Klimarisiken: „Vielfach herrscht ein Unwille, sich damit zu beschäftigen“

Wie Unternehmen Folgen des Klimawandels in ihr Risikomanagement integrieren sollten

Keyfacts

  • Klimarisiken stellen eine Herausforderung für Unternehmen dar: Sie liegen großenteils noch weit in der Zukunft und die konkreten Effekte auf das Geschäft sind schwer zu ermitteln.
  • Risikoabteilungen sind angehalten, in verschiedenen Szenarien zu rechnen.
  • Neben den Risiken gilt es auch die Chancen, die sich aus dem Klimawandel ergeben können, zu ergreifen.

Die Erderwärmung bringt gewaltige Folgen mit sich. Daraus ergeben sich für Unternehmen Risiken, die zu steuern sind. Wie lassen sich die Klimarisiken bewerten und in das Risikomanagement integrieren? Und inwieweit haben Unternehmen dieses Thema bereits auf der Agenda? Darüber haben wir mit Jens C. Laue, Head of ESG (Environmental, Social and Governance Services), gesprochen.

Herr Laue, wie unterscheiden sich Klimarisiken von anderen Risiken, die von den Unternehmen bereits gesteuert werden?

Jens C. Laue: Der größte Unterschied liegt darin, dass der Zeithorizont viel weiter ist. Risikomanagementsysteme haben in der Regel Risiken im Blick, die in ein bis zwei Jahren drohen. In diesem Zeitraum werden die Effekte des Klimawandels aber noch nicht vollständig sichtbar sein. Beim Klimarisiko sprechen wir über einen Zeitraum von vielleicht 20, 30 Jahren: Was ist in diesem Zeithorizont mit den Werken oder Zulieferern eines Unternehmens in bestimmten Gebieten der Welt, wo es Hitzeperioden von über 55 Grad geben wird und das Arbeiten schlichtweg nicht mehr möglich ist? Was passiert mit Fertigungsanlagen in Küstennähe, wenn dann die Meeresspiegel steigen?

Neben den Risiken aus dem Klimawandel bestehen auch Risiken für Unternehmen, die durch ihr Handeln zur Erderwärmung beitragen.

Richtig. Effekte wie Flut oder Dürre, die direkt auf die Unternehmenswerte einwirken, nennt man physische Risiken. Daneben gibt es die transitorischen Risiken oder Übergangsrisiken. Ein Beispiel: Die Herstellung von Aluminium, Stahl oder Zement zählt insbesondere wegen des hohen Energieverbrauchs zu den größten CO2-Emittenten. Auch diese Industrien wissen, dass die EU bis 2050 klimaneutral sein will. Das stellt für das Geschäftsmodell ein Risiko dar, das gesteuert werden muss, zum Beispiel durch neue Technologien. Beide Risiken gehören damit zwingend ins Risikomanagement.

Wie bewertet man diese Risiken? Was muss eine Risikoabteilung beachten?

Die Herausforderung liegt darin, dass wir alle nicht wissen, um wie viel Grad sich die Erde erwärmen wird. Wir wissen nur, dass sie es tut. Deshalb gilt es, in Szenarien zu rechnen: Welche Effekte und damit transitorische und physische Risiken ergeben sich bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad, von 2 Grad, von 2,5 Grad, von 3 Grad usw.? 2 Grad oder 3 Grad – das klingt nicht nach viel, doch die Folgen unterscheiden sich gewaltig. Viele Wissenschaftler rechnen aufgrund der dramatischen Unterschiede für unseren Planeten sogar in Zehntel-Schritten. Aber der genaue Anstieg entscheidet darüber, in welchen Gebieten der Welt wir überhaupt noch werden leben können und ob es bestimmte Küstengebiete oder Inseln überhaupt noch geben wird.

Worauf können Risikoabteilungen sich stützen?

