Brexit: Was nun wichtig ist

Welche Risiken und Chancen der EU-Austritt Großbritanniens für deutsche Firmen bereithält

Keyfacts

  • Auf den offiziellen EU-Austritt des Vereinigten Königreichs folgt eine weitere Phase der Unsicherheit für die Wirtschaft.
  • Was die künftigen Handelsbeziehungen zwischen UK und der Europäischen Union angeht, sind alle Szenarien offen.
  • Für Unternehmen, die sich jetzt vorbereiten, können sich Gelegenheiten für attraktive Investitionen und neue Marktzugänge ergeben.
Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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Großbritannien ist nicht mehr Teil der Europäischen Union.

Das zumindest steht ab heute fest – dreieinhalb Jahre nach dem Brexit-Referendum, nach drei Aufschüben und unzähligen Verhandlungen.

Viel mehr Fakten gibt es nicht. Wie die zukünftigen Beziehungen der EU zum Vereinigten Königreich aussehen werden, ist unklar. Bis zum 31. Dezember 2020 bleibt Großbritannien im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion. Wie es danach weitergeht oder ob es noch eine Verlängerung der Übergangsphase gibt, wird noch zu verhandeln sein.

Eine weiterhin enge Bindung an die EU und ihre Regeln („Soft Brexit“) erscheint genauso möglich wie ein Austritt ohne Handelsabkommen („Hard Brexit“). Ebenso könnte es sein, dass UK insbesondere im Steuerrecht künftig eigene Wege geht und zu einer Art europäischem Singapur avanciert.

Es sind also weiterhin alle Szenarien offen. Für Unternehmen bedeutet das aber nicht nur Risiken, sondern auch eine Vielzahl an Chancen.

Grafik: Mögliche Szenarien des Brexit

Ende Februar beginnen voraussichtlich die Verhandlungen über ein neues Handelsabkommen zwischen UK und EU.

Sofern die Übergangsphase nicht verlängert wird, verlässt Großbritannien zum 31. Dezember 2020 den EU-Binnenmarkt.

Singapur, Hard oder Soft Brexit: Was die künftigen Handelsbeziehungen zwischen UK und EU angeht, sind alle Szenarien offen.

Mögliche Schwierigkeiten

In Phasen der Unsicherheit richtet sich der Blick häufig zunächst auf die Schwierigkeiten.

Besonders auf stark globalisierte Wirtschaftszweige wie die Automobilindustrie und ihre Zulieferer könnte der endgültige EU-Austritt Großbritanniens einen negativen Einfluss haben. Denn abhängig davon, wie das Handelsabkommen ausfällt, würde das Vereinigte Königreich für sie sowohl als Produktionsstandort als auch Absatzmarkt schwieriger.

Beispielsweise auch für die Nahrungsindustrie könnte es zu Probleme kommen. Großbritannien importiert einen Großteil der leicht verderblichen Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Frischmilch und Frischfleisch. Verstärkte Grenzkontrollen und höhere Zölle würde die rechtzeitige Auslieferung dieser Produkte erheblich erschweren.

Allgemein kommen auf Unternehmen eine Vielzahl von Veränderungen zu: etwa im Hinblick auf Arbeits-, Datenschutz- sowie Patentrecht, in der Logistik und in der IT.

Empfehlungen für deutsche Unternehmen

Derzeit erscheint es eher unwahrscheinlich, dass die Übergangsphase noch über den 31. Dezember 2020 verlängert werden könnte. Daher sollten sich deutsche Unternehmen schon jetzt auf die operativen Aspekte des Ausscheidens Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt vorbereiten, um so ihr bestehendes Geschäft soweit wie möglich zu sichern. Unabhängig davon, ob der Inselstaat für sie Produktionsstandort, Import- oder Exportpartner ist.

In jedem Fall ist es wichtig eine Zollnummer zu beantragen (die sogenannte EORI-Nummer), die Abwicklung der Ein- bzw. Ausfuhr vorzubereiten und Visa-Fragen zu klären. Zudem sollten Firmen ihre ERP-Systeme anpassen und auch ihre Verkaufspreise neu strukturieren, denn der Brexit wird sicherlich zu zusätzlichen Kosten führen.

In manchen Fällen wird es außerdem erforderlich sein, die eigenen Wertschöpfungsketten (englisch: „supply chains“) umzubauen, um etwa Importe aus Großbritannien zu vermeiden. Auch das Adaptieren von Verträgen kann notwendig werden, da bestimmte Klauseln ungültig werden können.

Brexit bietet Chancen für Unternehmen

Die möglichen Schwierigkeiten und erforderlichen Anpassungen sollten Unternehmen nicht den Blick auf den wichtigsten Aspekt des Brexit versperren: die Chancen.

Solange das britische Pfund niedrig notiert, gibt es Gelegenheiten für attraktive Investitionen in einzelne Vermögensgegenstände oder ganze Unternehmen. Zudem bieten Kooperationen mit britischen Partnern oder Unternehmensübernahmen deutschen Firmen die Möglichkeit, sich den Commonwealth zunutze zu machen und das eigene Geschäft in Kernmärkten des Vereinigten Königreichs auszubauen, etwa in Indien und Afrika.

Weiterhin sollten deutsche Unternehmen auch die gute Position britischer Unternehmen im US-Markt im Blick haben. So werden die USA und Großbritannien ihre „Special Partnership“ im Rahmen eines neuen Handelsabkommens deutlich ausbauen.

Ein europäisches Singapur?

Letztlich könnten sich für deutsche Unternehmen je nach Ausgestaltung des zukünftigen Handelsabkommens zwischen Großbritannien und der EU auch ganz neue, bislang nicht erwogene Optionen ergeben: Denn wenn Großbritannien zu einem europäischen Singapur würde, das dennoch über günstige Konditionen im Handel mit der EU verfügte, dürften deutsche Unternehmen auch über eine Verlagerung von Aktivitäten dorthin nachdenken.

Fazit

Der Brexit sorgt weiter für Unsicherheit und wird deutsche Unternehmen in den nächsten Monaten beschäftigen.

Doch wer sich rechtzeitig vorbereitet, die Augen aufhält und agil ist, der kann sein bestehendes Geschäft nicht nur sichern, sondern auch die sich neu ergebenden Chancen nutzen.

Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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