Coronavirus: Wie Pharmaunternehmen reagieren

Im Interview erklärt unser Experte, wie unter Zeitnot nach Impfstoffen geforscht wird

Keyfacts

  • Am 31. Dezember 2019 meldeten die chinesischen Behörden der WHO eine Häufung von Lungenentzündungen unbekannter Ursache.
  • Bislang gibt es keine Impfung gegen das Coronavirus 2019-nCoV.
  • Behandelt werden daher nur die Symptome.
Thomas Hillek
  • Partner, Consulting, Head of Life Sciences & Chemicals
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Der medizinische Fortschritt in den letzten gut 150 Jahren ist beachtlich. Organe werden transplantiert, Krebszellen bestrahlt, Augen gelasert. Viren allerdings bleiben eine Gefahr, die nicht zufällig von Science-Fiction- und Horrorfilmen gleichermaßen aufgegriffen wird. Die aktuelle Ausbreitung des Coronavirus 2019-nCoV zeigt, wie groß die Angst vor möglichen Pandemien ist.

Dabei beherrscht die Medizin auch Viren ziemlich gut, wie sich zum Beispiel an den jährlichen Grippeschutzimpfungen zeigt. Wir sprachen daher mit Thomas Hillek, Head of Life Sciences & Chemicals bei KPMG, wie Pharmaunternehmen plötzlich auftretenden Krankheiten begegnen.

Ein Virus taucht scheinbar aus dem Nichts auf. Wie reagieren Pharmaunternehmen darauf?

Große Pharmaunternehmen tun sich schwer mit kurzfristigen Themen. Man muss sich vor Augen führen, dass eine neue Impfstoffentwicklung üblicherweise zwischen 8 und 15 Jahren dauert. Die Kosten dafür liegen durchaus bei bis zu einer Milliarde Euro. Investitionen wie diese werden unter Abwägung von medizinischen und wirtschaftlichen Überlegungen lange geplant. So viel Kapital steht selten von einem Moment auf den anderen zur Verfügung. Zumal auch die Forschungskapazitäten nicht ad hoc in solchem Umfang erweiterbar sind.

Dennoch dauerte es bei der Vogelgrippe und Ebola kaum ein Jahr bis Gegenmittel gefunden wurden. Wie gelingt den Forschern das?

Die großen Pharmaunternehmen arbeiten mit Vakzinenplattformen. Sie bauen also auf Impfstoffen auf, die es schon gibt. Die Vogelgrippe H5N1 ist sehr ähnlich zu dem „typischen“ Influenza-A-Virus, das sich regelmäßig unter Menschen verbreitet. Das Coronavirus 2019-nCoV wiederum ist verwandt mit dem gut erforschten SARS. Man beginnt also nicht bei null. Wichtig ist, das Virus möglichst schnell zu identifizieren und dessen Genmaterial zu sequenzieren. Dann beginnt die Forschung nach einem passenden Impfstoff.
Ist dieser gefunden, wird der übliche Weg allerdings abgekürzt. Normalerweise durchläuft jeder Impfstoff mehrere Phasen klinischer Studien. Bei jeweils wachsender Probandenzahl werden über Studien die Wirksamkeit, Dosierung und Nebenwirkungen ermittelt. In Fällen, in denen schwere, tödliche Pandemien drohen, kann auch in begründeten Ausnahmenfällen vor Phase 1 getestet werden

Also direkt an Infizierten?

Richtig. Träger des Virus werden informiert, dass es einen noch nicht klinisch erprobten vermeintlichen Impfstoff gibt. Wer zustimmt und bestimmte Voraussetzungen erfüllt, kann zum Probanden werden.

Trotz der vorhandenen Impfplattformen erfordern neue Viren und Krankheiten eine Verschiebung von Personal und Kapital. Können Pharmaunternehmen Forschungsgelder so rasch umleiten? Geht das zulasten der „üblichen“ Forschung?

Eine wichtige Rolle spielen innovative Biotechnologie-Unternehmen, Biotechs genannt, sowie Forschungsinstitute. Sie sind sehr reaktionsschnell und darauf ausgerichtet, die Stoffe der Impfplattformen weiterzuentwickeln. So waren es australische Forscher des Doherty Institute for Infection and Immunity in Melbourne, die am Mittwoch meldeten, 2019-nCoV nachgezüchtet zu haben. Das erleichtert die Forschung an Gegenmitteln natürlich erheblich.

Es kommt dabei natürlich zu Verschiebungen. Andererseits werden durch die konzertierte Aktion Erkenntnisse gewonnen, die auch anderweitig von Nutzen sind. Und die vorübergehende Prioritätenverschiebung ist zudem durchaus gerechtfertigt.

Haben Sie vielen Dank für das Interview, Thomas Hillek.

Thomas Hillek
  • Partner, Consulting, Head of Life Sciences & Chemicals
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