Für erfolgreiche Energiewende: Netzausbau jetzt

Wenn die Energiewende gelingen soll, müssen die großen Stromtrassen ausgebaut werden.

Keyfacts

  • Netzstabilität verschlingt Millionen Euro
  • Es drohen zwei Preiszonen in Deutschland
  • Bevölkerung erzwingt Erdverkabelung
Michael Salcher
  • Partner, Head of Energy & Natural Resources
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Die deutsche Bevölkerung, das haben jüngste Umfragen bestätigt, steht immer noch mit großer Mehrheit hinter der Energiewende. Sie ist für den Ausstieg aus der Kernenergie und für den Ausbau der erneuerbaren Energien. In der Praxis sieht das im Moment so aus: Im Norden der Republik wird sehr viel Strom durch Windkraft regenerativ erzeugt, den der Süden und der Westen nach der schrittweisen Abschaltung der Kernkraftwerke zukünftig für den industriellen und privaten Konsum benötigt. Die Frage ist nun: Wie kommt er dorthin?

Denn der dringend notwendige Netzausbau kommt nur schleppend voran. Es ist wie so oft: Die Menschen sind zwar für die Energiewende, aber sie wollen von ihr möglichst wenig belästigt werden. Das Windrad soll nicht so nah an ihrem Garten stehen, die Stromtrasse am besten unsichtbar einmal quer durch die Republik führen. Das führte in jüngster Vergangenheit zu zahlreichen Klagen, die nicht folgenlos bleiben.

Hohe Kosten durch Netzengpässe

Schon jetzt ist es so, dass im Norden regelmäßig viel zu viel Strom erzeugt wird, der nicht immer zur rechten Zeit weitergeleitet werden kann. Um die Netzstabilität im Stromnetz zu gewährleisten, werden verschiedene Gegenmaßnahmen eingeleitet. So werden beispielsweise bei Windrädern die Rotorblätter quer gestellt, damit der Wind nicht greift. Oder Deutschland leitet den Strom in die Netze seiner Nachbarländer, was die Wirtschaftlichkeit der dortigen Kraftwerke beeinträchtigt – und umgekehrt. Im Jahr 2015 sorgte das Eingreifen der Übertragungsnetzbetreiber für Redispatch-Kosten von 715 Millionen Euro – vier Jahre zuvor lag der Betrag noch bei 42 Millionen Euro.

Zwar gibt es inzwischen ganze Ortschaften und auch Unternehmen, die energieautark sind. Darüber hinaus wird an Alternativtechnologien wie Batteriespeichern geforscht. Und das Energiesystem wird nach wie vor ein stabiles backup-System aus konventionellen Anlagen benötigen. Vielleicht ist der Ausbau nicht mehr in dem Maße nötig, wie zu Beginn der Energiewende vermutet wurde. Doch am Ausbau der großen Trassen führt kein Weg vorbei. Nur so ist beispielsweise ein weiterer Ausbau erneuerbarer Energien an ertragreichen Standorten mit wettbewerbsfähigen Erzeugungspreisen möglich. In der Nord- und Ostsee bläst der Wind konstant genug, um grundlastfähigen Strom zu erzeugen. Er muss nur verteilt werden.

Von den 92 Netzausbau- und Netzverstärkungsmaßnahmen, die im zweiten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2024 ausgewiesen wurden, bestätigte die Bundesnetzagentur 63. So sollen nun 3050 Kilometer bestehende Trassen optimiert und verstärkt werden, 2750 Kilometer werden völlig neu gebaut. Die Netze müssen durchgehend für Höchstspannung ausgelegt sein, sonst ist es wie bei einer Autobahn, die man durch ein Stück Landstraße unterbricht: Es staut sich immer. Auch sind Volatilitäten digital zu steuern – schließlich soll Strom dort verfügbar sein, wo er zu bestimmten Zeitpunkten verbraucht wird.

Ohne Netzausbau könnte es zwei Preiszonen geben

Nach massiven Protesten aus der Bevölkerung hat die Bundesregierung Ende vergangenen Jahres beschlossen, zumindest einen Teil der Trasse unter die Erde zu verlegen. Die rund 1000 Kilometer Erdverkabelung kosten deutlich mehr Zeit – und Geld. Das Bundeswirtschaftsministerium beziffert die zusätzlichen Kosten gegenüber den Überlandleitungen auf drei bis acht Milliarden Euro. Und der Netzbetreiber Amprion schätzt die Investitionskosten bei der Drehstromtechnik auf das Vier- bis Zehnfache wie bei Freileitungen. Dennoch sind die Entscheider davon überzeugt, dass der Ausbau so schneller und günstiger durchgeführt werden kann, als wenn die Regierung sich mit allen Kritikern auf einen Rechtstreit eingelassen hätte.

Wenn der Ausbau des Netzes nicht rasch realisiert wird, könnte dies fatale Folgen haben. Die Zahl der Eingriffe zur Netzstabilisierung wird weiter steigen – und damit auch die Kosten. Der freie Handel mit Strom innerhalb der Europäischen Union wäre gefährdet. Bisher wird Deutschland gemeinsam mit Österreich im Stromhandel als einheitliches Marktgebiet gesehen, das heißt, es gibt einen einheitlichen Großhandelspreis. Dies wird aber nur Bestand haben, so lange die Netzengpässe innerhalb des Gebiets nicht Überhand nehmen. Um mögliche Ringflüsse durch Polen und Tschechien zu vermeiden, schlägt die EU-Regulierungsbehörde momentan vor, Deutschland und Österreich wieder zu entkoppeln.  Zusätzlich denkbar wäre aber auch die Aufteilung Deutschlands in zwei Preiszonen, eine nördliche und eine südliche. Im Norden wäre der Strom billiger, im Süden teuer, was vor allem viele Mittelständler treffen würden, die ihren Sitz im Süden haben und viel Strom verbrauchen. Was für die Unternehmen besonders ärgerlich wäre, zumal der Industriestrompreis nach massiven Anstiegen in den Jahren zuvor in den vergangenen vier Jahren einigermaßen stabil geblieben ist.

Noch funktioniert die Stromversorgung, weil Deutschland die Übertragungsnetze  seiner Nachbarn nutzen darf. Doch spätestens 2022, wenn die letzten Kernkraftwerke im Süden planmäßig vom Netz gehen, braucht vor allem Süddeutschland eine verlässliche Lösung für eine weiterhin stabile Versorgungssicherheit.

Michael Salcher
  • Partner, Head of Energy & Natural Resources
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