China: Attraktiver denn je

Wie Covid-19 die Investitionsbedingungen verändert

Keyfacts

  • China war als erstes Land vom Corona-Virus betroffen und scheint zügig aus der Wirtschaftskrise herauszukommen.
  • Es gibt viele Forderungen, die Lieferketten zu diversifizieren, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren.
  • Das Land selbst bleibt aber hochattraktiv durch seine Innovationskraft und dem wachsenden Binnenmarkt.
Andreas Feege
  • Partner, Audit, Leiter Country Practice China
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben

China ist in den vergangenen Jahren für deutsche Unternehmen ein Stabilitätsanker und Wachstumstreiber gewesen. Doch wie wird sich das durch die Corona-Krise verändern, die China als erstes Land weltweit traf?

Die Investitionsstimmung war vor dem Ausbruch des Virus zuversichtlich. Laut unserer Umfrage Business in China planten zwei Drittel der deutschen Unternehmen in China, innerhalb der kommenden zwei Jahre zusätzlich in das Land zu investieren. Knapp die Hälfte davon wollte ihre Produktion erweitern. Und zwar trotz Marktzugangsbarrieren und steigender Personalkosten. Denn die fundamentalen Standortfaktoren sprachen auch nach Jahrzehnten des Aufschwungs weiterhin für sich:

  • eine wachsende Mittelschicht, die den Binnenkonsum stärkt,
  • eine steigende Urbanisierungsrate,
  • hohe Qualität in der Arbeitsleistung auch dank exzellenter Bildung,
  • schnelle Umsetzung neuer Produktlinien durch vielfältige Industrie-Cluster.

Chinas Wirtschaft erholt sich rasch vom Corona-Virus

Dem Corona-Virus begegnete die chinesische Regierung mit einem rigorosen „Lockdown“. In vielen Städten und Regionen wurden Ausgangssperren verhängt, die Produktion kam weitgehend zum Erliegen. Der „Lockdown“ umfasste allerdings zu einem guten Teil die Neujahrsfestivitäten, zu denen die Arbeit ohnehin weitestgehend ruhte. Immer noch herrschen strenge gesundheitliche Vorsorgemaßnahmen, die man allerdings bereits aus Zeiten von SARS 2003 kennt.

Auszug aus der Umfrage „German Business in China“ von 2019: Plant Ihr Unternehmen zusätzliche Investitionen in China innerhalb der kommenden zwei Jahre? (Angaben in Prozent, Vergleich zur Umfrage 2018.)

Insgesamt hat sich Chinas Wirtschaft bereits wieder passabel erholt. In einigen Sektoren stärker, in anderen weniger. Insbesondere die Automobilverkäufe lagen im April kaum noch hinter den Vorjahreszahlen zurück – ein deutlicher Aufschwung, zumindest verglichen mit den enormen Absatzeinbrüchen im März und Februar.

Öffnung einzelner Sektoren für Investoren

Um die Wirtschaft nach den Corona-Schutzmaßnahmen zu stimulieren, haben chinesische Regierung und Zentralbank eine Reihe monetärer und fiskalischer Maßnahmen beschlossen. Diese umfassen unter anderem niedrigere Zinssätze und Mindesteinlagesätze, die Stundung von Steuer- und Sozialbeitragszahlungen, Unterstützungskredite für KMUs sowie Infrastrukturprojekte. Dennoch sehen wir kein Konjunkturprogramm gleicher Größe wie während der Finanzkrise 2008/2009, beläuft sich der aktuelle Stimulus doch nur auf geschätzt 3 % des BIP.

Wichtiger aber für Investoren sind die regulatorischen Veränderungen, die die Corona-Krise zu beschleunigen scheint. In den vergangenen Jahren und Monaten haben wir bereits zögerliche Öffnungstendenzen gesehen. Einzelne, bislang abgeschottete Sektoren wurden für ausländische Direktinvestitionen geöffnet.

Schutz ausländischer Investitionen

Dieser Trend setzt sich offensichtlich fort. Dafür spricht die Bekanntmachung 3431 der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform von Anfang März. Sie enthält elf Maßnahmen, um ausländische Investitionen und Unternehmen mit ausländischer Beteiligung (Foreign-invested Enterprises) zu stützen. Projekte mit ausländischer Beteiligung sollen leichter zu beantragen sein und schneller genehmigt werden.

Auszug aus der Umfrage „German Business in China“ von 2019: Wie würde sich Ihr Investitionsverhalten ändern, sollte der Marktzugang spürbar erleichtert werden? (Angaben in Prozent.)