Es gibt Tools – wir bauen gerade selbst eines – bei denen man Parameter verstellen und sich anzeigen lassen kann, wie jeweils die Effekte in den unterschiedlichen Regionen ausfallen werden. So können Unternehmen die Klimafolgen für die Gebiete sehen, wo sie ihre Standorte oder Lieferanten haben. Sitzt beispielsweise der größte Zulieferer in einer besonders gefährdeten Region, dann stellt sich die Frage: Kann ich einen alternativen Lieferanten finden oder ist der jetzige nicht austauschbar, weil etwa nur von dort ein Rohstoff kommt, den ich unbedingt brauche? Das sind sehr komplexe Fragen, welche aber zwingend jetzt gestellt werden müssen.

Inwieweit haben die Unternehmen ihr Risikomanagement bereits angepasst, das heißt Klimarisiken integriert?

Es gibt erfreulicherweise die ersten Projekte. Aber die Unternehmen sind häufig noch in der Anlaufphase und beginnen nun langsam, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Warum geschieht da noch wenig?

Vielfach herrscht nach wie vor ein Unwille, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das hängt manchmal mit dem Kurzfristdenken zusammen. Wir haben über den weiten Zeithorizont gesprochen, manches Vorstands- oder manches Aufsichtsratsmitglied denkt: „Die Herausforderungen des Klimawandels betreffen mich im Augenblick nicht, und was in 30 Jahren ist, soll die nächste Generation lösen.“ So traurig das ist: Die Überschwemmungen in der Eifel, in Nordrhein-Westfalen usw. helfen auf schlimme Art, das Bewusstsein zu schärfen. Wir reden nämlich auch über erste Effekte in der Gegenwart und näheren Zukunft.

An den Kapitalmärkten ist Kurzfristdenken besonders stark ausgeprägt. Sehen Sie einen Unterschied zwischen börsennotierten Unternehmen und nicht börsennotierten Familienunternehmen hinsichtlich des Klimabewusstseins?

Wir sprechen hier gern von „Enkelfähigkeit“, also inwieweit die Enkel noch an dem Unternehmen partizipieren. Das ist bei börsennotierten Unternehmen naturgemäß weniger ausgeprägt: Aktionärinnen oder Aktionäre halten nur ein paar Jahre die Aktie oder können sie verkaufen. Aus Gesprächen mit Familienunternehmern weiß ich, dass sie sich intensiver mit dem Thema befassen, da sie idealerweise das Familienvermögen weitervererben. Damit liegt diese Beschäftigung auch mit längerfristigen Risiken ganz klar im Gen-Code der Familienunternehmen.

Allerdings berücksichtigen auch Investoren bei ihrem Engagement zunehmend, wie nachhaltig ein Unternehmen agiert. Wie wirkt sich das aus?

Da gibt es mindestens zwei Impulse. Erstens fordert die Europäische Zentralbank schon jetzt von den von ihr überwachten Banken, zu überprüfen, inwieweit ihre Vermögenswerte Klima- und anderen Nachhaltigkeitsrisiken ausgesetzt sind. Zweitens wird aller Voraussicht nach das Klimarisiko-Reporting für Unternehmen im Jahr 2023 verpflichtend werden. Regulierung wird derzeit noch vielfach negativ bewertet und hat ein schlechtes Image. Aber wenn das Reporting nicht zur Pflicht gemacht wird, schieben Unternehmen es wegen der Langfristigkeit des Themas leider manchmal immer weiter auf. Jetzt droht die Berichtspflicht und schon starten die ersten Projekte. Das zeigt: Wenn nichts hilft, hilft leider manchmal nur Regulierung.

Worüber müssen die Unternehmen Transparenz herstellen?

Die Task Force on Clime-related Financial Disclosures (TCFD) hat einen Standard zur Klimarisikoberichterstattung entwickelt. Demnach haben Unternehmen nicht nur die Folgen der Klimaveränderung zu beschreiben – zum Beispiel: Bei einer Tochtergesellschaft droht in 10-20 Jahren der Ausfall der Produktionsanlagen, weil dort lebensfeindliche Hitzeperioden herrschen werden – sondern müssen die Effekte auch konkret auf den Cashflow, Vermögenswerte, Schulden und den Gewinn herunterbrechen. Dann können Investoren sich überlegen, ob sie in ein Unternehmen investieren möchten, das diesen massiven Risiken ausgesetzt sein wird bzw. diese nicht ausreichend steuert.

