Die spannendsten Fragen des Jahrzehnts

Unsere Experten blicken auf die 20er Jahre voraus. Die Einschätzungen zum Durchklicken.

Keyfacts

  • Die nächste Dekade wird weniger ruhig verlaufen. Geopolitik, Fragen des Gemeinwohls und Technologie werden sich beeinflussen.
  • Unternehmen werden zu den Gewinnern zählen, wenn sie mit ihren Daten konkrete Werte schaffen, neue Geschäftsfelder erschließen und sich selbst fortlaufend verbessern.
  • Compliance-Anforderungen steigen, der öffentliche Druck nach Transparenz nimmt zu.
Klardenker- Redaktion
  • KPMG
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Ein Jahrzehnt geht, ein neues kommt – zumindest nach landläufiger Zählung. Endlich kann man die Dekade wieder ohne langes Nachdenken benennen: Die 20er Jahre beginnen. Vorbei sind die Zehnerjahre.

Medial war gefühlt dauerhaft Alarmzustand. Doch ein nüchterner Blick auf die vergangenen zehn Jahre zeigt, dass es eines der besseren Jahrzehnte in der Menschheitsgeschichte war. Angetrieben von einer einstmals unvorstellbaren Zentralbankpolitik wuchs die Wirtschaft in Deutschland, aber auch weltweit, relativ konstant.

Was aber hat die Unternehmen umgetrieben? Und was werden die bestimmenden Themen in den 20er Jahren? Wir haben unsere Experten zu ihren Fachbereichen gefragt. Klicken Sie auf die Pfeile am Rande der Bilder, um zur nächsten Branche zu gelangen.

Der große Rahmen

Die Rahmenbedingungen waren für viele Sektoren günstig in der zu Ende gehenden Dekade: Niedrige Zinsen schafften freien Cashflow, die Konjunktur zeigte sich fast durchgehend äußerst robust, große weltpolitische Krisen blieben aus, technologische Fortschritte brachten Vorteile, waren aber oft noch kein Muss.

Doch die Samen sind gesät, dass die nächste Dekade weniger ruhig verlaufen wird. Und alles wird sich dabei gegenseitig beeinflussen: Geopolitik, Fragen des Gemeinwohls, Technologie.

Geopolitik: Ein Wort, das erst in der zweiten Hälfte der Zehnerjahre in den Sprachgebrauch zurückkehrte. Es geht um Einflusssphären und sich verschiebende Machtverhältnisse. Ohne Geopolitik-Expertise übersehen Unternehmen mitunter geschäftsentscheidende Risiken.Der Handelsstreit zwischen den USA und China mag fürs erste mit einem Phase-One-Deal abgekühlt sein. Wahrscheinlicher ist, dass er vertagt ist. Denn hier prallen unterschiedliche Vorstellungen aufeinander, wer mit wem zu wessen Konditionen Handel treibt. Handel wird wieder politisch. Eine komfortable Position in der Mitte gibt es kaum. Gut möglich, dass sich Unternehmen im kommenden Jahrzehnt zwischen einzelnen Märkten entscheiden müssen, um Sanktionen zu vermeiden.

Gemeinwohl: Die Definition, welche Kosten ein Unternehmen zu tragen hat, wird erweitert. So wie heutzutage in Deutschland Industrien ihre Abwässer nicht mehr ungeklärt in die Flüsse leiten, werden sie auch alle anderen Emissionen langfristig versuchen zu unterbinden oder zumindest zu kompensieren. Auch abseits des Klimawandels werden die Compliance-Vorschriften in den 20er Jahren verschärft. Das chinesische Corporate-Social-Credit-System, bei dem Unternehmen mittels konstanter Bewertungen zu opportunem Verhalten angehalten werden, könnte in abgeschwächter von anderen Ländern adaptiert werden.

Technologie: Schlagworte wie künstliche Intelligenz, Automatisierung und Quantencomputing werden marktreif. Und es wird Sprünge geben, von denen wir noch nichts ahnen, deren Adaption aber über Erfolg und Misserfolg in vielen Branchen entscheiden wird. Das klingt viel negativer als es sein wird. Für Unternehmen eine Herausforderung, für die Menschen vermutlich ein Gewinn. Tech-Dystopien haben sich noch nie bewahrheitet. Trotz aller Miesmacherei, schauen Sie sich um, es ist viel lebenswerter als in den Filmklassikern wie Metropolis antizipiert.

