Deutscher Startup Monitor 2018: K.o. ohne KI?

Ein Interview zur aktuellen Stimmung in der Gründerwelt.

Keyfacts

  • KI hat immer stärkeren Einfluss auf die Geschäftsmodelle von Start-ups.
  • Der IT-Fachkräftemangel ist weiterhin ein Problem der Branche.
  • In Sachen digitale Infrastruktur und Bildungspolitik besteht akuter Handlungsbedarf.
Studie herunterladen
Tim Dümichen
  • Partner, Tax, Smart Start
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben

Mehr KI, weniger MINT – zwei Trends der mittlerweile sechsten Ausgabe des Deutschen Startup Monitors (DSM), die besonders hervorstechen. Im Interview kommentieren Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups e. V., und Tim Dümichen, Partner bei KPMG und Start-up-Experte, die aktuellen Ergebnisse der gemeinsamen Befragung. Die größten Sorgen der Branche: Fachkräftemangel und digitale Infrastruktur.

Herr Nöll, eines der interessantesten Ergebnisse des DSM: Für ein Viertel der Start-ups ist Künstliche Intelligenz (KI) relevant fürs Geschäftsmodell. Sind Start-ups grundsätzlich empfänglicher für neue Technologien als etablierte Unternehmen?
Ich bin davon überzeugt, dass sich Start-ups aus einer natürlichen Neugier heraus und dem Drang mit innovativen Geschäftsmodellen Märkte zu verändern, auf neue Technologien stürzen. Zudem sind mehr als 80 Prozent der Gründer in unserem Verband Akademiker, das heißt, sie kommen frisch von der Uni und bringen oft aktuelle Forschungsergebnisse in ihre Vorhaben ein.

Herr Dümichen, welche Bereiche und Prozesse in einem Unternehmen können allgemein von KI profitieren? Ist KI nur für die digitale Wirtschaft interessant?
Letztendlich hat KI für alle Unternehmen und Prozesse eine große Relevanz, die Datenmengen erzeugen und mit diesen neue Erkenntnisse gewinnen wollen. Das ist völlig branchenunabhängig. Ein autonomes Fahrzeug beispielsweise generiert gut 4.000 Gigabyte am Tag – stellen Sie sich vor, was für eine monströse Excel-Liste das ergäbe. Künstliche Intelligenz kann dem Automobilhersteller dabei helfen, die ungeheuren Datenmengen auszuwerten. Das kann und will kein Mensch leisten. Diese neuen Möglichkeiten der Datenanalyse und -verarbeitung bieten also einen erheblichen Mehrwert, den es zu nutzen gilt. KI bietet auch etablierten Unternehmen die Chance, sich an neue Themen zu wagen und neue Geschäftsmodelle zu integrieren. Was früher ein Auto war, ist heute ein Mobilitätskonzept, um vom A nach B zu kommen.

Herr Nöll, ist Deutschland Ihrem Eindruck nach in Sachen Digitalisierung auf gutem Wege oder gibt es noch grundlegende Hürden?
Das Thema digitale Infrastruktur ist ein Trauerspiel. Im heute vorgestellten DSM geben 64 Prozent der befragten Gründer an, dass die Verfügbarkeit von Breitband-Internet ein wichtiges Standortkriterium für sie ist. Derzeit sind aber keine angemessenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen erkennbar, die – sowohl beim Glasfaserausbau, als auch beim Thema 5G – dem Ernst der Lage gerecht werden. Der damit eng verbundene Fachkräftemangel im IT-Bereich bereitet der Branche ebenfalls zunehmend Sorgen.

Richtig. Drei von vier im DSM Befragten geben an, dass es schwierig sei, IT-Personal zu finden.
Florian Nöll: Das ist in der Tat eine besorgniserregende Zahl, die allerdings nicht nur Start-ups, sondern die deutsche Gesamtwirtschaft betrifft. Die Universität Zürich schafft gerade 18 Professuren im Bereich Digitalisierung und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge investiert in ein neues College für künstliche Intelligenz. Schlagzeilen, die man in Deutschland vermisst.

