Flüchtlinge: Ein positiver Schock

Flüchtlinge: Ein positiver Schock

Diese Kosten und Einnahmen entstehen durch die Schutzsuchenden

Keyfacts über Flüchtlinge

  • Immigration von Flüchtlingen bedeutet volkswirtschaftlich einen externen Schock
  • Bund plant 2016 mit sechs Milliarden zusätzlichen Ausgaben für Zuwanderer
  • Deutschkenntnisse sind wichtig für Integration und Einbindung in den Arbeitsmarkt
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13. Oktober 2015

Der Zuzug Hunderttausender Schutzsuchender ist für die deutsche Volkswirtschaft ein sogenannter externer Schock. Was aber bedeutet es für die Wirtschaft insgesamt, wenn sie um viele Menschen in kurzer Zeit wächst? Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Kosten und Einnahmen.

Diese Kosten verursachen die Schutzsuchenden

Genaue Zahlen für die bisherigen Kosten liegen noch nicht vor. Ein guter Indikator ist allerdings die Pauschale, die der Bund den Ländern ab 2016 zahlen wird: 670 Euro monatlich für jeden Flüchtling. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) rechnet für das Jahr mit ein bis zwei Milliarden Euro für den Lebensunterhalt. Arbeitsministerin Andrea Nahles sagte jüngst der Süddeutschen Zeitung, sie rechne bis 2019 mit einer Million zusätzlichen Hartz IV-Empfängern. Aktuell erhalten laut Arbeitsagentur 4,3 Millionen Menschen eine Grundsicherung.

Hinzu kommen insgesamt 500 Millionen Euro für den sozialen Wohnungsbau und 350 Millionen Euro zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die der Bund den Ländern zur Verfügung stellt.

Um die Flüchtlinge fit für den Arbeitsmarkt zu machen, müssen viele zunächst einmal Deutsch lernen. Für die berufsbezogenen Sprachkurse rechnet das BMAS mit 180 Millionen Euro. Höher sind die Kosten, die bei den Jobcentern anfallen. Durch die Bezahlung von Dolmetschern und neuen Mitarbeitern, die etwa für die Prüfung von Berufsqualifikationen gebraucht werden, bedürfe es 600 Millionen bis 1,1 Milliarden Euro zusätzlich.

Insgesamt plant der Bund 2016 sechs Milliarden Euro zusätzlich ein. Für 2015 werden sich die Kosten auf drei Milliarden Euro belaufen, schätzt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

650 €

zahlt der Bund ab 2016 als monatliche Pauschale an die Länder für jeden Flüchtling.

So nutzen die Schutzsuchenden dem Staat

Die Ausgaben für die Flüchtlinge sind kurz- und mittelfristig positiv für die Wirtschaft als Ganzes. „Man kann von einem kleinen Konjunkturpaket sprechen“, sagt Hartfrid Wolff. „Ein zusätzliches Wachstum von etwa 0,2 bis 0,5 Prozent pro Jahr erscheint plausibel.“ Für die deutsche Wirtschaft mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum seit 2003 von knapp über einem Prozent, ist das eine spürbare Belebung.

Denn das Geld, das die Flüchtlinge erhalten, geben sie zum großen Teil in Deutschland aus, ob beim Bäcker, in der Drogerie oder im Supermarkt. Zudem wird durch den höheren Wohnungsbedarf mehr gebaut und saniert. Und auch die nun stärker nachgefragten Deutschlehrer und Sozialarbeiter lassen das Bruttoinlandsprodukt wachsen. „Die Torte wird also nicht nur auf mehr Menschen aufgeteilt, sondern sie wird auch größer“, macht der KPMG-Experte anschaulich. „Wo Menschen sind, schaffen sie Arbeit für andere. Gleichzeitig bringt jeder Mensch Talente und Ideen mit, die für die Wirtschaft wichtige Innovationen befördern.“

Zu einem gewissen Teil fließen die direkten Transferleistungen für die Flüchtlinge über die Mehrwertsteuer wieder in die Staatskasse zurück. Wenn Flüchtlinge Arbeit finden, kommen noch Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuern hinzu.