Prof. Dr. Kai Andrejewski, Regionalvorstand Süd –

International Business

Was lange Zeit galt, ist plötzlich überholt: Die Welt wächst zusammen. Unverhofft ist die Globalisierung nicht mehr der übergeordnete Trend. Stattdessen Worte aus der Mottenkiste: Protektionismus, Handelskrieg, Sanktionen.

Für deutsche Unternehmen ist das vergangene Jahrzehnt trotz dieser Hindernisse überwiegend gut ausgegangen. Dafür stellt sich im kommenden Jahrzehnt eine Vielzahl an Fragen:

• Wird China die USA als größte Wirtschaftsnation der Welt ablösen? Meine Vermutung: ja.

• Was wird aus Indien? Schafft es das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie die Volksrepublik? Ich denke: eher nein.

• Wird Afrika als Wirtschaftsregion aufholen? Ich glaube, ja. Aber leider kommen die dazu erforderlichen Investitionen wahrscheinlich nicht aus Deutschland, sondern eher aus China, USA, Großbritannien und Frankreich.

• Was wird aus Russland? Sieht Moskau einem weiteren Jahrzehnt verlorener Chancen entgegen – oder geht es eine strategische Partnerschaft mit China ein? Ich vermute Letzteres.

• Wird Großbritannien ein neues Singapur vor unserer Haustür? Falls ja, wäre das eine ernstzunehmende Gefahr für Europa und Deutschland.

• Wird Deutschland es schaffen, der attraktivste Standort für ausländische Investoren in Europa zu bleiben? Dafür wird es auf jeden Fall erforderlich sein, dass die deutsche Politik etwa in Infrastruktur und Digitalisierung umfänglich investiert – und das Steuersystem attraktiver gestaltet.

Deutsche Unternehmen sollten all diese Entwicklungen genau beobachten – und gleichzeitig neue Chancen erkennen. So wird etwa Südostasien nicht nur als Produktionsbasis, sondern auch als Absatzmarkt relevanter. Allein Indonesien hat mehr als 300 Millionen Einwohner.

Es öffnen sich in den kommenden zehn Jahren also viele Türen für deutsche Unternehmen. Sie sollten sie nicht übersehen.

Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business

Audit

Was die vergangenen zehn Jahre im Bereich Audit geprägt hat? Ganz klar: Die Regulatorik. Die Vorschriften zur Rechnungslegung sind deutlich komplexer geworden. BilMoG, BilRUG, DRS 20, IFRS 9, 15 und 16 jagen wohl so manch Accountant noch immer kalte Schauer über den Rücken.

Gleichzeitig sind die Compliance-Anforderungen enorm gestiegen: EU-Audit-Reform, EU-Datenschutz-Grundverordnung, Nachhaltigkeitsberichterstattung, Entgelttransparenzgesetz, Tax-Compliance-Systeme, Vergütungsbericht, Nicht-Finanzielle Erklärung und vieles mehr. Für unsere Kunden sind die daraus resultierenden Prozessänderungen oder gar Neueinrichtung von ganzen Systemen – zusammen mit den gestiegenen Dokumentationspflichten – ein wahrer Kraftakt.

Der öffentliche Druck nach Transparenz wird im neuen Jahrzehnt meiner Einschätzung nach weiter zunehmen. Nachhaltigkeitsberichte etwa werden an Bedeutung gewinnen und sollten damit auch an Substanz zulegen. Und die Digitalisierung schreitet voran. Möglichst weitgehend digitalisierte Unternehmen werden zur Norm. Etablierte Geschäftsmodelle transformieren sich in einem immer schneller werdenden Rhythmus, auch in der deutschen Wirtschaft. Das zeigt sich bereits jetzt, zum Beispiel in der sich durchaus verändernden DAX-Zusammensetzung. Statt Commerzbank steht dort nun Wirecard, Thyssenkrupp wurde von MTU abgelöst.

Diese VUCA-Welt (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) verändert auch die Wirtschaftsprüfung, die zunächst ein noch tieferes Verständnis von Prozessen und der IT-Landschaft erfordert. Dazu rückt Know-how im Bereich der Datenanalyse weiter in den Vordergrund. Die Weiterentwicklung der Technologie ist dabei ein wichtiger Pfeiler. Eine Transformation zu einer agilen und resilienten Organisation gelingt aber nicht, wenn die Menschen nicht mitgenommen werden.

