Karriere und Teilzeit: Flexible Sprinter statt schlapper Marathonläufer

Der demografische Wandel fordert ein neues Verständnis von Arbeit und Führungskräften

Keyfacts

  • Teilzeitmodell für Vorstand erfüllt demografische Anforderungen des Arbeitsmarktes
  • Führungskräfte verstärkt in unterstützender als in anleitender Rolle
  • Attraktive Arbeitsmodelle zum Anlocken von Fachpersonal
Dr. Alexander Insam
  • Partner, KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben

Karriere und Teilzeit – das schließt sich in Zukunft nicht mehr aus, sagt KPMG-Experte Dr. Alexander Insam. Damit ändert sich auch die Rolle der Führungskräfte.

Eine Untersuchung des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung ergab, dass die meisten Führungskräfte weniger arbeiten wollen. Geht das mit der Vorbildfunktion von Führungskräften zusammen?

Alexander Insam: Bislang wird Leistung oft mit Quantität und Präsenz gleichgesetzt. Warum bringen wir nicht die zündende Idee mit harter Arbeit in Verbindung? Wir müssen der Führungskraft eine neue Bedeutung zukommen lassen und dabei Illusionen vermeiden. Der Paradigmenwechsel geht vom C-Level im Unternehmen aus, der Vorstand muss das gewünschte Arbeitszeitsystem mit- und vorleben, sonst entsteht ein Vertrauensproblem.

Dazu kommen strukturelle Konflikte. Wer hat bei einem 4-Stunden-Tag Zeit für lange Präsenzmeetings? Unternehmen müssen ihre Meetingkultur überdenken und Abwesenheit und Vertretungskonzepte akzeptieren.

Bedienen Teilzeitkräfte die Bedürfnisse der Kunden schlechter?

Alexander Insam: Das ist eine Frage des Umgangs mit den sogenannten Randzeiten. Diese haben sich bisher in die tradierten Arbeitsgewohnheiten eingefügt, welche sich gerade erheblich verändern.

Wenn Teilzeit kein Problem mehr ist, wie lassen sich Unternehmen überzeugen?

Alexander Insam: Der Prozess könnte wie bei der Frauenquote laufen und braucht einen Katalysator. Der Vorstand sollte 30 Prozent der Führungsstellen mit Teilzeitkräften besetzen, nicht weil ein neues Gesetz droht, sondern weil dies betriebswirtschaftlich klug im Hinblick auf die demografische Lage am deutschen Arbeitsmarkt ist.

Laut Untersuchung haben es Frauen besonders schwer, weil sie sich um die Familienarbeit kümmern. Können Vollzeit-Karriere-Frauen keine guten Mütter sein?

Alexander Insam: Können Vollzeit-Karriere-Männer gute Väter sein? Sollten Vollzeit-Karriere-Ehen überhaupt noch Kinder haben? Diese Fragen führen in mentale Sackgassen. Die Lösung lautet: Flexibilität zulassen.
Unternehmen sollten die Lebens- und Familienphasen ihrer Führungskräfte berücksichtigen. Durch Vollzeit-Modelle haben wir uns dieser Flexibilität beraubt.

Teilzeit ist oft ein Signal dafür, dass für Arbeitnehmer etwas anderes wichtiger ist als der Beruf. Stimmt diese Einschätzung?

Alexander Insam: Momentan ist diese Einschätzung noch vorhanden. Doch Untersuchungen haben ergeben, dass Teilzeitkräfte effektiver sind als die Vollzeitkollegen. Die andere Seite argumentiert natürlich, dass der 8-Stunden-Tag bei Vollzeitkräften gar nicht mehr der Maßstab ist. Hinzukommende Arbeit wird gleich ins tägliche Pensum einkalkuliert. Diese Zusatzarbeit der Führungskräfte ist eine Variable, die man nicht genau kennt.

Teilzeit macht deutlich, ob und wie Arbeitszeit verschwendet wird. Das ist gut für die Effektivität und schlecht für die ungeplante Ausnutzung von Arbeitszeit, die in vielen Unternehmen tagtäglich geschieht. Unternehmer können sich also über jede Teilzeitkraft freuen.

Welchen Rat haben Sie für Führungskräfte, die Familie und Beruf über ein Teilzeit-Modell vereinbaren wollen?

Alexander Insam: Führungskräfte müssen heute darauf vertrauen, dass sie Wissensarbeiter in ihrem Team haben. Das Anleiten ist also nicht mehr Aufgabe des Führungspersonals. Führungskräfte sind eher Mentalcoaches, die in 15 Minuten den richtigen Impuls geben können.

Die Generation Y will mehr verdienen, dafür aber weniger Zeit für Arbeit aufwenden. Geht diese Rechnung überhaupt auf?

Alexander Insam: Diese Rechnung geht dann auf, wenn man mit Ideen Geld verdient und nicht mit deren Ausarbeitung. Die Generation Y will intelligent arbeiten und genügend Zeit für private Dinge haben. Der 16-Stunden-Malocher, der immer kurz vom Herzinfarkt steht, hat ein hohes Ausfall-Risiko und motiviert als Führungskraft wenig.

Die Generation Y weiß, dass sie die Hochphase des demografischen Wandels erleben wird. Warum ist zu viel Sicherheit, oder nennen wir es Gewissheit, schlecht für die eigene Motivation?

Alexander Insam: Das sehe ich nicht. Wir verlieren momentan viele Fachkräfte, die beispielsweise in Rente gehen. Unternehmen sollten jetzt mit attraktiven Modellen auf die Teilzeitwünsche bei potentiellen Mitarbeitern eingehen. Die Schlauen setzen bereits darauf und bekommen die besten Mitarbeiter. Sie sind für flexible Sprinter attraktiv, während andere noch versuchen ihre Marathonläufer weiter zu motivieren, obwohl diese langsam aufhören zu laufen.

Dr. Alexander Insam
  • Partner, KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Mehr über meine Themen Nachricht schreiben

KPMG verwendet Cookies, die für die Funktionalität und das Nutzerverhalten auf der Website notwendig sind. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Einsatz von Cookies zu, wie sie in der Datenschutzerklärung von KPMG im Detail ausgeführt ist.