Dennoch werden sie langfristig mit der richtigen Ausbildung wertvoll für die Entwicklung des Landes sein. Ohne größere Zuwanderung würde die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter von 53 Millionen im vergangenen Jahr um 6 Millionen bis 2030 fallen, wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie errechnet hat.

Wolff: „Letztlich steigern die Flüchtlinge die Wettbewerbsfähigkeit. Denn von der Theorie her drücken zusätzliche Arbeitskräfte das Lohnniveau. Ob die genannten Zuwanderungszahlen dazu ausreichen, lässt sich allerdings nur schwer berechnen. Denn zugleich steigt ja auch die Nachfrage nach Arbeit durch das Mini-Konjunkturpaket.“

Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands könnte steigen

„Die Gesamtrechnung hängt stark davon ab, wie schnell die Flüchtlinge in Arbeit kommen“, sagt Hartfrid Wolff. „Je eher sie arbeiten, desto schneller finanziert sich die Zuwanderung auch nicht arbeitender Flüchtlinge selbst. Denn schließlich sind Renten- und Sozialkassen umlagefinanziert: Was heute erwirtschaftet wird, fließt auch heute an die Sozialleistungsempfänger.“ Mit der richtigen Ausbildung würde durch die Flüchtlinge sogar die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands steigen. Mehr Investitionen und höhere Staatsausgaben kommen der Wirtschaft direkt zu Gute. „Aus volkswirtschaftlicher Perspektive also insgesamt ein positiver Schock“, schlussfolgert Wolff. Wie stark dieser ausfalle, hänge nun an der Politik und den Unternehmen.

Zusammengefasst

»„Wo Menschen sind, schaffen sie Arbeit für andere. Gleichzeitig bringt jeder Mensch Talente und Ideen mit, die für die Wirtschaft wichtige Innovationen befördern.“«

Der Zuzug Hunderttausender Schutzsuchender ist für die deutsche Volkswirtschaft ein sogenannter externer Schock. Aber, mit der Zuwanderung sind nicht etwa nur Kosten verbunden, sondern auch Einnahmen. Insgesamt plant der Bund 2016 zwar sechs Milliarden Euro an zusätzlichen Ausgaben für die Flüchtlinge ein. Diese sind aber kurz- und mittelfristig positiv für die Wirtschaft als Ganzes. Denn das Geld, das die Schutzsuchenden erhalten, geben sie zu einem großen Teil auch wieder in Deutschland aus.

Hartfrid Wolff Manager Öffentlicher Sektor Corporates
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Kommentare

Welche Auswirkungen hat die Zuwanderung auf die deutsche Wirtschaft?

Kommentar von Hartfrid Wolff
23. Oktober 2015 | 10:03 Uhr

Bei einem Grundeinkommen ist sicherlich das Inflationsrisiko ein beachtenswerter Aspekt. Ich würde hier jetzt aber ungern eine weitere Debatte aufmachen. Unstrittig ist, dass die Versorgung ausgestaltet werden muss und dass diese einerseits menschenwürdig, andererseits aber auch unbürokratisch, regelkonform sein muss. Dabei sollten wir sicherlich schnell überlegen, einige rechtliche Standards, Auflagen und Regelungen, sei es im Sozial- oder Baurecht, auf den Prüfstand zu stellen. Für die Bewältigung der Herausforderungen ist mehr als nur Geld erforderlich. Unabhängig davon: ich glaube und habe auch die Hoffnung, dass die Effekte für unsere Volkswirtschaft mindestens mittelfristig positiv sein können.

