Fake News: Wahr ist, was war

Falsche Nachrichten machen Schlagzeilen im Netz

Keyfacts

  • Falsche Schlagzeilen sind Klick-Bringer
  • Primärquellen werden kaum noch geprüft
  • Schlagzeile mit der größten Reichweite kann eine virtuelle Schlacht entscheiden
Alexander Geschonneck
  • Partner, Head of Compliance & Forensic
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Früher war vielleicht nicht alles besser, aber doch ein bisschen einfacher. Am Kiosk gab es die druckfrische Zeitung des Vertrauens, ab acht die Tagesschau und für zwischendrin das Radio. Das Internet hat den Nachrichtenmarkt liberalisiert, aber auch undurchschaubarer gemacht. Die Fake News, zu deutsch falsche Nachrichten, rütteln an einem Eckpfeiler unserer Demokratie und unserem Verständnis, was wahr zu sein scheint.

Die Wahl zum 45. US-Präsidenten war in vielerlei Hinsicht anders. Besonders in Bezug auf die mediale Berichterstattung hat das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump neue Maßstäbe gesetzt.

In der Hochphase, als kurz vor der Wahlnacht vom 8 auf 9. November, war der Markt derart erhitzt, dass es zum bizarren Wettstreit zwischen Leser und renommiertem Medienunternehmen kam. Kommt noch ein Skandal ans Licht, was ist das mit Clintons E-Mails, gibt es noch ein bedenkliches Video, das Trumps vermutetes Frauenbild verifiziert?

In dieser Zeit mussten sich viele Zeitungen in Geduld üben, derweil soziale Medien wie Facebook und Twitter mit heftigen Enthüllungen geflutet wurden – jede Stunde eine Schlagzeile.

Das Problem: Sie waren alle gar nicht wahr. Das Wochenblatt „Die Zeit“ schrieb im Nachgang zur Wahl, dass die Falschmeldungen Trump womöglich sogar mit ins Amt verhalfen. Zweifelsfrei eine steile These, wer das Geschäftsmodell von Nachrichten jedoch kennt, der wird sie nicht für allzu abwegig halten.

Die Not des Anderen

Der Markt des Online-Journalismus funktioniert wie ein großer Basar zwischen Aufmerksamkeit und Umsatz. Auf der einen Seite diejenigen, die mit Lesern via Google Geld verdienen. Da werden Schlagzeilen von nicht real existierenden Nachrichtenseiten ins Netz gekippt: Der Leser soll auf die vermeidliche Nachrichtenseite kommen, seinen Klick machen und im besten Fall noch auf ein bisschen Werbung am Rand klicken.

Die Erfindung des Internets ist auch eine Wohltat für die Liberalisierung des Nachrichtenmarktes. Die Markteintrittshürden sind denkbar gering – für jeden von uns. Es braucht kein Druckhaus mehr, keinen starken Verlag, der sich im Hintergrund um Anzeigenkunden kümmert. Ein Autor kann aus dem Wohnzimmer ein Millionenpublikum erreichen.

Heute dauert der Aufbau eines Blogs mitunter weniger als fünf Minuten, Google agiert als moderner Anzeigenagent. Nun könnten die Neu-Nachrichtenmacher loslegen und über Dinge schreiben, die tatsächlich passiert sind.

Das Problem allerdings: Die Einnahmen, die Google den Seitenbetreibern zugesteht, bewegen sich im einstelligen Cent-Bereich. Um nennenswerte Beträge zu erzielen, müssen die Seitenbetreiber auf Masse kommen – am besten geht das mit Skandalen wie am Fließband. Haben Sie mal „Mit Google Adsense Geld verdienen“ bei Google eingegeben? Mittlerweile suchen Millionen Schreiber dort nach der besten Methode, aus Inhalten Geld zu machen.

Auf der anderen Seite gibt es auch diejenigen aus Politik und Wirtschaft, die an Falschmeldungen partizipieren oder sie gar lancieren könnten. Stellen Sie sich vor, die nächste Wahl steht an und ein Kandidat versucht, seinen Kontrahenten durch Falschmeldungen zu schwächen. Auch in der Wirtschaft kann das zum Problem werden: Etwa immer dann, wenn man sich eines Wettbewerbers entledigen will und Horrormeldungen über seine Produkte herausgibt.

Der Nachrichtenmarkt scheint wie entfesselt, die Großen schreiben voneinander ab, die Kleinen sitzen falschen Medien wie dem „Denver Guardian“ auf, um einen erfundenen Skandal vertrauenswürdig erscheinen zu lassen.