Das beschäftigt natürlich auch uns und mündet in strategischen Projekten wie der Einführung unserer neuen digitalen Prüfungs- und Kollaborationsplattform KPMG Clara oder der Durchführung von Bottom-Up-Initiativen zu unserem Purpose und unserer Vision. Dies trägt zur Weiterentwicklung unserer Digitalisierungskompetenz grundlegend bei.

Christian Sailer, Mitglied des Vorstandes, Audit

Financial Services

Begonnen haben die 10er Jahre mit der großen Bürde, die das vorangegangene Jahrzehnt hinterlassen hatte: der Weltfinanzkrise. Eine derartige Krise sollte sich nicht wiederholen. Daher haben zahlreiche Staaten und Institutionen neue Gesetze und Regeln für den Finanzmarkt erlassen. Ein regulatorischer Tsunami war die Folge.

Die regulatorischen Anforderungen umzusetzen, hat die Finanzindustrie das gesamte letzte Jahrzehnt hinweg beschäftigt. Hinzu kommt der starke Druck durch Niedrig- bzw. Negativzinsen, Konkurrenz der Internetgiganten und FinTechs, hoher Kosten- und Innovationsdruck, eine steigende Anspruchshaltung sowie der Wertewandel der Kunden. Bislang sehr erfolgreiche Geschäftsmodelle geraten zunehmend unter Druck.

Was bedeutet das für die Zukunft von Financial Services? Geschäftsmodelle werden überdacht, auf den Kunden neu fokussiert und gleichzeitig gilt es, das eigene Haus profitabel und wettbewerbsfähig auszurichten. Das neue Jahrzehnt wird geprägt sein von einer Konsolidierung unter den Marktteilnehmern, der Disruption des eigenen Geschäftsmodells durch das eigene Haus oder Dritte, die in der Lage sind mit einer Weiterentwicklung des Geschäftsmodells Wachstum zu generieren und gleichzeitig mit einfachen End-to-end-Prozessen Kosten in erheblichem Umfang einsparen können.

Gewinner werden die sein, die sich trauen Neues zu wagen, in der Lage sind agil auf Kundenbedürfnisse zu reagieren und klare einfache digitale Strukturen implementiert haben. Es warten spannende Zeiten auf uns.

Sven-Olaf Leitz, Mitglied des Vorstandes, Financial Services

Human Resources

Der Wettbewerb um begehrte Talente hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Immer mehr Unternehmen kämpfen um eine geringere Zahl an besonders fähigen Nachwuchskräften. Unternehmen waren und sind immer noch gefordert, sich neue Zielgruppen zu erschließen und Suchprofile anzupassen. In der zurückliegenden Dekade hat das Employer Branding daher an Bedeutung gewonnen: Durch gezielte Maßnahmen werden Arbeitgebermarken professionell und strategisch gebildet und vermarktet.

Eine andere Entwicklung der 10er Jahre: Die Loyalität von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nimmt tendenziell ab, in einer schnelllebigen Zeit werden Jobs häufiger gewechselt. HR-Maßnahmen dienen deswegen vermehrt auch dazu, Mitarbeitende langfristig von einem Unternehmen zu begeistern. Karrieren werden individueller geplant, ein Schema F gibt es nicht mehr.

Beurteilungsgespräche haben sich entsprechend verändert und zu einem offenen, konstruktiven Dialog gewandelt, bei dem auch individuelle Karrierepläne besprochen werden. Ich denke, diese Feedbackgespräche werden in den 20er Jahren weiter an Relevanz gewinnen. Dazu gehört auch das Thema Führungskultur. Führung braucht Nähe, und die Bindungswirkung von Führung und Unternehmenskultur wird immer wichtiger.

Die Digitalisierung wird auch im HR-Bereich in den kommenden zehn Jahren eine wesentliche Rolle einnehmen. Das gilt für interne Prozesse, aber auch für erforderliche Kompetenzen von Bewerbern. Unternehmen sollten die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeitenden verbessern und gleichzeitig Schulungen zum Aufbau von Netzwerken und Kundenbeziehungen anbieten. Denn trotz zunehmender Digitalisierung: Der Mensch wird auch im kommenden Jahrzehnt der entscheidende Differenzierungsfaktor bleiben.

