Fußball-EM: Gemeinsam gegen Hooligans

Wie eine europäische Informationsplattform gegen reisende Gewalttäter helfen würde

Keyfacts

  • Mehr Vernetzung und Datenaustausch sind erforderlich
  • Informationen sollen gebündelt, Risiken minimiert werden
  • Rechtsstaatlichkeit und Datenschutz müssen beachtet werden
Mathias Oberndörfer
  • Bereichsvorstand Öffentlicher Sektor
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Als Ende des letzten Jahres der Eintrittskartenverkauf für die Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in die entscheidende Phase trat, gab es mächtig Ärger für den DFB. Der Grund: Um Eintrittskarten konnte sich nur bewerben, wer Mitglied des DFB-Fanclubs war – was wiederum Beitritts- und Jahresgebühr kostet. Abzocke, lautete der Vorwurf: 40 Euro Gebühren zahlen, um überhaupt die Chance auf eine Eintrittskarte zu bekommen? Ganz schlechter Stil.

Der DFB verteidigte sich: Mit der Zwangsmitgliedschaft im Fanclub könne man sicherstellen, keine EM-Karten an Risiko-Fans zu verkaufen, die in Deutschland Stadionverbot haben. Anders gesagt: Wenn in diesen Tagen bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft keine Ausschreitungen in den Stadien durch deutsche Hooligans stattfinden, dann könnte es dafür einen Grund geben: Deutsche Risiko-Fans haben keine Karten kaufen können, weil im Voraus ein System auf Verbandsseite entwickelt wurde, genau das zu verhindern. Auf der Ebene der europäischen Sicherheitsbehörden jedoch gibt es ein solches System nicht – und das ist ein Problem.

Keine länderübergreifende Sicherheitsstruktur vorhanden

Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass die Ausschreitungen von Hooligans beinahe lächerlich anmuten im Vergleich zu dem Potenzial an Schrecken und Zerstörung, das von terroristischen Anschlägen ausgeht. Das dahinterstehende Problem ist indes dasselbe: Es fehlt an einer länderübergreifenden Sicherheitsstruktur, die solcherlei Ereignisse wesentlich erschweren würde.

In Deutschland wurde nach den Erfahrungen des 11. September im Jahr 2004 das gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) eingerichtet. Hier tragen die Mitarbeiter von 40 Sicherheitsbehörden aus Bund und Ländern ihre Kenntnisse zusammen, um gemeinsam terroristische Anschläge in Deutschland zu verhindern. Bisher erfolgreich.

Nach den Anschlägen von Brüssel und Paris haben die EU-Innenminister auf mehreren Konferenzen über Möglichkeiten für mehr Schutz der Bürger und mehr Kooperation der Sicherheitsbehörden diskutiert, wenn auch nicht viel entschieden. Eine vernetzte Informationsplattform auf europäischer Ebene könnte das leisten, was heute das gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum in ähnlicher Form schon tut: Informationen bündeln, Risiken minimieren.

Eine der entscheidenden Herausforderungen dabei liegt in dem gemeinsamen Verständnis aller Beteiligten dafür, wie mit den gesammelten Informationen umzugehen ist. Wie wichtig sind Hinweise einzelner Länder, wie belastbar sind die Informationen und wie lassen sie sich im Rahmen geltender Gesetze nutzen? So gibt es mitunter Zweifel an der Rechtmäßigkeit der vom gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum verarbeiteten Daten. Solche Zweifel sollten bei einer Informationsplattform auf europäischer Ebene gar nicht erst entstehen.

Gemeinsame Standards und Wertvorstellungen

Die Wirklichkeit ist leider anders, und wer von europäischer Zusammenarbeit redet, der sollte gelegentlich aufpassen, dass der Blick ins eigene Land nicht zu sehr desillusioniert. Tatsächlich ist es – wie beispielsweise die NSU-Morde gezeigt haben – nicht einmal hierzulande gesichert, dass einzelne Behörden untereinander gut zusammenarbeiten. Was es also brauchen würde, wäre zuerst einmal eine Einigung auf gemeinsame Standards und Wertvorstellungen, nach denen miteinander gearbeitet werden könnte. Die Realität auf europäischer Ebene ist stattdessen oft diese: Es gibt Vorbehalte, Hilfe anzunehmen, den Austausch zu organisieren. Dabei bietet er Chancen.

Für Großereignisse wie eine Fußball-Europameisterschaft müsste man dann nicht erst gezielt darauf hin Gremien aus Experten der unterschiedlichen Länder installieren, die erst anlässlich dieses Ereignisses zusammenkommen. Stattdessen würde man eine langfristige Zusammenarbeit anstreben. Damit wäre die Zusammenarbeit auf Erfahrungen basierend, die Beurteilung von verschiedenen Informationen früher und nachhaltig gesichert. Nicht jeder verwirrte Hooligan und Neonazi ist ein Problem, ein paar hundert von ihnen, die Krawalle verabreden, aber sehr wohl.

Eigene Ressourcen besser kennen

Wie kann man das verhindern? Die Auswertung frei verfügbarer Daten im Rahmen des Datenschutzes ist oft ein erster Schritt, um belastbare Prognosen abgeben zu können. In einem zweiten Schritt müsste der Datenaustausch der Behörden auf rechtlich, insbesondere datenschutzrechtlich einwandfreier Grundlage organisiert werden. Und man könnte sich in einem dritten Schritt einen Überblick darüber verschaffen, welche Ressourcen im Notfall überhaupt zur Verfügung stünden. Wie viele Einsatzfahrzeuge hat ein Land eigentlich, die es im Ernstfall einsetzen könnte? Eine Frage, auf die in den einzelnen Ländern wohl sehr unterschiedlich geantwortet werden würde.

In Deutschland beispielsweise wäre die Antwort klar: Wir wissen es nicht. Die Daten werden nicht ausreichend und vollständig bundesweit erfasst, und das ist im Katastrophenfall eher schlecht. In Frankreich wiederum wäre das anders, und das ist im Katastrophenfall eher gut. Dafür haben die Franzosen in den vergangenen Tagen und Wochen ein Problem mit Hooligans gehabt, über das viele sagen, sie hätten es nicht haben müssen, wenn sie stärker mit anderen Ländern im Voraus zusammengearbeitet hätten.

Vielleicht ja so: Wir können viel voneinander lernen. Wenn wir wollen.

Mathias Oberndörfer
  • Bereichsvorstand Öffentlicher Sektor
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