Brexit - wenn der Schlagbaum fällt

Der EU-Ausstieg hat vor allem auf die Lieferketten massive Auswirkungen.

Keyfacts

  • An den Grenzen kann es nach einem ungeordneten Brexit wegen der Zollkontrollen zu langen Staus kommen.
  • Eine ausführliche Betroffensheitsanalyse hilft dabei, die Folgen für das eigene Unternehmen und die Lieferketten abzuschätzen.
  • Es gilt vor allem zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Entscheidungen und Aktionen zu unterscheiden.
Brexit Services
Kaveh Taghizadeh
  • Partner Consulting
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Kommt es zu einem EU-Austritt Großbritanniens ohne Abkommen, einem sogenannten Hard Brexit, endet die Mitgliedschaft schlagartig und ohne Übergangsfrist am 29. März. Alle Waren, die das Königreich verlassen oder eingeführt werden, müssen kontrolliert werden. Die Folgen können im wahrsten Sinne des Wortes ausgerechnet werden. Der wichtigste Grenzübergang zwischen Großbritannien und der EU ist das Einfallstor Dover-Calais. Nahezu 20 Prozent der gesamten Handelswaren verlassen UK über die Grenze beziehungsweise gelangen hinein. Mehr als 16.000 Lastwagen nutzen die Dover-Calais-Verbindung täglich. 98 Prozent können die Grenze derzeit ohne Kontrollen passieren. Kommt es nun zu einem ungeordneten EU-Austritt, fällt in der Nacht zum 30. März der Schlagbaum, Zollbestimmungen greifen und die LKW müssen kontrolliert werden.

Enorme Kosten und massive Staus

Egal, ob die Zollmitarbeiter zwei oder 20 Minuten dafür brauchen. Sicher ist, dass es an den Grenzen zu kilometerlangen Staus auf beiden Seiten kommen wird. Das führt zu einer massiven Wartezeit, die bis zu 20 Tage andauern kann. Und Wartezeit kostet. Etwa 250 Euro kann ein Logistikdienstleister täglich verrechnen. Von den Kosten abgesehen kommen weitere Herausforderungen hinzu: Lieferzeiten verlängern sich enorm, was etwa die Lieferung von Lebensmitteln oder Medikamenten unmittelbar beeinflusst. Auch „Just-in-Time“-Lieferungen, für die Autoindustrie enorm wichtig, können kaum noch kalkuliert werden.

Ausführliche Analyse

Die Lieferketten sind enorm und unmittelbar von einem ungeordneten Brexit betroffen. Das gilt branchenübergreifend. Nicht einmal mehr zwei Monate vor dem (Hard) Brexit ist deshalb eine umfangreiche Bestandsaufnahme zwingend notwendig. Aus ihr lassen sich Aktionen und Reaktionen ableiten. Kernfragen einer solchen Analyse sind: Welche Beziehungen habe ich zu und in UK? Welche Lieferketten- und wege gibt es? Welche Bereiche des Unternehmens sind betroffen? Jede detaillierter und transparenter die Analyse ausfällt, desto besser können mögliche Folgen bestimmt werden und kurz-, mittel- und langfristigen Aktionen eingeleitet werden.

Kurzfristig

  • Können bestehende Lieferrouten umgestellt und Großbritannien dabei separat betrachtet werden? Wo müssen welche Produkte gelagert werden, um Kunden ideal bedienen zu können? Auch für Unternehmen, die ihre Waren aus Übersee bekommen und über einen englischen Hafen nach Europa verschiffen, bietet es sich unter Umständen an, andere Routen zu wählen.
  • Bestellungen rechtzeitig abgeben: Für alles, was jetzt bestellt und noch vor dem 29. März geliefert wird, gelten die aktuellen Bestimmungen. Das kann sich nach dem Brexit von einem auf den anderen Tag ändern. Dann greifen unter anderem andere Zollbestimmungen.
  • Für genügend Lagerplätze sorgen: Weil unklar ist, ob es zu einem ungeordneten EU-Austritt kommt, füllen viele Unternehmen jetzt ihre Lager auf und reservieren entsprechende Flächen. Lager werden immer begehrter, teurer und schwieriger zu bekommen. Außerdem könnte es wichtig werden, bestimmte Waren auf Vorrat zu haben, weil für sie nach einem harten Brexit entweder erheblich längere Lieferzeiten gelten oder sie deutlich teurer werden.
  • Vertragsinhalte prüfen: Prüfen Sie, welche ihrer Vertragspartner Dienstleistungen nach und von der UK erbringt und welche Abhängigkeiten dies hat. Sind die Verträge auch für die Zeit nach einem harten Brexit passend oder sind beispielsweise die Incoterms und Service Level anzupassen?

Mittel- und langfristig

  • Entscheidungen über zukünftige Investments fällen: Die Automobilbranche ist eine der Schlüsselindustrien Großbritanniens. Zwölf Prozent des Gesamtexports kommen aus der Automobilbranche. Sie können ihre Produktion nicht ohne Weiteres aus dem Königreich verlegen, weil es schlicht zu aufwändig und kostenintensiv wäre. Aber sie können und werden zukünftige Produktionsstätten in anderen Ländern errichten. Ein asiatischer Autobauer macht dies und hat angekündigt, ein geplantes Werk nicht in UK sondern in den Niederlanden zu errichten. Auch in anderen Branchen lohnt es, sich zu hinterfragen, ob neue Produktionsstätten in Großbritannien wirtschaftlich sind.
  • Neuausrichtung der Lieferketten-Struktur: Strategisch platzierte Produktions- und Lagerstätten gewährleisten eine effiziente Belieferung der Kunden. Ein Brexit erfordert die Validierung, ob das bestehende logistische Netzwerk noch optimal aufgestellt ist oder ob Anpassungen notwendig sind.
  • Fachpersonal und Experten gewinnen: Zoll- und Rechtsbestimmungen, die IT, Steuerfragen. Der Brexit bringt viele Änderungen mit sich. Deswegen gehört es auch zur Personalplanung, mit sinnvollen Recruiting-Maßnahmen Experten für alle relevanten Themenfelder für sich zu gewinnen. Ihre Expertise wird immer gefragter und wichtiger.

Wie der Brexit und seine Folgen gestaltet werden, werden die nächsten Wochen zeigen. Vorhersagen sind nicht möglich. Genau deshalb gilt es, die eigene Betroffenheit so genau wie möglich zu analysieren, um so auch auf den schlechtesten Fall – einen Hard Brexit – gut vorbereitet zu sein.

Kaveh Taghizadeh
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