Covid-19: Die Welt danach

Wie eine neue Normalität aussehen könnte und warum sich Unternehmen vorbereiten sollten

Keyfacts

  • Viele Firmen sind derzeit vorrangig mit der unmittelbaren Krisenreaktion beschäftigt.
  • Entscheidungsträger sollten sich aber so schnell wie möglich auch für die Zeit nach der Pandemie wappnen.
  • Der Status quo ante wird voraussichtlich nicht wiederkehren, wie unsere Szenarien zeigen.
Dr. Benedikt Herles
  • Senior Manager, Head of Sustainable Transformation
Nachricht schreiben

Nach vorne schauen – dafür bleibt momentan wohl den meisten Führungskräften nicht viel Zeit.

Das Coronavirus hat die Weltwirtschaft schwer getroffen, Unternehmen agieren im Krisenmodus. Schon die Aufrechterhaltung des täglichen Betriebs bedarf enormer Kraftanstrengungen. Da rutscht langfristige Planung leicht ans Ende der Prioritätenliste.

Nichtsdestotrotz. Wenn die ersten Härten der Krise überstanden sind, sollten sich Firmen umfassend auf anhaltende Unsicherheiten und neue Risikoszenarien einstellen.

Wirtschaftliches Negativszenario: Deglobalisierung und anhaltender Wohlstandsverlust

Stellen Sie sich vor: Die fiskalischen und monetären Maßnahmen in Europa und den USA verfehlen ihre Wirkung. Es kommt zu einer weit über dieses Jahr hinaus anhaltenden globalen Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit und ungezählten Insolvenzen. Insbesondere die Ökonomien der Schwellenländer straucheln. Ihre Gesundheitssysteme, Staatskassen und Kapitalmärkte sind nur schwer in der Lage, den Covid-19-Stresstest zu bestehen.

Gleichzeitig dominiert verstärkter Protektionismus die internationale Handels- und Investitionspolitik. Konzerne überdenken ihre global verteilten, aber anfälligen Wertschöpfungsketten. Das Resultat ist eine Deglobalisierung, eine Rückabwicklung ökonomischer Vernetzung. Anhaltende wirtschaftliche Unsicherheiten führen zu strukturell höheren Risikoprämien bei der Finanzierung von Unternehmen und zu einer stark gedrosselten Investitionstätigkeit. Kreditausfälle produzieren eine europäische Bankenkrise.

Wahrscheinlich wird es so weit nicht kommen. Von einer Rückkehr zum Status quo ante ist aber ebenso wenig auszugehen. Teile dieses Negativszenarios werden wohl eintreten, wenn auch abgeschwächt.

Politisches Negativszenario: Spaltung Europas und Schwächung der Demokratie

Denken Sie die Krise erneut zu Ende: Italien und Spanien erholen sich nicht mehr von den ökonomischen Folgen der Covid-19-Krise und können sich auf dem Kapitalmarkt mittelfristig kaum noch refinanzieren. Gleichzeitig kann sich die Europäische Union nicht auf ein Bailout-Programm einigen. Anhaltende Kapitalmarktwetten gegen die Staatsfinanzen des Südens sind die Folge. Das Schengener Abkommen bleibt ausgesetzt.

Westliche Demokratien kopieren den scheinbar erfolgreichen chinesischen Weg der autoritären Krisenintervention. Grundrechtseinschränkungen, Verbote und staatliche Interventionen werden zu politischen Blaupausen für die Bewältigung anderer globaler Herausforderungen, insbesondere des Klimawandels. Es kommt zu einer neuen anti-demokratischen Normalität in einem dauerhaften Krisenmodus.

Auch hier gilt: Dieses Szenario wird in seiner ganzen Härte so vermutlich nicht eintreffen. Trotzdem ist mit anhaltenden politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen zu rechnen, und das weltweit.

Die neue Normalität: Wie sich Firmen vorbereiten sollten

Aus Unternehmenssicht ist eine ganzheitliche Einstellung auf die neue Normalität nach Covid-19 nötig. Relevant sind dabei insbesondere die Themenfelder Geopolitik, ESG und Technologie – kurz: GET. Sie werden die Management-Agenda nach Ende der ersten Pandemie-Phase maßgeblich prägen.

Firmen sollten geopolitische Risikoszenarien wie eine Deglobalisierung oder eine europäische Desintegration analysieren und bewerten, um anschließend Maßnahmen für die Stärkung der eigenen finanziellen, strategischen und operativen Resilienz umzusetzen. Andererseits sollten sie offen sein für neue Chancen: Eine industrielle Repatriierung kann die Nachfrage nach lokalen Produktions- und Beschaffungskapazitäten befeuern. Steigende öffentliche Ausgaben, zum Beispiel im Gesundheitssektor eröffnen neue Wachstumsaussichten.

Im Bereich ESG ist davon auszugehen, dass es besonders in Europa zu einem „grünen Wiederaufbau“ der Wirtschaft kommen wird. Subventionen im Rahmen kommender Konjunkturprogramme könnten an Nachhaltigkeitsanforderungen gekoppelt werden. So sehr die Covid-19-Krise kurzfristig das Thema Sustainability in den Hintergrund gedrängt hat, so sehr kann sie sich auf die lange Sicht sogar als Katalysator einer nachhaltigen Transformation der Wirtschaft entpuppen.

Aus technologischer Sicht ist damit zu rechnen, dass die Erfahrungen aus der Home Office- und Lockdown-Periode zu verstärkten Investitionen in die digitale Unternehmensinfrastruktur führen. Und auch das Szenario einer Deglobalisierung könnte sich als Treiber für die weitere Automatisierung von Produktionsprozessen an heimischen Fertigungsstandorten entpuppen.

Fazit

Das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Unternehmensumfeld wird sich durch Covid-19 nachhaltig verändern. Entscheidungsträger sollten globale Risikodimensionen ganzheitlich verstehen, Resilienzen stärken und neu entstandene Opportunitäten aufgreifen.

Dafür sollte der Übergang von einer schellen Krisenintervention hin zu einer langfristigen und strategischen Anpassung gelingen.

Dr. Benedikt Herles
  • Senior Manager, Head of Sustainable Transformation
Nachricht schreiben