Sustainable Finance

Sustainable Finance: ESG-Kriterien werden für Asset Manager unverzichtbar

Asset Manager sollten ihre Geschäftsstrategie konsequent nach ESG-Kriterien ausrichten

Das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzbranche treibt Asset Manager zunehmend um. Die Nachfrage von Investoren und Anlegern nach grünen Kapitalanlagen steigt. Regulierer und Gesetzgeber pochen verstärkt auf die Einhaltung neuer Regelungen für grüne Investments, um einen nachhaltigen Umbau der Wirtschaft zu beschleunigen und die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen.

Asset Manager, die sich zeitnah auf diesen Megatrend einstellen, können von dem rasanten Marktwachstum profitieren und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dabei stehen sie vor der Herausforderung, Klimarisiken adäquat zu bewerten und in ihr Risikomanagement zu integrieren. Neue Technologien und externe Datenanbieter können dazu beitragen, die komplexe Datenlage zu nutzen sowie nachhaltige Produkte und Services zu entwickeln. Mithilfe innovativer Datenmodelle lassen sich Portfolien anhand von ESG-Kriterien bewerten und ihre Nachhaltigkeit stichhaltig dokumentieren.

Maren Schmitz, KPMG-Partnerin im Bereich Financial Services und Leiterin des Asset-Management-Beratungsgeschäfts in Deutschland, erläutert dem KPMG Digital Hub, wie sich der Markt für Sustainable Finance weiter entwickeln dürfte und wie Vermögensverwalter Environmental-, Social-, und Governance-Kriterien, kurz ESG, erfolgreich in ihre Geschäfts- und Risikostrategie implementieren können.

KPMG Digital Hub: Frau Schmitz, befindet sich der Markt für nachhaltige Investments noch in der Nische oder ist er bereits im Mainstream angelangt?

Maren Schmitz: Im Mainstream ist der Markt noch nicht angekommen, wir sind aber auf dem besten Wege dorthin, da sich niemand dieser Entwicklung entziehen kann. Das Thema Nachhaltigkeit ist für Asset Manager nicht neu: Die Fondsbranche richtet sich bereits seit 2012 an den Leitlinien für verantwortliches Investieren aus. Den Anfang machten spezialisierte Asset Manager, das klassische Exclusion Asset Management oder Impact Investing. Seit Anleger bei ihren Investitionsentscheidungen verstärkt auf ESG-Kriterien achten, werden die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit auch für Vermögensverwalter immer dringlicher. Unternehmen, in die investiert wird, müssen ganzheitlicher betrachtet werden; Klimawandel und Regulierung haben direkte ökonomische und ökologische Effekte. Eine Anwendung von Screening oder Exclusion in den Anlagestrategien wird künftig nicht mehr ausreichen.

Wie wird sich der Markt für nachhaltige Kapitalanlagen weiter entwickeln?

Die Anzahl grüner Anlageprodukte wird exponentiell wachsen. Das Finanzsystem steht vor einer tiefgreifenden Veränderung. Die Europäische Union (EU) will mit ihrem Aktionsplan für Sustainable Finance Finanzierungsquellen und Kapitalströme aktiv dorthin leiten, wo sie benötigt werden, um einen nachhaltigen Umbau der Wirtschaft zu beschleunigen und die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen. Gesetzgeber und Regulierer halten Versicherer, Banken und Asset Manager verstärkt dazu an, ESG-Kriterien bei Investitionen und Krediten zu beachten. Wer jetzt nicht anfängt, seine Nachhaltigkeitsrisiken zu managen und ESG-Aspekte in seiner Strategie zu berücksichtigen, wird vom Finanzsystem abgeschnitten werden.

Geht diese Entwicklung nicht zu Lasten der Rendite?

Im Gegenteil. Wenn sich Firmen nicht strategisch auf den Klimawandel vorbereiten, wird genau das zu Lasten ihrer Rendite gehen. Mit einer gut funktionierenden Governance und einem nachhaltigen Risikomanagement halten sie ihr potenzielles Klimarisiko und mögliche Ausfälle gering. Sustainable Finance wird zur neuen Normalität werden und sich positiv auf die Rendite auswirken. Portfoliomanager sollten nicht nur die Neuausrichtungen der Geschäftsmodelle klassischer MDax- und Dax-Unternehmen beobachten. Sie sollten auch neue Technologien und Start-ups identifizieren, die dazu beitragen können, dass der Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft gelingt. Wenn diese verstärkt finanziert und nach vorne gebracht werden, können wir den Klimawandel auch als Gesamtwirtschaft besser managen. Bislang geschieht dies fast ausschließlich durch Investoren im Bereich Private Equity oder Venture Capital.

Wie können Asset Manager den Wandel hin zu Sustainable Finance gestalten?

