Wegzugsbesteuerung: Auf und davon

Das Wichtigste zur Wegzugsbesteuerung

Steuerliche Fallstricke, die mit einem Wegzug aus Deutschland verbunden sein können.

Keyfacts über Wegzugsbesteuerung

  • Anteilseigner von Kapitalgesellschaften sind betroffen (§ 6 AStG)
  • Entstrickungstatbestand: Beteiligung an einer Personengesellschaft (§ 6 Abs. 5 S. 1 EStG)
  • Wohnsitz und gewöhnlicher Aufenthalt sind zu berücksichtigen
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Es hatte doch alles so gut geklappt. Die neue berufliche Herausforderung in Singapur hatte sich durch einen sehr glücklichen Zufall aufgetan. Das Eigenheim ist verkauft, der Haushalt in Deutschland aufgelöst. Dem langersehnten Traum ein neues Leben in einem neuen aufregenden Umfeld zu starten, stand eigentlich nichts mehr im Wege – bis Herr Klaus mit seinem Steuerberater sprach. Sein Vater hatte seinen Geschwistern und ihm bereits vor fünf Jahren die Anteile am Familienunternehmen vorsorglich übertragen. Sein Steuerberater teilte ihm nun mit, dass aufgrund seines Umzugs Wegzugsteuern zu zahlen seien. Steuern auf einen fiktiven Veräußerungsgewinn seiner Gesellschaftsanteile, die er gar nicht verkauft hat und auch nicht verkaufen will?

Diese Situationen kommen häufiger vor, als man denkt. Mal sind es persönliche Gründe, um beispielswiese den Lebensabend unter der mediterranen Sonne zu verbringen. Es gibt allerdings auch diejenigen, die ihren Kindern frühzeitig Anteile am Familienunternehmen übertragen haben und nun beabsichtigt der Nachwuchs nach seiner Ausbildung ins Ausland zu gehen oder nach einem Studium im Ausland dort zu bleiben.

Der Gang ins Ausland  bringt einige organisatorische Hürden mit sich. Daneben aber sollte man sich ausführlich steuerlich beraten lassen, um unschönen Überraschungen entgegenzuwirken. Dies betrifft ganz besonders Unternehmer, die erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut, Nachfolger, die Anteile an einem Familienunternehmen übernommen, oder Personen, die eine  wesentliche Beteiligung an einer Gesellschaft erworben haben.

Regelungen zur Wegzugsbesteuerung

Sofern man einen Anteil von mindestens 1 % an einer in- oder ausländischen Kapitalgesellschaft hält, man insgesamt in seinem Leben zehn Jahre in Deutschland gelebt hat und dann seinen deutschen Wohnsitz aufgibt und ins Ausland zieht, gelten die Anteile aus Sicht des deutschen Fiskus als zum Verkehrswert verkauft. Und wie bei einem tatsächlichen Verkauf, wird Einkommensteuer auf den fiktiv erzielten Gewinn festgesetzt.

Zu einer solchen Rechtsfolge kann es auch bei einer Beteiligung an einer Personengesellschaft kommen. Voraussetzung hierfür ist, dass sich durch den Wegzug das Besteuerungsrecht nach dem jeweiligen Doppel­besteuerungsabkommen auf den ausländischen Wohnsitzstaat verlagert. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn die Personengesellschaft überwiegend Holdingfunktionen ausübt.

Darüber hinaus spielt die Wahl des neuen Heimatortes eine wichtige Rolle. Sofern der Wohnsitz innerhalb des EU-/EWR-Gebiets bleibt, wird diese Steuer grundsätzlich zinslos und unbefristet bis zum Zeitpunkt einer tatsächlichen Anteilsveräußerung gestundet. Dennoch ist diese Stundung mit erheblichen formalen Anforderungen belastet und befreit nicht von Steuererklärungspflichten in Deutschland.