Warum, zeigt das zweite große bestimmende Thema des nächsten Jahrzehnts: Diversität. Vielfältige Teams arbeiten effizienter und innovativer, sie profitieren von komplementären Stärken. Dies umfasst auch die Vielfalt der Generationen. Unternehmen sollten ihre Belegschaft entsprechend divers zusammenstellen. Denn Vielfalt bedeutet auch, sich einer gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen und Chancengleichheit herzustellen.

Weitere wichtige Themen sind die Veränderung von Arbeitszeitmodellen und Weiterbildung. Arbeitgeber sind gefordert, flexible Arbeitskonzepte, technische Infrastrukturen und eine Führungskultur zu schaffen, die es ermöglichen, die Bedürfnisse von Mitarbeitenden mit betrieblichen Interessen in Einklang zu bringen. Starre und einheitliche Schulungsprogramme ohne situativen Bezug verlieren zunehmend an Bedeutung. Das bedarfs- und situationsgerechte Lernen wird wichtiger. Dadurch verändert sich die Weiterbildung vom zentral gesteuerten Lernangebot zum selbstorganisierten Lernen im Netzwerk.

Dr. Vera-Carina Elter, Bereichsvorstand Personal & Familienunternehmen

Consulting

Transformation, Digitalisierung, Innovation: In den vergangenen Jahren ging es ganz wesentlich für unsere Kunden darum, sich in einer globalisierten und digitalen Welt mit neuen Konkurrenten und datengetriebenen Geschäftsmodellen zu behaupten.

Unternehmen werden ihren Wertschöpfungsprozess zukünftig neu ausrichten, ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln und partiell oder sogar vollständig durch digitale Komponenten ersetzen. Komplette Geschäftsprozesse werden digitalisiert und Daten werden sich von nützlichen Nebenprodukten zu relevanten Assets wandeln, die über den Wettbewerbsvorteil entscheiden. Hier werden im kommenden Jahrzehnt diejenigen Unternehmen zu den Gewinnern zählen, die ihre Daten als wertvolle Ressource verstehen und damit konkrete Werte schaffen, neue Geschäftsfelder erschließen und sich selbst damit fortlaufend verbessern.

Die digitale Transformation ganzer Wertschöpfungsketten und Industrien bietet ungeahnte Chancen und wird nicht nur die Unternehmen verändern, sondern auch die Arbeitskultur nachhaltig beeinflussen. Mit Big Data, Predictive Analytics und künstlicher Intelligenz stehen die Ansätze, um die Veränderungen proaktiv zu gestalten und vom digitalen Wandel zu profitieren, bereits heute zur Verfügung.

Als KPMG Consulting beschäftigen wir uns schon heute mit den Herausforderungen und Chancen der Zukunft. Sie bieten uns die Möglichkeit, unsere Kunden bei ihrer ganz individuellen Transformation zu begleiten von der Strategie, über organisatorische und prozessuale Fragestellungen bis hin zur Technologie. Das machen wir erfolgreich nicht nur in Deutschland, sondern auch international, mit der Stärke unseres weltweiten KPMG-Netzwerks.

Ioannis Tsavlakidis, Bereichsvorstand Consulting Deutschland und Head of Consulting EMA –

Konzerne und Kapitalmärkte

Eine Herausforderung für global agierende Unternehmen wird im nächsten Jahrzehnt der Ausgleich zwischen den unternehmerischen Zielsetzungen und den Ansprüchen der Gesellschaft an die Unternehmen sein. Dies wird zu einem Umdenken der Geschäftsstrategie mit einer stärkeren langfristigen Orientierung führen. Nur so können sie die den Balanceakt meistern, dem sie sich gegenüber sehen: Die Balance zu halten zwischen den Gewinn- und Kurserwartungen der Investoren und den Anforderungen der Gesellschaft – vor allem auch im Hinblick auf Governance- und Umweltfragen.

Welche Themen sehe ich konkret?

Mitarbeiter – Die Anforderungen der Menschen, die für die Unternehmen arbeiten, verändern sich. So haben Mitarbeiter der sogenannten Generation Y andere Erwartungen als ein Babyboomer, also jene, die in den Boom-Jahren der 50er und 60er geboren wurden. Von den jungen Mitarbeitern wird zunehmend auch der Sinn ihrer Arbeit und die des Unternehmens gefordert und hinterfragt. Um Talente zu gewinnen und die Mitarbeiter zu motivieren, werden sich Unternehmen deshalb zunehmend mit ihren Werten und über die Werte definieren.

