Die digitale Welt erreicht die Pflege

Altersgerechtes Wohnen wird durch Assistenzsysteme für ältere Menschen technisiert

Keyfacts

  • Zahl der Pflegebedürftigen steigt
  • Anzahl der ausgebildeten Altenpfleger soll erhöht werden
  • Staat unterstützt die Gründung von Senioren-WG‘s
Prof. Dr. Volker Penter
  • Partner, Niederlassungsleiter
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Kinder müssen die Pflege ihrer Eltern bezahlen, auch wenn sie jahrelang keinen Kontakt zu ihnen hatten. So urteilte kürzlich der BGH. Die Debatte um die Pflege ist neu entbrannt. Ich frage mich, wie wir den Wünschen älterer Menschen wirklich gerecht werden können.

Pflege kann zum Sprengstoff in der Familie werden. Jeder von uns hat den Wunsch, gut versorgt alt zu werden. Doch die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Und überall fehlt das Geld. Betreute Plätze in Pflegeheimen sind knapp. Vor allem auf dem Land kann die fehlende Infrastruktur zum Problem werden.

Ich finde es wichtig, dass wir es schaffen, die Versorgungswünsche älterer Menschen zu erfüllen. Pflegeheime können das nicht immer leisten. Sie sind oftmals eine teure Lösung und entsprechen nicht dem Lebensentwurf, den Menschen heute haben.

Auch Pflegeskandale schrecken vor Heimen ab. Aber wir können es nicht ändern: In bestimmten Situationen sind Heime schlichtweg nötig. Nicht in jedem kleinen Ort können sie allerdings zur Verfügung stehen.

Trotz intensiver Betreuung möchten wir als ältere Menschen einen weitgehend selbstbestimmten Alltag erleben. Wie lässt sich diese Eigenständigkeit fördern?

Immer öfter gibt es Beispiele für Alters-WGs, Generationenhäuser oder betreutes Wohnen. Hausgemeinschaften können konventionelle Pflegeheime ersetzen. Der Staat unterstützt finanziell die Gründung von Senioren-Wohngemeinschaften.

Solche Einrichtungen sind sowohl ambulant als auch stationär denkbar. Man kennt sich. Die Anzahl der Mitarbeiter ist überschaubar und vertraut. Zwei Komponenten, die gerade ältere Menschen brauchen und möchten. Selbstbestimmung bedeutet, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen und nicht die Abläufe der Versorgung. Dieser Ansatz lässt sich in kleinen Gruppen einfacher umsetzen.

Das Konzept halte ich für eine gute Lösung. Gerade in der geringen Größe liegt viel Charme.

Wir müssen aber genau hinschauen:

Ist diese Versorgungsform für die Menschen mit ihrer Erkrankung wirklich geeignet? Die Eigenständigkeit ist nur dann realisierbar, wenn die vertraute Umgebung adaptierbar für meine Bedürfnisse ist und nicht zur Falle wird.

Wenn ein alter Mensch kaum eine Stufe bewältigen kann, ist er lebendig eingesperrt. Trotz seiner Umgebung, die ihm vertraut ist, kann er nur beschränkt ein eigenständiges Leben führen.

Feste Bezugspersonen in den Einrichtungen sind wichtig. Mitarbeiter, die über eine lange Zeit eine sehr vertraute Beziehung aufbauen konnten, wissen sehr viel über diesen Menschen.

Pflegende Angehörige werden immer wichtiger

Es ist ein gutes Zeichen, wie ich finde: Die Anzahl pflegender Angehörige nimmt zu. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur Pflegesituation in Deutschland: 69 Prozent der zu Pflegenden werden im häuslichen Umfeld betreut. Die Nachfrage nach Kursen in den Regionen ist riesig.

Ehrenamtliche Helfer sind hochmotiviert. Oft haben sie selbst schon einmal gepflegt oder kennen die Pflege aus ihrem persönlichen Umfeld.

Für alle ist ein wesentliches Merkmal entscheidend: Zeit. Das hat auch das Bundesgesundheitsministerium erkannt und plant, die Anzahl der ausgebildeten Alterspfleger zu erhöhen.

Ja, auch die digitale Welt wird die Alterspflege verändern

Es ist ein wichtiger Trend, den ich mit Interesse verfolge: Ambient Assisted Living (AAL). Altersgerechtes Wohnen wird immer mehr durch Assistenzsysteme für ältere Menschen technisiert.

Die AAL-Umgebungen passen sich selbstständig, proaktiv und situationsspezifisch den Bedürfnissen der Benutzer an. So soll älteren Menschen ermöglicht werden, ein langes selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu führen. Die Institute der Fraunhofer-Allianz arbeiten bereits an ganzheitlichen Systemlösungen.

Die Technologie steuert beispielsweise Haushaltsgeräte, die beim Verlassen der Wohnung automatisch abgeschaltet werden. Sie garantiert ein möglichst sparsames Energiemanagement, dient der Überwachung der Sicherheit und ist an ein externes Notrufsystem gekoppelt, das auch im medizinischen Notfall reagiert.

Ich bin davon überzeugt, dass wir mit zunehmender Technisierung mehr Menschen besser versorgen können. Warum nicht Lebensmittel online bestellen? Heute haben ältere Menschen noch große Probleme mit Laptops und Handys. Sie gibt es nur selten in Pflegeheimen. Das finde ich schade. Viele Geräte sind leider nicht seniorenfreundlich.

Mit der nachwachsenden Generation wird sich das ändern. Aber: Intelligente Technik erhöht die Kosten. Wir müssen uns heute schon fragen, wer das bezahlt.

Prof. Dr. Volker Penter
  • Partner, Niederlassungsleiter
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