Die Zahl der sogenannten Negativ-Liste, die geschützte Industrien benennt, soll dem Handelsministerium zufolge verkürzt werden. Zugleich sollen mehr Sektoren gelistet werden, in denen ausländische Investitionen explizit gewünscht werden.

Höhere Strafen für Missbrauch geistigen Eigentums

Konkret wird es am Beispiel Shanghai. Die Metropolregion öffnet Industrien wie alternativ angetriebene Fahrzeuge und Finanzen für ausländische Investitionen, erleichtert die grenzüberschreitende Finanzierung, erleichtert die Beschwerde gegen Verstöße gegen das geistige Eigentum und hat Strafen für Verstöße erhöht. Was aber unter dem Strich immer noch zu ungleichen Marktzugängen in China im Vergleich zu Deutschland führt.

Vielversprechend sind auch die neuen mit Steuervorteilen gespickte Sonderwirtschaftszonen (auch Pilotzonen genannt) für grenzüberschreitenden e-Commerce. Denn eines zeigt die Krise ganz eindeutig: Um Erfolg in China zu haben, muss man mehr denn je zwingend auch digital denken. Die Chinesen sind deutlich weiter fortgeschritten in ihrem Angebot an digitalen Produkten, aber auch in deren Nachfrage. Nahezu alle Kaufvorgänge sind digital vernetzt. Selbst Einkaufswagen sind mittlerweile mancherorts digitalisiert und mit einer Art Tablet ausgestattet, während die größte Neuerung in Deutschland der Clip für den Einkaufszettel ist.

Die Geschäftsmodelle von morgen in China verproben

Diese Digitalisierungsaffinität erweist sich auch als ein erheblicher Vorteil für China im Umgang mit dem Corona-Virus. Bildung online zu vermitteln verläuft weit weniger problematisch als in Deutschland. Die technischen Voraussetzungen für Homeoffice waren flächendeckend gegeben. Zudem kamen ganz neue digitale Ökosysteme zum Einsatz und zeigten ihre Leistungsfähigkeit, etwa in der Tele-Medizin. Gesundheitswerte werden über entsprechende Geräte und Apps gesammelt und ausgewertet, Roboter reinigen und desinfizieren ohne menschliche Kontakte, Drohnen dienen der Kommunikation und Überwachung des Lockdowns, bezahlt wird ohnehin größtenteils bargeldlos per Handy.

Auszug aus der Umfrage „German Business in China“ von 2019: Könnten chinesische Unternehmen in Ihrem Bereich Marktführer werden innerhalb der kommenden fünf Jahre? (Angaben in Prozent.)

China wird mehr und mehr zum Zukunftsland. Die Geschäftsmodelle, die hier heute funktionieren, könnten wir in ein paar Monaten bis Jahren auch auf den europäischen und amerikanischen Märkten sehen. Deutsche Unternehmen, die in China aktiv sind, generieren einen Wissensvorsprung für ihren Heimatmarkt.

Schlagwort: Lieferkettenverkürzung

Aktuell sind sie jedoch in Wartestellung. Schon in unserer Umfrage Business in China gaben nur 27 % der befragten deutschen Unternehmen an, dass sie 2019 ihre Umsatzziele in China erreichen oder übertreffen würden. Grund dafür ist der Handelsstreit zwischen China und den USA. Dessen Kern ist Chinas hoher Anteil an der weltweiten Industrieproduktion und die daraus resultierende Abhängigkeit.

Auch in der Corona-Krise wird diese Abhängigkeit beklagt, insbesondere mit Bezug auf Medikamente und medizinische Ausrüstung. In vielen Sektoren gibt es daher Bestrebungen die Abhängigkeit von einem Land zu reduzieren und die Lieferketten zu diversifizieren. Das ginge zulasten deutscher Unternehmen, die in China für den Export produzieren.

Doch der Binnenmarkt ist groß genug, die Wertschöpfungstiefe enorm und die Innovationskraft zu stark, als dass es sich lohnen würde, China den Rücken zu kehren. Im Gegenteil: Mit den angedeuteten Reformen ist China attraktiver denn je. Und das Corona-Virus hat durchaus auch Schwächen offenbart, in denen deutsche Expertise gefragt sein könnte. Lebensmittelsicherheit ist da nur ein Sektor.

Andreas Feege
  • Partner, Audit, Leiter Country Practice China
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben