Krankenhausdiagnose Nord/Ost: kritisch

Was die Geschäftsführer der Krankenhäuser in Nord- und Ostdeutschland umtreibt

Keyfacts

  • Ein Drittel der Krankenhäuser im Norden macht Verluste, ein Viertel im Osten
  • Ohne höhere Fördermittel sieht ein Fünftel die Existenz gefährdet
  • Drei Viertel können ihren Betrieb nur mit ausländischen Fachkräften aufrecht erhalten
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Babette Brennecke
  • Partner, Audit
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Eine alternde Gesellschaft wird nicht gesünder. Und eine moderne Gesundheitsversorgung nicht günstiger. Die Lösung, die politisch seit mehreren Jahren vorangetrieben wird, ist die Zahl der Krankenhäuser zu verringern, um die Ausgaben zu reduzieren.

Dass der dadurch entstehende Leidensdruck wächst, beweist unsere Umfrage unter zwölf Prozent aller Krankenhäuser in den Regionen Nord und Ost. Abgedeckt werden damit zehn Bundesländer zwischen Flensburg und Göttingen sowie Rostock und Erfurt.

Ergebnis: Ein Viertel der Krankenhäuser im Osten schrieb 2018 Verluste, in der Region Nord war es sogar ein Drittel. Das Problem: Wer für den Alltag zu schwach ist, packt zusätzliche Herausforderungen nicht.

Die Dosis macht das Gift

Seit Jahren steigen die Kosten für Personal und medizinische Produkte rascher als die Vergütung durch die Krankenkassen. Bei vielen Krankenhäusern geht das mittlerweile an die Substanz. In der Region Ost ist die Lage nur deswegen etwas besser, weil nach der Wiedervereinigung bereits einige Krankenhäuser geschlossen wurden.

Problematisch ist die Lage vor allem bei denen, die Landkreisen oder Städten gehören. Dort sind die Möglichkeiten nicht oder nur teilweise gegeben, Kosten durch geteilte Verwaltung und effiziente Strukturen zu sparen, wie es private Träger mit mehreren Einrichtungen können. Zumal der Druck aus der Bevölkerung größer ist, diese öffentlich geführten Krankenhäuser zu erhalten. Was wachsende Zuschüsse durch Landkreis oder Stadt erfordert.

Weniger Krankenhäuser, andere Versorgungsstrukturen

Eine Lösung kann sein, den ambulanten Bereich zu stärken und mehr Leistungen beispielsweise durch medizinische Versorgungszentren erbringen zu lassen. Und die Krankenhäuser können dann  die schweren Fälle mit geeigneten Spezialisten besser behandeln.

Verschärft wird die finanzielle Not durch mangelnde Fördermittel. Prinzipiell sieht das deutsche Gesundheitssystem vor, dass die laufenden Kosten durch die Krankenkassen gedeckt werden. Investitionsfinanzierung ist hingegen Ländersache. Diese Gelder sind zu gering und lassen die Krankenhäuser mit einem Investitionsstau zurück. Kein Wunder, wenn ein Computertomograph allein die jährliche Fördersumme übersteigt. Ein Fünftel der befragten Krankenhauschefs sehen ihr Krankenhaus in existenziellen Nöten, sollten die Fördermittel nicht erhöht werden.

Digitalisierung in angespannter Lage

Die angespannte finanzielle Lage führt gleichzeitig dazu, dass Krankenhäuser den zwei größten Herausforderungen kaum begegnen können. Weder können sie von der Digitalisierung profitieren, weil es am nötigen Kapital für die Systemumstellung mangelt, noch dem Fachkräftemangel begegnen.

Um alle Vorteile der Digitalisierung überhaupt nutzen zu können, müssen Krankenhäuser diese möglichst schnell und über Strukturen hinweg vorantreiben. Am besten in einem Netzwerk, sodass auch der vorgelagerte Arzt und die nachgelagerte Reha-Klinik mit den digitalen Bescheiden arbeiten können und nicht auf Papierform bestehen.

Kräfte richtig einsetzen

Nachteilig ist, dass das Gesundheitswesen oft nicht die richtigen Anreize setzen. Zum Beispiel ist es im ambulanten Bereich so, dass ein per Fax übermittelter Bescheid höher vergütet wird als einer per E-Mail. Jetzt verstehen Sie, warum in Arztpraxen so häufig Faxgeräte stehen. Immerhin wird dieser besonders merkwürdige Fehlanreiz demnächst abgeschafft.

Geholfen wäre den Krankenhäusern jedenfalls, würde der Staat einheitliche Standards festgelegen und eine Plattform für die großen Digitalisierungsthemen gründen, damit das wenige freie Kapital auch in die richtige Investition fließt.

Fachkräfte aus dem Ausland mittlerweile unerlässlich

Auch dem Fachkräftemangel versucht jedes Krankenhaus für sich zu begegnen, was Lösungsversuche entsprechend verteuert. Allen voran fehlen Pflegekräfte. 74 Prozent der Krankenhäuser in Nord und Ost sind maßgeblich auf ausländische Mitarbeiter angewiesen, um den operativen Betrieb überhaupt aufrechterhalten zu können.

Jedoch müssen bei den Anwerbeversuchen im Ausland Rückschläge einkalkuliert werden. Beispielsweise der Versuch, Pfleger von den Philippinen langfristig als Arbeitskräfte zu gewinnen, funktionierte nur bedingt, weil viele nach wenigen Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehrten.

Die Krankenhäuser stehen also vor großen Hürden. Dabei sind die Belastungen jetzt schon für viele so groß, dass sie keine Mittel zur Verfügung haben, um die Probleme zu lösen. Am Ende kann es nur heißen: Konsolidierung des Krankenhausmarktes, ambulante Versorgung ausbauen und die Digitalisierung vorantreiben.

Babette Brennecke
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Die Geschäftsführung spricht Klartext: Krankenhäuser in Nord und Ost

Kaum Pflegekräfte, knappe Fördermittel, steigende Medizinkosten, komplexe Digitalisierung: Krankenhäuser stehen von vielen Seiten unter Druck. Wir haben ihre Geschäftsführer in den nord- und ostdeutschen Bundesländern gefragt, welchen Einfluss das auf ihr Handeln hat und wie sie ihre aktuelle Lage einschätzen.

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