Das klügere Auto fährt vor

Wie die Autobranche bei der Datenanalyse Maßstäbe setzt – und dennoch unter Druck steht

Keyfacts

  • Daten sind der neue Treibstoff der Automobilindustrie
  • Automobilindustrie ist sehr aktiv bei der Datenanalyse
  • Der Wettbewerb an der Daten-Schnittstelle zum Kunden wird stärker
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Dieter Becker
  • Partner Head of Automotive
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Manchmal geschehen Dinge, die auf den ersten Blick unerklärlich scheinen: Da meldet der US-amerikanische Elektroautohersteller Tesla das 13. Quartal in Folge einen Verlust in Millionenhöhe – und der Aktienkurs steigt. Seit über drei Jahren ist der Autohersteller von einem Gewinn weit entfernt. Stärker noch: Der Verlust ist gegenüber dem Vorjahr um etwa 60 Prozent gestiegen auf nun rund 290 Millionen US-Dollar. Werden die Anleger nun hektisch? Nicht unbedingt. Dabei geht es nicht nur um die Tatsache, dass Tesla mit dem Elektromotor auf einen Antrieb setzt, der sich wachsender Beliebtheit erfreut. Für das Gesamtpaket Tesla scheint aus Sicht der Anteilseigner eine weitere Tatsache größere Bedeutung zu haben: Das Unternehmen ist im Bereich der Datenverarbeitung weiter als manch anderer Autobauer. Das liegt daran, dass das junge Unternehmen erst vor wenigen Jahren bei Null angefangen hat, ein neues Geschäftsmodell zu gestalten. Eines, mit dem sich innovative Prozesse relativ schnell und einfach umsetzen lassen. Das wiederum fällt den traditionellen Herstellern aufgrund ihrer produktgetriebenen Vergangenheit und Strukturen nach wie vor schwer.

Daten als neuer Treibstoff in der Autobranche

Wirft man nun einen Blick auf den deutschen Automobilmarkt, dann bestätigt sich dieser Trend auch hier: Daten sind der neue Treibstoff. Ob in der Entwicklung selbstfahrender Reisebusse, bei der Inbetriebnahme smartphonebasierter Carsharing-Portale oder bei der Frage, wie dicht das Netzwerk für Stromzapfsäulen sein muss, damit E-Mobility in Ballungsgebieten eine echte Chance hat – im Vergleich zu anderen Branchen belegt die deutsche Automobilindustrie in Sachen Datenanalyse einen Spitzenplatz. Das ist eines der Ergebnisse der diesjährigen Studie „Mit Daten Werte schaffen“, die KPMG in Zusammenarbeit mit Bitkom Research erstellt hat. Befragt wurden dabei Führungskräfte und Geschäftsführer aus rund 700 deutschen Unternehmen unterschiedlichster Branchen mit mehr als 100 Mitarbeitern. Entstanden ist auf diese Weise ein repräsentatives Bild über die Datennutzung in hiesigen Unternehmen.

Für die Automobilindustrie zeigt sich: Sie ist Spitzenreiter bei der Analyse von Sensordaten wie beispielsweise GPS- oder Radardaten. 82 Prozent aller befragten Automobilunternehmen gaben an, diese Daten zu analysieren, im Vergleich dazu ist es in der Gesamtwirtschaft nur jedes zweite Unternehmen. Und die Automobilindustrie ist dabei nach eigenen Angaben überdurchschnittlich erfolgreich darin, die Erkenntnisse aus diesen Daten in einen konkreten Nutzen für das jeweilige Unternehmen umzuwandeln. Das ist auf den ersten Blick nicht besonders erstaunlich, ist doch das Auto per se eine gigantische Maschine zur Generierung von Daten.

Die spannende Frage ist jedoch, in welchem Umfang es gelingt, die hier massenhaft anfallenden Daten intelligent miteinander zu verknüpfen. Die konkreten Anwendungsszenarien sind dabei heute in vielen Fällen noch nicht absehbar, fest steht aber: Das Auto der Zukunft wird in einem bisher unerreichten Ausmaß vernetzt sein. Verkehrsströme sind Datenströme – und aus Daten lassen sich Werte schaffen. Wenn also Automobilunternehmen im Carsharing investieren, dann tun sie es nicht nur, weil es dem sich verändernden Nutzerverhalten in großstädtischen Ballungsgebieten entspricht. Sondern sie tun es auch, weil sich aus den hierbei entstehenden Daten Rückschlüsse sowohl für das eigene Geschäftsmodell als auch für Produkt- oder Dienstleistungsverbesserungen ziehen lassen.

Mit 73 Prozent geben knapp drei Viertel der Befragten an, einen konkreten Nutzen aus der Datenanalyse ziehen zu können. Bei der Planung der Produktionsabläufe stellt sich die Frage nach Alternativen gar nicht mehr. Jedes Unternehmen (100 Prozent) der Automobilindustrie setzt Datenanalysen zur Planung der Produktion ein, in der Gesamtwirtschaft sind es mit 85 Prozent deutlich weniger. Deutlicher noch der Vorsprung der Automobilbranche gegenüber der Gesamtwirtschaft in Sachen datengestützte Überwachung der Produktionssysteme: Während 83 Prozent der Autohersteller hier aktiv sind, setzen insgesamt nur 35 Prozent der deutschen Unternehmen an dieser Stelle auf Datenanalysen.

Der Kampf um die Schnittstelle

Alles gut also im Automobilbau? Das Potenzial dafür ist definitiv vorhanden, allerdings ist der Automobilbau an der Stelle nicht alleine. Insbesondere die verhaltensbezogenen Kunden- und Fahrzeugdaten werden künftig der maßgebliche Punkt für nachhaltige Umsatzströme sein. Und hier steht die Automobilindustrie im Wettbewerb mit Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie.

Um die Schnittstelle zum Kunden nicht an genau diese zu verlieren, wird daher entscheidend sein, sowohl fahrzeug- und umfeldbezogene Upstream- Daten (generiert vom Fahrzeug) als auch kundenbezogene Downstream-Daten (generiert von den Insassen) intelligent miteinander zu verknüpfen. Klar ist: Einfach nur gute Autos zu bauen, reicht nicht mehr. Gewinnen wird derjenige, der es zum einen am besten versteht, die Bedürfnisse des Kunden in sein Angebot zu integrieren und zu befriedigen und zum anderen schafft, das Leben des Kunden in seinem Geschäftsmodell deutlicher widerzuspiegeln. Diese Bedürfnisse aus den vorhandenen Daten zu erschließen – das ist die entscheidende Herausforderung im multimobilen und vernetzten Zeitalter.

Auto das komplexeste Industrie-Produkt der Welt

Eines dürfen wir jedoch nicht vergessen: das Produkt Auto ist das komplexeste Industrie-Produkt der Welt. Um mehr als nur Nischenhersteller zu sein, bedarf es auch massenproduktionstauglicher Produkte. Die Nachrichten der vergangen Monate zeigen gerade hier, dass davon ein Hersteller wie Tesla heute noch weit entfernt ist. Erst wenn das Unternehmen seine Produkte und sein Geschäftsmodell auch danach ausrichten kann, wird es womöglich zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz.

Dieter Becker
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