Die Lehre von der Nachricht

Was eine Nachricht ist, bleibt dem jeweiligen Medium überlassen. Kennen Sie den Spruch „In China ist ein Sack Reis umgefallen?“ Er bezeichnet eine abschätzige Bemerkung über einen Artikel in der Zeitung oder einem Online-Portal über eine sogenannte Nichtmeldung. Was nun eine Nachricht ist und was nicht, müssen andere entscheiden. Eins allerdings steht fest: Vor der Nachricht steht das Ereignis. Wer also über den umgefallenen Sack Reis in China schreiben will, muss sicherstellen, dass er auch wirklich umgefallen ist.

Falschmeldungskatalysator Facebook

Besonders Facebook ist ein besonderer Ort für Falschmelder. Die Tagesschau nennt einige imposante Beispiele. Clinton unterhalte einen Sex-Ring, Flüchtlinge plündern deutsche Supermärkte. Alles falsch, hat aber so wirklich auf Facebook gestanden – oder präziser: Hat ein Nutzer auf Facebook gepostet, ist nicht Facebook die Quelle, sondern der Nutzer. Dass es sich hierbei um User generated Content handelt, vergessen die Leser dann häufig. Und wenn es fünf User wiederholen, muss es ja stimmen, denn sogar auf Facebook wird das ja schon geteilt und drüber gesprochen.

Wir befinden uns in einem Nachrichten-Diktat der Internet-Konzerne. Auf Facebook bekommt man beispielsweise nur angezeigt, was den eigenen Interessen entspricht. Interessieren Sie sich für Fußball, bekommen Sie dazu besonders viele Nachrichten angezeigt. Dass im abgelaufenen Monat aber etwa wieder ein Hektar Regenwald abgeholzt wurde, dann vielleicht nicht mehr.

Dazu kommt, dass wenn ein Beitrag viele Likes erhält, er öfter in den Profilen anderer Nutzer angezeigt wird. Dumm nur, dass dieses  Liken auch Roboter übernehmen können und so die Falschmeldungen sogar noch aufwerten. Facebook will aktiv werden und die Falschmeldungen und Chat-Bots bekämpfen – mit Hilfe ihrer Künstlichen Intelligenz. Kann das gut gehen?

Glauben und Wissen

Der Spiegel hat erst kürzlich Tipps dazu gegeben, wie Fake News im Netz erkannt werden können. Was mir besonders am Herzen liegt: Medien gelten neben Legislative, Judikative und Exekutive inoffiziell als vierte Gewalt im Staat. Sie übernehmen eine wichtige Aufgabe hinsichtlich der Meinungsbildung in unserer Gesellschaft. Durch die gegenwärtige Entwicklung kann es nun passieren, dass wir diese wichtige Funktion aufs Spiel setzen.KPMG unterstützt Unternehmen mit dem D&A Maturity Assessment dabei, den aktuellen Stands hinsichtlich Data & Analytics zu erfassen.

Besonders beängstigend ist, dass die Mechanismen denen, die mir bei meiner täglichen Arbeit als Forensiker begegnen, gar nicht so unterschiedlich sind. Beim Fake President beispielsweise werden den Geschädigten auch falsche Tatsachen vorgespielt. Bekommen Sie E-Mails von angeblich vertrauenswürdigen Quellen und sollen auf Links klicken, wählen Sie sich mit ihrem Rechner ins W-Lan des Urlaubs-Hotels ein? Wie wäre es, den Wettbewerber mit falschen Anschuldigungen zu Bestechung und Korruption zu schaden?

Schon Sherlock Holmes hatte seine Theorien auf Fakten basieren lassen. Hätte das funktioniert, wenn er sich nicht die Mühe gemacht hätte, einer Meldung bis zur  Primärquelle auf den Grund zu gehen?

Ich denke, dass wir nicht nur eine Debatte über Medienkompetenz brauchen. Wir brauchen dringend eine Debatte über Digitalkompetenz. Bereits unsere Kinder müssen in der Schule mit auf den Weg bekommen, dass das Internet nicht nur ein Ort ist, in dem alles schön bunt ist und Pixel-Zuckerwatte verteilt wird. Wir müssen uns wieder öfter den Luxus leisten, auch unter Zeitdruck einen Schritt zurück zu treten und über E-Mails, Nachrichtenquellen und Co. nachzudenken.

Alexander Geschonneck
  • Partner, Head of Compliance & Forensic
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