Bei Wegzug in Drittstaaten (z. B. Singapur oder USA) hingegen ist die Steuer im Grundsatz sofort zur Zahlung fällig. Ausnahmen gibt es hier nur, wenn eine Rückkehr nach Deutschland innerhalb weniger Jahre erfolgt, verbunden mit der Glaubhaftmachung, dass die Abwesenheit von vornherein nur vorübergehend geplant ist. Nur unter engen Voraussetzungen ist eine Stundung de Steuer für maximal fünf Jahre gegen Sicherheitsleistung denkbar.

Bemessungsgrundlage für eine Besteuerung ist der fiktive Veräußerungsgewinn. Um diesen zu ermitteln, ist eine Unternehmensbewertung vorzunehmen und der anteilige Wert der eigenen Anteile den historischen Anschaffungskosten gegenüberzustellen; im Falle geschenkter oder ererbter Anteile sind dies beispielsweise die Anschaffungskosten des Vaters oder Großvaters.

Idealerweise sollte versucht werden, das Auslösen der Wegzugsbesteuerung bereits im Vorfeld durch eine sorgfältige Planung und Umstrukturierungsmaßnahmen im Rahmen des Möglichen zu vermeiden oder aber mindestens die Stundung sicherzustellen. Doch gibt es auch Situationen, in denen es Sinn macht, ganz bewusst eine Art „Schlussbesteuerung“ in Deutschland im Wegzugszeitpunkt auszulösen, um künftige Wertsteigerungen einer günstigeren Besteuerung im Zuzugsstaat zu unterwerfen.

Vermeidung von strafrechtlichen Risiken

Damit ein Wegzug aus Deutschland steuerlich anerkannt und steuerfrei gestellt wird, müssen strenge Anforderungen erfüllt sein; auch muss man den Wegzug innerhalb eines Monats beim Finanzamt erklären und u. a. in den Folgejahren jährlich melden, dass man weiterhin Eigentümer der Anteile ist. Ist man darauf nicht vorbereitet, ist ein Steuerstrafverfahren nicht fern.

Weitere Überlegungen zur Steuerplanung

Neben den Auswirkungen auf Ihre laufende Besteuerung sind auch die Folgen eines Wegzugs auf die potentielle Belastung des Vermögens mit Erbschaft- und Schenkungsteuer zu berücksichtigen.

Zudem muss man in einzelnen Fällen nach dem Recht des neuen Wohnsitzstaates mit sehr umfangreichen Steuererklärungspflichten rechnen, die bis auf Unternehmensebene durchgreifen, weil zum Beispiel der gesamte Beteiligungsbesitz des Unternehmens und dessen Erträge nach ausländischem Recht zu erklären sind. Hier ist mancher überrascht, dass Steuerrecht im Ausland noch ausufernder und komplexer sein kann, als in Deutschland.

Daher sollte man sich vor einem geplanten Wegzug insbesondere mit folgenden Fragestellungen auseinandersetzen:

  • Welche steuerlichen Pflichten ergeben sich im Zuzugsstaat für mich?
  • In welchem Umfang bleiben Einkünfte in Deutschland auch nach einem Wegzug einkommensteuerpflichtig?
  • Welche Erklärungspflichten bestehen in Deutschland und im Zuzugsstaat?
  • In welchem Umfang greift auch nach dem Wegzug eine Erbschaft- und Schenkungsteuerpflicht in Deutschland? Welche Fristen sind dabei zu beachten?
  • Welchen Zeitwert hat meine Beteiligung, welcher fiktive Veräußerungsgewinn ergibt sich?
  • Spielt die Staatsangehörigkeit im Einzelfall eine Rolle für die Besteuerung?
16. November 2017
Zusammengefasst

»Der Gang ins Ausland bringt einige organisatorische Hürden mit sich. Daneben aber sollte man sich ausführlich steuerlich beraten lassen, um unschönen Überraschungen entgegenzuwirken.«

Wer seine Zelte in Deutschland abbrechen möchte und an einer Kapital- oder Personengesellschaft beteiligt ist, der muss mitunter eine Wegzugsbesteuerung entrichten. Alles Wissenswerte dazu.

Kay Klöpping Partner, Tax
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