Die ESG-Kriterien sollten zeitnah in die Anlagestrategie integriert werden. Verglichen zu den bislang häufig angewandten Screening- oder Best-in-class-Ansätzen sollten Portfoliomanager einen Schritt weiter gehen und eigene Einschätzungen zur Nachhaltigkeit ihrer Portfolien entwickeln. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal, etwa ökologische Chancen und Risiken eines Unternehmens oder einer Technologie besonders gut zu evaluieren, kann sich ein Asset Manager vom Markt abheben. Die Beachtung und Bewertung von ESG-Kriterien sollte intrinsischer Bestandteil aller Investmententscheidungen und des Risikomanagements sämtlicher Portfolien werden.

Welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?

Um einen ganzheitlichen Integrationsansatz umzusetzen, benötigen Asset Manager für das Research zahlreiche Informationen. Die erforderlichen Daten können sie sich über externe Datenanbieter oder Ratingagenturen beschaffen. Ferner müssen Kapazitäten und Expertise für die Auswertung der Datenmengen, den Aufbau innovativer Datenmodelle und die Qualitätssicherung aufgebaut werden. Viele Datenanbieter arbeiten vor allem vergangenheitsbezogen. Künftig werden aber verstärkt Echtzeit-Informationen benötigt, etwa um Auswirkungen von Klimaphänomenen oder Naturkatastrophen auf Lieferketten durchzuspielen. Je schneller ein Asset Manager alle Informationen verarbeiten kann, desto schneller kann er am Markt agieren. Allerdings ist die Nutzung vieler Datenanbieter auch mit hohen Kosten verbunden.

Welches Potenzial haben neue Technologien im Bereich Sustainable Finance?

Es gibt bereits Initiativen zu Künstlicher Intelligenz (KI), etwa zur Auswertung von Nachrichten, Satellitenbildern oder Klickraten im Internet, um in Echtzeit Informationen über Emittenten oder Unternehmen zu erhalten, die sofort in Investmententscheidungen übersetzt werden können. Neue Technologien wie Data Analytics, Cloud-Lösungen oder Robotic Process Automation (RPA) können zudem dazu beitragen, dass große Datenmengen relativ kostengünstig verarbeitet werden können. Mithilfe ausgeklügelter Datenmodelle sollten agile Datenbanken geschaffen werden. Ferner gilt es, wie von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gefordert, Expertise bei den Mitarbeitern aufzubauen. Teams aus allen Bereichen – vom Risikomanagement bis hin zum Reporting – sollten sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen und dem Portfoliomanager zuarbeiten.

Welche Chancen bietet eine Neujustierung des Risikomanagements?

Asset Manager sind nun gefordert, Reputationsrisiken sowie physische oder transitorische Risiken aus Klimaveränderungen bei ihren Anlageentscheidungen zu berücksichtigen – und müssen dies transparent nachweisen. Damit wächst der Bedarf, sich innerhalb der Organisation ganzheitlich mit dem Thema zu befassen. Zudem können Asset Manager so den CO2-Abdruck ihrer Portfolien transparenter darstellen und neue Anlageklassen etwa für den Immobiliensektor entwickeln. Die große Herausforderung dabei ist, dass es bislang im Asset Management noch keine Kennzahlen dafür gibt, welche Auswirkungen zum Beispiel CO2-Preise oder ein Wassermangel auf Industrien haben werden. Es existieren lediglich Ideen über Messmethoden oder Szenario-Berechnungen.

Wie wichtig sind einheitliche Standards auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit?

Die EU-Taxonomie berücksichtigt ökologische Aspekte, die Bereiche Soziales und Governance klammert sie bislang aus. Grundsätzlich helfen einheitliche Standards und Label aber, sich im Sustainable-Finance-Dschungel zurechtzufinden und ein Greenwashing zu verhindern.

Eine internationale Regulierung und einheitliche Standards zur Klassifizierung von Nachhaltigkeit dürften schneller kommen als erwartet. Daher sollten Asset Manager ihre Geschäfts- und Portfoliostrategien zeitnah nachschärfen. Spätestens seit der Veröffentlichung des Merkblatts der BaFin zu Nachhaltigkeitsrisiken ist das Bewusstsein in der Branche gestiegen, dass dieses Thema die gesamte Organisation und Wertschöpfungskette betrifft. Nachhaltigkeit ist kein „nice to have“ mehr, sondern längst ein „need to have“ geworden.

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Die Klimakrise und nicht-nachhaltiges Ressourcenmanagement führen zu einer Vielzahl finanzieller und materieller Risiken. 20 bis 30 Prozent des Marktwertes börsennotierter Unternehmen hängen von der sozialkostenfreien Verbrennung fossiler Brennstoffe ab.

Wenn das Ziel des Pariser Abkommens eingehalten wird, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, werden global mindestens 267 Milliarden US-Dollar Bilanzwerte zu „stranded assets“. Diese Vermögenswerte werden abzuschreiben sein, denn die damit verbundenen Rohstoffe dürfen nicht mehr verbrannt werden.

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