Investoren – Institutionelle Investoren berücksichtigen nicht mehr nur Kursgewinne und Dividenden, sondern stellen zunehmend auch Forderungen nach ethischem Handeln und nachhaltigem Wirtschaften in den Vordergrund.

Kunden – Die Identifikation mit Marken und deren Markenversprechen wächst. Kunden werden Teil dieser Gemeinschaft und möchten sich auch mit den Markenversprechen identifizieren können. Durch soziale Medien wird Transparenz geschaffen und Fehlverhalten unverzüglich abgestraft.

Öffentlichkeit/Gesellschaftliche Gruppen – NGOs stellen zunehmend Forderungen an die Unternehmen zu nachhaltigem Wirtschaften oder auch zu globalen Einkaufsprozessen. Beispielsweise geht es darum, in welchen Ländern und zu welchen Bedingungen Produkte oder Rohstoffe produziert oder gefördert werden. Dieser Anspruch erstreckt sich auch auf die Lieferanten, was von den Unternehmen erfordert, dies auch nachzuhalten.

Viele der obigen Ansprüche werden in den nächsten Jahren von der Sinn-Frage, Umweltaspekten und Forderungen nach besserer Ressourcennutzung gespeist. Für alle Unternehmen steht damit das Thema nachhaltiges und ethisches Wirtschaften ganz oben auf der Agenda.

Die Komplexität der Anforderungen an Unternehmen wird also in den 20er Jahren zunehmen. Erfolgreich meistern werden die Unternehmen ihren Wandel, wenn sie diesem mit Agilität und diversen Teams begegnen und die technologischen Möglichkeiten voll ausschöpfen.

Aus meiner Sicht wird es ein spannendes und herausforderndes Jahrzehnt. Nutzen wir die Chancen!

Angelika Huber-Straßer, Bereichsvorstand Corporates

Energie

Die letzten beiden Jahrzehnte haben die Energiewirtschaft stärker verändert als das gesamte Jahrhundert davor. Die Märkte wurden zur Jahrtausendwende liberalisiert und die energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette zu weiten Teilen reguliert

Prägend für die 2010er Jahre waren der Ausbau der erneuerbaren Energien und die beschleunigte Abkehr von der Kernkraft, auch bedingt durch das Reaktorunglück in Fukushima. Wind- und Solarenergie haben die Preise für Strom einerseits sinken lassen, anderseits sorgten die Kosten der Energiewende für anhaltend hohe Strompreise. Eine Entwicklung, die aus Energieversorger- und Verbrauchersicht noch nicht eingeschwungen ist und die Geschäftsmodelle beeinflusst hat.

Große Erzeuger reagierten durch Spaltungen und Übernahmen, um sich auf Kernmärkte der Energiewirtschaft zu fokussieren. Auch wurde die im ersten Jahrzehnt begonnene internationale Expansion durch die lokale Energiepolitik zu weiten Teilen wieder rückgängig gemacht. Stadtwerke konzentrierten sich auf reguliertes Geschäft und positionierten sich zunehmend als kommunale Dienstleister.

Im kommenden Jahrzehnt ist zu erwarten, dass sich die Energiebranche durch mehrere Entwicklungen weiter verändern wird:

• Der Kohleausstieg, der jetzt auf die politische Agenda gerückt ist, wird eines der bestimmenden Themen der kommenden zehn Jahre sein.

• Der Netzausbau ist Voraussetzung für eine effektive Versorgung des Bundesgebietes mit Strom.

• Nach wie vor ist die Abhängigkeit von Importgas/LNG ein bedeutendes Thema der Gaswirtschaft und der geopolitischen Diskussion.

Die Möglichkeiten der digitalen Transformation werden vielfältiger. Auf der Vertriebsseite etwa entstehen weitere Produktinnovationen durch Smart Meter, mit denen der Stromverbrauch in Echtzeit gemessen wird. Auch werden Energieversorger durch die fortschreitende Elektrifizierung der Infrastruktur neue Geschäftsfelder errichten, die auch branchenfremde Wettbewerber anlockt. Sektorgrenzen verschwimmen zunehmend. Die Vernetzung der Dinge in Haus (Smart Home) und Stadt (Smart City), allein schon bedingt durch die Elektromobilität, bietet Raum für stärkere Kooperationen mit IT-Unternehmen, Start-ups und im kommunalen Querverbund.

