Familienunternehmen gehen neue Wege

Mittelständische Betriebe schaffen Spagat zwischen Bodenständigkeit und Innovationskraft

Keyfacts

  • KPMG-Studie: Familienunternehmen stehen neuen Ideen und Veränderungen offen gegenüber
  • Familienunternehmen pflegen Werte wie Beständigkeit, Familiensinn und Sicherheit
  • Wurzeln und Werte bilden die Basis für Unternehmergeist und Flexibilität des Mittelstands
Klardenker- Redaktion
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Familienunternehmen stehen häufig unter dem Verdacht, unflexibel und provinziell zu sein. Dabei sind sie anpassungsfähiger als gedacht: Sie brechen mit Traditionen, erschließen neue Märkte und schaffen es, sich trotzdem treu zu bleiben. Auch wenn das bedeutet, von Teewurst auf Tofu umzusatteln.

Seitan-Salami statt Schinkenspicker – der Wurst- und Fleischverzehr in Deutschland ist rückläufig. Auch der Mittelstand ist von dem Trend zur fleischlosen Ernährung betroffen. Bei dem Unternehmen Rügenwalder Mühle geht es wortwörtlich um die Wurst.

Kann man nach über 180 Jahren noch flexibel sein? Man muss!

Die Wurzeln des traditionellen Familienunternehmens aus Bad Zwischenahn reichen bis in das Jahr 1834 zurück. Seitdem befindet sich der Betrieb mit seinen rund 450 Mitarbeitern in Familienhand. Geschäftsführer und Miteigentümer Christian Rauffus ist seit Mitte der 1990er Jahre an der Spitze des Wurstherstellers – in sechster Generation.

Um dem schrumpfenden Wurstmarkt entgegenzuwirken, läutete der gelernte Metzger Ende 2014 einen tiefgreifenden Strategiewandel ein. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wolle man mindestens 30 Prozent des Umsatzes mit vegetarischen Produkten erzielen. Das Geschäft soll eine tragende Säule des Unternehmens werden, sagte der 62-jährige Firmenchef damals gegenüber der „Welt am Sonntag“.

Bereits ein Jahr nach dem Einstieg in das neue Segment liegt der Absatzanteil bezogen auf die Wochentonnage bei rund 25 Prozent. Eine zusätzliche Produktionshalle mit neuen Maschinen für mehr als 100 neue Mitarbeiter ist derzeit in Arbeit.

Vom Wurstspezialisten zum Veggie-Experten? Das Beispiel zeigt, dass Marktkrisen mittelständische Firmen immer wieder dazu zwingen, ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen.

Einige Familienbetriebe gehen unter. Andere erfinden sich neu

Der Bericht European Family Business Trends behandelt die Frage, inwieweit familiengeführte Betriebe modern agieren, und räumt zugleich mit Vorurteilen auf. So zeigt die KPMG-Studie, dass europäische Familienunternehmen konträr zu ihrem konservativen Image neuen Ideen und Veränderungen offen gegenüber stehen.

Die Wahrnehmung vom Mittelstand ändert sich. Wurzeln und Werte bilden die Basis für Unternehmergeist und Flexibilität. Deshalb blicken 75 Prozent der befragten Unternehmen optimistisch in die Zukunft. Ebenso viele wollen in den kommenden zwölf Monaten in ihren Betrieb investieren.

Zudem sind Familienbetriebe bereit, sich neuen Markttrends anzupassen, wie auch diese Beispiele zeigen. Laut der Umfrage wollen rund 21 Prozent der befragten Firmen in den kommenden zwei Jahren neue Geschäftsfelder erschließen, um organisch zu wachsen.

Außerdem setzen sie immer stärker auf Internationalisierung

74 Prozent der befragten Familienunternehmen machen außerhalb der EU Geschäfte. Wie das Mindener Familienunternehmen Wago Kontakttechnik: Der Betrieb profitiert von der Digitalisierung der Industrie und stattet die Fabriken der Zukunft aus. Im Ausland fertigt Wago Automatisierungstechnik und Stromklemmen unter anderem in der Schweiz, in den USA, in Indien, China und Polen. Das eigene Vertriebsnetz umfasst etwa 30 Länder, dazu kommen Vertretungen in 50 weiteren Ländern.

Familienunternehmen schaffen den Spagat zwischen Bodenständigkeit und Innovationskraft. Das ist eine ganz besondere Erfolgsmischung.

Beim Thema Erfolg geht es nämlich nicht nur darum, was die Firmen machen, sondern auch um das Wie. Und dieses „Wie“ ist bei familiengeführten Betrieben sehr stark an typischen Stärken orientiert. Sie pflegen Werte wie Beständigkeit, Familiensinn und Sicherheit. Aber genau hinter dieser vermeintlich konservativen Ausrichtung verbirgt sich etwas sehr Modernes.

Familiengeführte Betriebe sind attraktiv – als Marke und als Arbeitgeber

Die eigenen Wurzeln werden zum Gütesiegel für Qualität und Tradition – und zu einem Markenversprechen. Der Ammerländer Wursthersteller wusste sein Image in Zeiten von Lebensmittelskandalen und verunsicherten Verbrauchern zu nutzen, und machte seine Mitarbeiter kurzerhand zu Markenbotschaftern.

Aber wie vertragen sich Neuausrichtungen mit Tradition und Markenidentität?

Die Praxis zeigt: Ständige Veränderungen gehören zum Alltag eines erfolgreichen Familienunternehmens. Nur wenn sich Betriebe schnell neuen Herausforderungen anpassen, können sie sich für die nächste Generation zukunftsfähig aufstellen.

Die Rügenwalder Mühle hat bereits die nächste Käuferschicht im Visier und arbeitet an neuen Rezepturen: für Veganer.

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