Chinas System der sozialen Kredite

Warum das Streben nach Musterbürgern für deutsche Unternehmen relevant ist

Keyfacts

  • das Sozialkreditsystem wird bereits getestet
  • bis zum Jahr 2020 soll jeder chinesische Bürger an dem System teilnehmen
  • Ziel ist es, opportunes Verhalten zu belohnen
Andreas Feege
  • Partner, Audit, Leiter Country Practice China
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Ist bald Schluss mit Vorurteilen wie “Chinesen laufen bei Rot über die Ampel” und “Chinesen drängeln sich in der Schlange vor”? Denn die chinesische Regierung umarmt förmlich die Informationstechnologien des 21. Jahrhundert – und setzt diese nun auch gezielt zur Kontrolle und Disziplinierung ihrer Bürger ein. Das dazu entwickelte System heißt Social Scoring oder sozialer Kredit.

Wie funktioniert das System der sozialen Kredite?

Mit den Möglichkeiten von Big Data und Artificial Intelligence werden aktuell in zahlreichen Pilotprojekten in China Informationen über das Verhalten der Menschen gesammelt und bewertet. Mittels errechneten Punktwert wird jeder Bürger wie im Finanzwesen von einer Ratingagentur in verschiedene Klassen eingestuft. “AAA” dient dabei als höchste Bewertung und “D” als schlechteste.

Die Bewertung ist stark subjektiv. Auf den Webseiten der jeweiligen Pilotprojekte veröffentlicht die Regierung nur recht vage Hinweise darauf, nach welchen Kriterien die Beurteilung erfolgt. Wer im Zug raucht, schwarz fährt oder anderweitig auffällt, seine Steuerschulden nicht fristgerecht begleicht oder Kredite nicht zurückzahlt, riskiert ein schlechtes Ranking und landet auf einer sogenannten Schwarzen Liste. Diese ist öffentlich einsehbar.

Neben der Demütigung bedeutet dies für viele Millionen Chinesen bereits heute, kein Zug- oder Flugticket erwerben zu können. Positiv fällt hingegen auf, wer spendet, sich um seine Eltern kümmert, ehrenamtlich tätig ist oder öffentliches Eigentum schützt.

Ein entsprechend gutes Rating steigert die Chancen der Kinder an guten Schulen und Universitäten angenommen zu werden, ein Haus zu erwerben und führt zu steigender sozialer Anerkennung. So kann es durchaus passieren, dass sich die Schwiegereltern in spe bei dem Behörden nach dem Punktwert des zukünftigen Bräutigams ihrer Tochter erkundigen.

Wohingegen ein schlechtes Rating die Gefahr birgt, an den sozialen Rand gedrängt oder im Beruf nicht befördert zu werden, weil ein erforderlicher Mindestpunktwert nicht erreicht wurde.

Wie werden die erforderlichen Informationen gewonnen?

Der Wert von Informationen gewinnt zunehmend an Bedeutung und ist für den Erfolg des Systems der sozialen Kredite auschlaggebend. Es ist das Ziel der Regierung, Daten aus allen Lebensbereichen zu sammeln. Dafür benötigt es weitreichende Zugriffsmöglichkeiten auf Privatwirtschaft, Mobilfunkanbieter, Webdienste und andere Informationsträger.

Mangelnde Kooperationsbereitschaft mit der Regierung und große Bedenken im Umgang mit privaten Informationen sind in China nicht zu erwarten. Dazu passt auch die jüngst veröffentlichte Meldung von Airbnb in China. Der Online-Vermittler für Privatunterkünfte hat seine User darüber in Kenntnis gesetzt, dass Benutzerinformationen ohne zusätzlichen Hinweis an Behörden weitergeleitet werden könnten.

Das landesweite Videoüberwachungsnetz, das von der chinesischen Polizei “Himmelsnetz” genannt wird, zählt geschätzte 176 Millionen Kameras und soll bis 2020 auf mehr als 600 Millionen steigen. An einer Ampelkreuzung in Shenzhen wird bereits heute jeder Rotgänger mittels automatischer Gesichtserkennung überführt und sein Foto auf eine überdimensionale Videowand geworfen. Ein Knöllchen per SMS folgt in Sekunden schnelle.

Welche Ziele verfolgt die Kommunistische Partei mit dem System?

Vertrauen ist in China ein rares Gut. Doch wenn jeder jedem misstraut, beeinträchtigt das die wirtschaftliche Entwicklung. Allen voran, wenn Korruption Grund für das Misstrauen ist. Chinas Präsident Xi Jinping treibt seit Amtsantritt seine Anti-Korruptionskampagne voran und fördert eine saubere Regierungsführung. Dass der Einsatz erfolgreich ist, spiegelt sich im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International wider. China kletterte in den letzten Jahren von Platz 100 im Jahr 2014 auf Platz 77 im Ranking vom Februar dieses Jahres.

Diese Entwicklung will die chinesische Regierung mit dem System der sozialen Kredite weiter vorantreiben und eine moralische Grundordnung herstellen. Die Bürger sollen sich selber und auch gegenseitig besser disziplinieren. Mögliche Auswirkungen eines Fehlverhaltens sollen im Bewusstsein der Bürger verankert werden und somit eine präventive Wirkung entfalten. Die Regierung denkt sogar noch einen Schritt weiter. Mittels Künstlicher Intelligenz sollen Verhaltensmuster der Menschen analysiert, verglichen und somit das zukünftige Verhalten der Menschen vorhergesagt werden.

Welche Auswirkungen hat das System auf Unternehmen?

Bis zum Jahr 2020 soll im ganzen Land ein möglichst umfassendes, miteinander verzahntes System aufgebaut werden und jeder Bürger und jedes Unternehmen einen Punktwert erhalten.

Die Auswirkungen auf Unternehmen zeichnen sich noch nicht genau ab. Müssen Unternehmen Konsequenzen für das private Handeln ihrer Mitarbeiter tragen bzw. hat ein schlechtes Ranking des Arbeitgebers auch Auswirkungen auf den persönlichen Score? Werden Subventionen oder die Höhe der Steuerzahlungen an den Punktwert gekoppelt? Hat ein niedriger Punktwert Auswirkungen auf das Vergaberecht oder das Konsumverhalten der Menschen?

Unternehmen mit Aktivitäten in oder wirtschaftlichen Verflechtungen mit China ist zu empfehlen, die weitere Entwicklung zu beobachten und das Thema im Risikoportfolio abzubilden. Die Regierung setzt die Spielregeln und niemand kann vorhersehen wie weit diese reichen. Fragen wie ob die eigene Unternehmenskultur, Kommunikation oder Produkte und Dienstleistungen mit dem Ideal der Kommunistischen Partei zu vereinen sind, dürften bald häufiger Gegenstand der Diskussionen werden.

Dass die Bürger das Projekt ablehnen, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: In China gibt es einen Mega-Hype um Computerspiele, allen voran unter jungen Chinesen. Das System der sozialen Kredite mit Ranking und Punktevergabe beflügelt möglicherweise die Vorstellung, bald selbst Protagonist eines solchen „Spiels“ zu sein.

Andreas Feege
  • Partner, Audit, Leiter Country Practice China
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