Für die Zukunft wird es für die Energieunternehmen sehr wichtig, die IT-Affinität und die Digitalkenntnisse ihres Personals deutlich zu erweitern.

Michael Salcher, Regionalvorstand Ost und Head of Energy & Natural Resources

Handel und Konsumgüterindustrie

Um den wohl größten Unterschied zwischen heute und dem Beginn der 2010er-Jahre zu sehen, brauchen wir nur von unserem Handy aufschauen und sehen: Wir sind nahezu unbeobachtet, egal wie viele Leute gerade in unserer Nähe sind. Denn fast alle schauen auf ihr Smartphone.

Das ist insbesondere für den Handel die maßgebliche Entwicklung. Der Umsatz im eCommerce-Bereich ist rasant angestiegen. Plattformisierte Geschäftsmodelle wie Amazon und Alibaba, soziale Medien und andere Zugangspunkte zur Onlinewelt erzielen Umsätze und Wertzuwächse in einer Geschwindigkeit und Höhe, die wir nie zuvor gesehen haben.

Dabei sind enorme Fokuspunkte entstanden, in denen sich die Masse verdichtet: Black-Friday-Sonderverkäufe, Shitstorms, Influencer.

An Bedeutung gewonnen hat das prinzipien- und folgengebundene Einkaufen. Für mehr und mehr Kunden entscheidet nicht mehr der Preis über den Kauf, sondern wie nachhaltig das Produkt ist. Diese Entwicklung wird in den 20er Jahren eine völlig neue Dimension erreichen. Produkte erhalten einen multidimensionalen Nachhaltigkeitsfootprint.

Das kommende Jahrzehnt wird sehr spannend. Meine Zukunftsthesen:

• Jeder Mensch in den post-industriellen Ländern bekommt ein Nachhaltigkeitskonto, auf dem er seinen Konsum und seine Lebensweise messen kann.

• In China beginnt der synthetische Konsum, das heißt Menschen trennen das Erlebnis vom dinglichen Konsum mittels intrakorporale Technologie. Bedürfnisse und Sinne werden also ohne ein physisches Produkt bedient.

• Europa baut eine Bürgerdatenplattform, um persönliche Daten und Konsumentenprofile zu schützen und dem Individuum die Hoheitsrechte über seine Individualdaten und Verhaltensmuster zu garantieren.

• Die Supply Chain für physischen Konsum wird in Europa unter die Erde gelegt. Tunnel werden konzipiert und mit dem Bau begonnen. Plattformlogistik tritt an die Stelle von Individual-Lieferservice. Das Ende des Güterverkehrs auf der Straße rückt in greifbare Nähe.

Ein zugegebenermaßen strammes Programm. Aber es bietet für Europa die Chance, zu sich selbst zu kommen und sich mit strategischen Entwürfen neu zu erfinden. Durch Schutz und Achtung des Bürgers und Konsumenten wird Europa einen kulturell eigenständigen und erfrischend anderen Weg als Asien und Nordamerika gehen.

Stephan Fetsch, Head of Retail, Head of Consumer Goods

Logistik

In den 20er Jahren stehen die Logistikunternehmen vor mehreren Sprüngen.

1. Während bislang der Besitz von Transport- und Lagerkapazitäten im Vordergrund stand, rückt künftig die verlässliche Zugriffsmöglichkeit auf diese Kapazitäten in den Mittelpunkt.

2. In den vergangenen Jahren haben die Logistikunternehmen ihre Prozesse erheblich effizienter gestaltet. Durch die Digitalisierung haben die Firmen mittlerweile Standort- und Warendaten stets im Blick und verfügen über eine möglichst optimale Ablaufkette. In den 20er Jahren werden diese Vorgänge automatisiert und die Transporte in Teilen auch autonom erfolgen.

3. Produktion und Konsum erfolgten in der Vergangenheit größtenteils räumlich getrennt. Aufgabe der Logistik ist es bislang beides möglichst effizient zu verbinden. Dies wird sich mit der Entwicklung hin zu einer Demand-driven-Supply-Chain wandeln. Die Nachfrage wird mit der Ausweitung des Onlinehandels stärker denn je über die Produktion und die ihr nachgelagerte Lieferkette bestimmen. Darauf sollten Logistikunternehmen Antworten finden.“

Dr. Steffen Wagner, Head of Transport & Leisure

Healthcare

Deutschland treibt derzeit einen massiven Strukturwandel im Gesundheitssystem voran. Pflegepersonalstärkungsgesetz, das Pflegeberufereformgesetz, das Terminservice- und Versorgungsgesetz, das Digitale-Versorgung-Gesetz, das Faire-Kassenwahl-Gesetz, das Reformgesetz der Medizinischen Dienste der Krankenkassen, um einige Beispiele zu nennen.