Kommentar von Stefan S
20. Oktober 2015 | 01:47 Uhr

Der Faktor des Leistungsanreizes ist einer der zentralen Argumente für den Kapitalismus, wo schon ab dem ersten Gedanken über Kapitalakkumulation und das – de facto einfach nicht vorhandene – Prinzip des „trickle down“-Effektes Zweifel als vollkommen berechtigt erscheinen lassen. Doch ab von dieser arbeitsmarktökonomischen Betrachtung macht mir bei einem flächendeckenden bedingungslosen Grundeinkommen die Inflation größere Sorgen. Das alles ist schwer zu prophezeien, aber gerade bei den finanziell schwächer ausgestatteten warden die Mittel wieder zuerst in Grundversorgung und „alltagstypischen Luxus“ wie Mobiltelefone (etc.) fließen, was zu deutlichen Preissteigerungen führt und letztendlich eine „Niveauregulierung“ zur folge hätte. Diese, zugegeben nicht fundierte, Hypothese lässt sich gewiss auch auf die Mittel für Zuwanderer übertragen, wenn auch nur in bestimmtem Maße. Interessant ist jedenfalls die Betrachtung des Opportunitätsgedankens – doch hier Weise ich auf meine kurze Ausführung zum sog. „trickle down“ hin. Ob in der Auftragsvergabe korrupt agierende Unternehmen (id est Straßenbau, Großprojekte..) besser Geld zurück in Umlauf bringen, möchte ich hier wirklich in Frage stellen.

Kommentar von Hartfrid Wolff
20. Oktober 2015 | 10:24 Uhr

Ein (bedingungsloses) Grundeinkommen wird gelegentlich als eine Lösung vertreten, mit der viele Regelungen und Sondertatbestände gerade im Leistungsrecht reduziert werden können. Dies dürfte tatsächlich ein positiver Effekt des Grundeinkommens sein. Allerdings habe ich bei diesem Konzept immer die Sorge, dass sich hier die Menschen, die Grundeinkommen beziehen, nicht mehr aufraffen können, auch arbeiten zu gehen und sich in unsere Gesellschaft einzubringen. Ich fürchte, dass dann die Perspektive der Bezieher von Grundeinkommen weniger das Erarbeiten der eigenen Zukunft sein dürfte, sondern das „Auskommen“ mit dem Grundeinkommen. Dies ist weder für den Menschen, der die Leistung erhält, noch für diejenigen, die diese finanzieren müssen, auf Dauer sinnvoll.

Kommentar von CarstenB
16. Oktober 2015 | 02:57 Uhr

Das sind doch finanzielle Taschenspielertricks. Mag sein, dass die „plötzlichen“ Migrantenmassen durch weitere Verschuldung der Allgemeinheit zu kurzfristigen positiven Wirtschaftseffekten führen. Genauso gut kann ich aber die prekären Lebensbedingungen von Randgruppen in Deutschland mit warmen Geldgeschenken zu vermehrtem Konsum stimulieren. Eine Unterstützung von Familien mit Kindern, eine reale Entlastung dieser, würde das Problem der Geburtenzahlen auch lösen. das Problem der Bildung könnte ebenso angegangen werden. Aber man hat ja das Geld was man jetzt unkontrolliert über Fremde ausschüttet (ohne Nachweis zu fordern ob sie in der behaupteten Flüchtlingssituation überhaupt sind) nicht (oder will nur nicht!). Aber wir „… schaffen das…“! Wer Fragen dazu hat schaue nach Schönefeld. Auch da behauptete der verantwortliche Mehdorn: „…wir schaffen das“. Mit der selben Logik kann man auch sagen „Wir alle werden sterben“. Auch war. Nur hören möchte das keiner…. Es läuft verdammt viel schief (?im 4.Reich? – nicht schon wieder!). Zum Thema: [Link von der Redaktion entfernt, MH]

Kommentar von Stefan Saber
13. Oktober 2015 | 08:18 Uhr

Das ist das erste Mal, wo ich auch von der Mittelverwendung lese. Immer ist nur die Rede von Kosten und wie stark die Flüchtlinge die Staatskasse doch in Zukunft belasten. Dass die Sparquote wegen der geringen Summen pro Neuankömmling verschwindend gering sein dürfte und die Mittel vor allem für den alltäglichen Bedarf verwendet werden, kommt der Konjunktur gewiss zu Gute. Auch wenn daraus kein Totschlagargument wird – könnte man dann doch einfach jedem ein Grundeinkommen bezahlen – mildert sich der negative Effekt (jedenfalls der finanzielle) doch deutlich ab.

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