Wie kann man hier gegensteuern?
Florian Nöll: Nun, langfristig ist das natürlich eine bildungspolitische Frage. Kurzfristig behilft man sich schon seit einiger Zeit mit Fachkräften aus dem Ausland – das trifft zurzeit auf jeden zweiten IT-Mitarbeiter in einem deutschen Start-up zu. Hier könnte die Politik auch aktiver unterstützen, indem Verwaltungsabläufe vereinfacht werden und Personal zur Verfügung steht, das auch auf Englisch beraten kann. Inwiefern das Teil des neuen Zuwanderungsgesetzes sein wird, muss sich noch zeigen. Gerade in diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, Deutschland international als attraktiven und weltoffenen Arbeitsmarkt zu positionieren.

Tim Dümichen: Da kann ich nur beipflichten. Länder wie China investieren gerade enorm in die Ausbildung von Fachkräften im Bereich der Zukunftstechnologien. Fächer wie Künstliche Intelligenz und Digitalkunde kommen dort sogar bald in den Grundschullehrplan. Deutschland sollte auch mit Blick in die Zukunft den Anspruch haben, das „Land der Dichter und Denker“ zu bleiben. Unsere Ausbildung ist im internationalen Vergleich sehr gut – diese Stärke müssen wir beibehalten und zukunftsgerecht ausgestalten. Das Zeichen, das Siemens gerade in Berlin gesetzt hat, ist ein erster Schritt in die Zukunft: Das Unternehmen wird in den kommenden Jahren 600 Millionen Euro in einen Wissenschaftscampus investieren und hier gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Start-ups Konzepte für die digitale Welt von morgen entwickeln und umsetzen. Vorhaben dieser Art sind aber momentan noch die Ausnahme.

Florian Nöll: Davon einmal abgesehen, muss man noch nicht einmal bis nach China schauen, um gute Beispiele zu finden. In Skandinavien und dem Baltikum werden hier in Sachen Bildungspolitik und Infrastruktur neue Maßstäbe gesetzt, während wir hierzulande immer noch Probleme haben, unsere Schulen mit einer vernünftigen DSL-Verbindung auszustatten.

Gemessen an den Gesamtumsätzen machen die DSM-Start-ups über 80 Prozent ihres Geschäfts innerhalb Deutschlands. Ist die Branche zu zurückhaltend, was die internationale Ausrichtung angeht?
Florian Nöll: Ja und nein. Der deutsche Markt ist Fluch und Segen zugleich. Der Segen ist, dass hier 80 Millionen Menschen leben, der Fluch, dass man sich mit diesem ergiebigen Markt sehr lange beschäftigen kann, ohne den Druck zur Internationalisierung zu spüren. Gleichzeitig leiden wir immer noch unter einer mangelhaften Kapitalausstattung, die für eine Expansion notwendig ist. Um in diesem Bereich mit den USA oder China mithalten zu können, braucht es eine EU-weite Harmonisierung sowie eine Kapitalmarktunion, sonst wird sich dahingehend nicht viel ändern.

Tim Dümichen: Das sehe ich ähnlich. Der Altersdurchschnitt der befragten Start-ups betrug 2,5 Jahre. Das Wagniskapital wird vor allem in Deutschland in weiter entwickelte Start-ups investiert. Zwar gibt es inzwischen mehr Fördermittel für Existenzgründungen, was aber das Wagniskapital angeht, kann Deutschland hier international in der Frühphasenfinanzierung immer noch nicht mithalten. Was uns aber trotz alledem zuversichtlich stimmt: Die deutsche Technologie-Branche – also etablierte Unternehmen wie auch Start-ups – sind hochinnovativ und hervorragend mit der Forschungslandschaft vernetzt.

Tim Dümichen
  • Partner, Tax, Smart Start
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben

Deutscher Startup Monitor 2018

Die 6. Ausgabe des DSM beleuchtet Bedarfe und Befindlichkeiten deutscher Start-ups.

Jetzt herunterladen

KPMG verwendet Cookies, die für die Funktionalität und das Nutzerverhalten auf der Website notwendig sind. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Einsatz von Cookies zu, wie sie in der Datenschutzerklärung von KPMG im Detail ausgeführt ist.