Die Ursachen sind klar: alternde Gesellschaft, neue Ansprüche der nachfolgenden Generationen, Fachkräftemangel, Digitalisierung. Alles Faktoren, die den Handlungsdruck im Healthcare-Bereich in den vergangenen zehn Jahren Stück für Stück erhöht haben und etwa die Krankenhäuser vor großen Herausforderungen gestellt haben.

Der Strukturwandel im Healthcare-Bereich zusammen mit der sich kontinuierlich weiterentwickelnden Technologie wird wohl zu den wichtigsten Treibern im deutschen Gesundheitswesen in den Zwanzigerjahren werden. Die wichtigsten Trends einmal hier in Kürze zusammengefasst: Personalisierte Gesundheitslösungen, das steigende Selbstbewusstsein des Patienten und der Versicherten mit eigener Entscheidungsgewalt, Gesundheitsdatenplattformen, stärkere Nutzung von biometrischen Daten und künstlicher Intelligenz in der Medizin, Medical Devices und Wearables als ständige Begleiter im Alltag, telemedizinische Lösungen, digitalisierte Workflows in Einrichtungen und eine zunehmende Filialisierung von Gesundheitsleistungen.

Der Trend geht institutionell ganz klar von vielen Alleskönnern (insbesondere Krankenhäusern) zu hochspezialisierten Kompetenzzentren, dessen oberste Prämissen wohl Systempartnerschaften, Spezialisierung, Vernetzung und Reproduzierbarkeit werden. Neue Akteure werden auf den Markt treten, die bereits mit vielen dieser zukunftsweisenden Aspekte in ihren derzeitigen Geschäftsmodellen Erfahrung haben: Google, Amazon und Co. sind auch im Gesundheitswesen als wichtiger werdende Player zu erwarten.

Dies bedeutet für alle Akteure im Gesundheitswesen eine drastische Umstellung: vom Institutions- zum Prozessgedanken, vom Alleine zum Wir. Die Leistungserbringer und Kostenträger stellen meist noch ihre Einrichtung, ihre Station, ihre Abteilung ins Zentrum. In den Zwanzigerjahren geht es darum, den Behandlungsweg aus Sicht des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Für ihn ist eine geplante, strukturierte Behandlung über Anbieter und Institutionen hinweg wichtig: Vorsorge, Behandlung, Nachsorge in einem Stück gedacht. Für die Akteure heißt das mehr und mehr: zusammen Angebote schaffen und aufeinander abstimmen.

„Der Patient im Mittelpunkt“ wird zum wichtigsten Credo des kommenden Jahrzehnts.

Axel Bindewalt, Head of Healthcare

Öffentlicher Sektor

Selbstverständlich war auch der öffentliche Sektor in den 10er Jahren von der Digitalisierung geprägt. Auch wenn der Bürger davon wenig mitbekommen hat, wurden im Hintergrund bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Es gilt vom Nutzer her zu denken und entsprechende Umsetzungen zu begleiten. Bürger, Politik und Unternehmen erwarten mehr denn je, dass der öffentliche Sektor mit den Entwicklungen Schritt hält und einen adäquaten Service bietet. Agiles Arbeiten wird ein Beschleuniger für den Wandel.

Entsprechend beraten wir aktuell den Bund dabei, eine IT-Strategie zu entwickeln und umzusetzen. Leitthema ist die Digitalisierung der 575 wichtigsten Verwaltungsleistungen bis 2022 gemäß dem Onlinezugangsgesetz.

Glücklicherweise ist der öffentliche Sektor weniger den konjunkturellen Schwankungen unterworfen. Niedrige Zinsen und ein hohes Steueraufkommen haben die öffentlichen Haushalte in den letzten zehn Jahren entlastet. Sollte dies so bleiben und der öffentliche Sektor den nötigen Mut aufbringen, kann er sich innovativen Konzepten zur Mobilität der Zukunft und Smart Cities widmen.