Was können Unternehmen konkret tun, um Risiken zu steuern bzw. um jetzt schon zu vermeiden, dass es mittel- bis langfristig zu diesen Risiken tatsächlich kommt?

Das eine sind mitigierende Maßnahmen, also solche, die dabei helfen, die Klimaveränderung selbst soweit wie möglich mildern, z. B. durch eine Reduzierung von eigenen Treibhausgasen. Und das andere ist die Reaktion auf den Klimawandel, also sich maximal darauf einstellen. An Anlagen in relativer Küstennähe kann man neue Schutzwände und Dämme errichten, in Regionen mit Hitzeperioden die Produktionshallen mit modernen Klimaanlagen oder Gebäudedämmung ausstatten. Das alles wird schon gemacht. Das andere wäre, im Extremfall Standorte zu schließen oder sich für bestimmte Lieferverbindungen neue Partner zu suchen. Das wäre der radikalste Schnitt. Wofür man sich entscheidet, hängt von den Szenarien ab: Laufen wir gar in Richtung vier Grad Erderwärmung oder schaffen wir noch 1,5 Grad?

Um das entscheiden zu können, benötigen Unternehmen neben den Szenarien aber auch deren Eintrittswahrscheinlichkeiten.

Die genaue Erderwärmung als Folge des menschengemachten Klimawandels lässt sich leider nicht exakt voraussagen bzw. wissenschaftlich ermitteln. Es gibt zwar diverse Untersuchungen, aus denen ein Erwartungswert zu entnehmen ist, wenn sich z. B. alle Länder an die Treibhausgasbegrenzung halten, die sie versprochen haben, und was das dann für unser Klima bedeutet. Aber die Berechnungen sind so komplex und arbeiten mit so vielen Annahmen und Unbekannten, dass es nach meiner Einschätzung weiterhin ein Blick in die Glaskugel ist.

Warum?

Das liegt auch an den vielen Unsicherheiten. China zum Beispiel wird seine Emissionen bis 2030 noch steigern und will sie erst danach reduzieren. Was passiert, wenn die Chinesen plötzlich ankündigen, die Reduzierung auf 2040 zu verschieben? Keiner kann ihnen vorschreiben, was sie zu machen haben. Wahrscheinlichkeiten sind eher in der Schadensbewertung eingepreist, etwa die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich zu einer Überflutung oder zu Hitzewellen kommt.

Eine Sache ist hier noch wichtig. Wir sprechen von Risiko- und Chancenmanagement. Denn es gibt – so hart das klingt – auch Chancen aus dem Klimawandel. Es gilt zu prüfen, mit welchen neuen Produkten ein Unternehmen die Minderung der Klimawandeleffekte oder die Adaption an den Klimawandel unterstützen kann, beispielsweise die Herstellung von maximal energiesparenden Klimaanlagen. Auch die Erschließung neuer Märkte ist denkbar: Zum Beispiel kann dort, wo es in Zukunft zu starken Dürreperioden kommen wird, mit Bewässerungssystemen gegengesteuert werden.

Das Thema Nachhaltigkeit stand auch im Mittelpunkt unserer Talkshow Klardenker live am 30. September 2021 unter dem Titel „Megatrend ESG: Nachhaltig wertvoll?“ Jens C. Laue diskutierte mit der Nachhaltigkeitsaktivistin Rebecca Freitag sowie Dr. Katharina Reuter vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) und Kerstin Hochmüller, Geschäftsführerin des Familienunternehmens Marantec, über ESG-Strategien und Vorteile aus ESG für Unternehmen. Sehen Sie hier die Highlights und die Aufzeichnung der Sendung.

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