen an britischen Unternehmen bald noch besser als bisher erschließen lassen. Denn die Vereinigten Staaten und Großbritannien werden ihre „Special Partnership“ mit einem neuen Handelsabkommen möglicherweise weiter vertiefen.

Zudem können produzierende Unternehmen erwägen, den Handelsbarrieren durch die Verlagerung der Produktion nach Großbritannien zu entgehen – das heißt: in UK für den UK-Markt zu produzieren.

Auch seine Bedeutung als Forschungs- und Finanzstandort wird Großbritannien nicht gänzlich verlieren. Es bietet sich für Organisationen an, in diesen Bereichen auf Kooperationen zu setzen.

Wenn deutsche Unternehmen diese Chancen in den kommenden Jahren nutzen, könnte die nächste Brexit-Zwischenbilanz für sie weitaus positiver ausfallen.

Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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100 Tage Brexit – Zeit für ein Zwischenfazit

Rund 100 Tage nach dem Brexit beurteilen zwei Drittel der von uns befragten Unternehmen (67 Prozent) die tatsächlichen Auswirkungen des UK-Austritts negativer, als diese zum Jahresbeginn 2021 erwartet wurden. Das ist eines der Ergebnisse unserer Umfrage unter deutschen und britischen Unternehmen, die wir Ende März / Anfang April zusammen mit der British Chamber of Commerce in Germany (BCCG) durchgeführt haben.

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