Mathias Oberndörfer, Bereichsvorstand Öffentlicher Sektor

Tax

Eine sich stetig verschärfende Steuergesetzgebung – damit hatten sich unsere Mandanten im vergangenen Jahrzehnt auseinanderzusetzen.

Es galt, eine Vielzahl an neuen Regelungen umzusetzen: etwa die ATAD-Richtlinie der EU, zunehmende Melde- und Dokumentationspflichten für Steuerpflichtige und das BEPS-Projekt der OECD, welches nun mit BEPS 2.0 fortgeführt wird.

Neben den steigenden regulatorischen Anforderungen beschäftigte unsere Kunden besonders die sich beschleunigende Digitalisierung – und die damit einhergehenden Herausforderungen für Mensch und Technik.

Die digitale Transformation wird unsere Mandanten auch in den kommenden Jahren umtreiben: Geschäftsmodelle verändern sich und neue entstehen, die Technologie entwickelt sich stetig weiter, die Finanzverwaltung digitalisiert sich und die regulatorische Rahmenbedingungen wandeln sich.

Diese Entwicklungen bergen erhebliches Wachstumspotenzial und eröffnen gänzlich neue Beratungsfelder für Steuerberater.

Darüber hinaus definiert das „BEPS 2.0“-Projekt die grundlegenden Rahmenbedingungen neu, wie das Steuersubstrat bei international tätigen Unternehmen aufgeteilt wird. Auch dieses Thema wird unsere Mandanten im kommenden Jahrzehnt sehr in Anspruch nehmen.

Marko Gründig, Bereichsvorstand Tax

Telekommunikation

Die Digitalisierung steht im Mittelpunkt nahezu aller Branchen. Das Rückgrat dieser Transformation sind die Telekommunikationsunternehmen. Sie stellen die kritische Infrastruktur für den Fortschritt der gesamten Wirtschaft.

In den 10er Jahren wurde alles mobil, die Masse der übertragenen Daten ist exponentiell gewachsen. Und dennoch: Bisher wurde Automatisierung und künstliche Intelligenz nur in Ansätzen genutzt.

Für die Telekommunikationsunternehmen bedeutet das weiter enorme Nachfrageveränderungen. Dafür sollten die Firmen zunächst mit 5G die Grundlage schaffen – ein enorm teurer Ausbau. Und wie stark das neue Netz dann genutzt wird, ist eine ziemliche Wette. Sie sind darauf angewiesen, dass jemand Drittes die Anwendung erfindet, die die 5G-Investitionen rechtfertigt. Und sicherlich wird es im Laufe des Jahrzehnts dann bereits um den nächsten Standard gehen.

All das in einem Umfeld, in dem der politische Einfluss stärker werden könnte. Ja, selbst eine Zerstückelung des Internets ist eine Vorstellung, von der man nicht ganz überrascht wäre. Gehen wir allerdings davon aus, dass es so weit nicht kommt.

Marc Ennemann, Head of Value Chain Transformation und Head of Telecommunication

Versicherungswirtschaft

Niedrige Zinsen und zunehmende Regulatorik: So lassen sich die Herausforderungen des vergangenen Jahrzehnts für die Versicherungswirtschaft knapp zusammenfassen.

Der Rückgang der Zinsen auf Negativ-Niveau erschwerte die Kapitalanlage und machte das vorige Lieblingsprodukt der Versicherer, die Lebensversicherung, zunehmend unattraktiver.

Zudem veränderte die EU-Richtlinie Solvency II die Branche umfassend.

In den nächsten zehn Jahren geht es für Versicherer unter anderem darum, sich innerhalb von Ökosystemen zu positionieren und große Datenmengen optimal zu nutzen.

Entscheidend wird dabei sein, wie Firmen die Chancen der Digitalisierung ausschöpfen. Wer die neue Technologie richtig nutzt, kann mit ihr das Alltagsgeschäft effizienter gestalten und neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Damit das gelingt, ist aber wichtig zu fragen: Was wollen meine Kunden wirklich – und erfüllt mein Angebot diese Anforderungen?

Versicherer sollten sich diese Fragen immer wieder stellen und mit ihren Kunden auf klassischen und digitalen Vertriebskanälen gleichermaßen souverän kommunizieren – dann sehen sie einem Jahrzehnt voller Möglichkeiten entgegen.

Dr. Frank Ellenbürger, Partner, Bereichsvorstand Insurance

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