Stochern im Steuer-Nebel

Stochern im Steuer-Nebel

Warum die US-Steuerreform und der Brexit das Potenzial haben, den Welthandel umzukrempeln

Keyfacts über die Talkshow

  • KPMG - Klardenker live: Talk zu Steuersystemen im Umbruch
  • Die Sendungen werden live gestreamt
  • Die fünfte Ausgabe kam diesmal aus der Berliner Fusion Factory
Zusammenfassung lesen

Wer die Steuern senkt, der macht sich beliebt. Dass das nicht immer so sein muss, zeigen die jüngsten Entwicklungen in den USA und Großbritannien. Trumps protektionistischer Kurs und seine Pläne für eine radikale Steuerreform im Land verunsichern viele deutsche Exportunternehmen. Die Körperschaftsteuer senken, das möchte auch die britische Premierministerin Theresa May. Der Steuerwettbewerb ist in vollem Gange. Und ob der Brexit hart oder weich abläuft, ist derzeit noch unklar. Diese Aussichten treiben deutschen Unternehmern Sorgenfalten auf die Stirn.

Die Steuersysteme sind im Umbruch. Darin war sich die Expertenrunde der Talkshow KPMG – Klardenker live am Mittwochabend in Berlin einig. Was umbricht, ist oft noch wenig konkret und Spekulationen ausgesetzt. Worauf sich deutsche Unternehmen einstellen sollten und welche möglichen steuerlichen Auswirkungen Brexit, Trump und Co. haben, wurde eingehend debattiert.

Das lag vor allem an der ausgewogenen Mischung der Talkgäste. Die verschiedenen Dimensionen der Thematik wurden intensiv besprochen – aus wissenschaftlicher, politischer und unternehmerischer Perspektive. Prof. Dr. Friedrich Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“, konnte sein steuerpolitisches Know-how mit Blick auf Europas Zukunft einbringen. Der neue Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer“ Reinhold von Eben-Worlée vertrat die Interessen der für Deutschland so wichtigen familiengeführten Unternehmen. Seine langjährige Tätigkeit als Leiter des German Desk bei KPMG US machte Marko Gründig, Bereichsvorstand Tax bei KPMG in Deutschland, zum Fachmann für das US-Steuerrecht. Flankiert wurde er dabei von Dr. Laura von Daniels, ausgewiesene Amerika-Expertin, die für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen forscht.

Schadensbegrenzung lautet die Devise beim Brexit

Für Prof. Heinemann ist der Brexit in vielfacher Hinsicht ein Negativereignis für Europa, bei dem man nur noch Schadensbegrenzung betreiben könne. Der Wissenschaftler des ZEW sieht im Austritt der Briten kaum Chancen. „Es ist ein großes Risiko, dass hier ein wichtiger Absatzmarkt an Bedeutung verliert. Natürlich kann es sein, dass sich in Frankfurt neue Arbeitsplätze für Banker ergeben, aber der Schaden der dadurch entsteht, dass bei einem solch wichtigen Handelspartner Sand ins Getriebe kommen könnte, ist ungleich höher.“

Deutschland ist Exportchampion, dafür sind deutsche Unternehmen zuständig – viele davon sind in Familienhand. Der Brexit sei auch eine Chance, so sieht es zumindest von Eben-Worlée. „Jede Veränderung bringt auch Chancen mit sich, jede Zementierung reduziert Chancen. Es gilt nun, die beste Lösung für alle beteiligten Seiten zu finden.“ Dagegen sei Trump schwer einzuschätzen, vieles liege im Ungewissen. Abwarten sei die Devise, so der Verbandspräsident.

Trump will den Welthandel zu seinen Gunsten umkrempeln. Dabei steht auch eine radikale Steuerreform auf der Agenda. Hierzulande sind viele Unternehmen angesichts dieser Absichten verunsichert. Dabei bewegen Marko Gründigs Mandanten derzeit zwei zentrale Fragen: Wie würde sich diese Reform konkret auf uns auswirken? Wie wahrscheinlich ist die Umsetzung der Pläne?

Der Handel mit den USA wird sich ändern

Für Laura von Daniels stellten sich mit Blick auf die US-Steuerreform gleich mehrere Fragen. Unklar sei, wann sie kommt und wie sie tatsächlich aussehen wird.  Darüber, dass die Körperschaftsteuer sinken muss, gibt es in den USA kaum Diskussionen. Ob die angekündigte Grenzausgleichsteuer (Border Adjustment Tax, kurz BAT), an der sich gerade die Geister scheiden, tatsächlich kommt, sei aber reine Spekulation. Dem widersprach Marko Gründig. Seiner Meinung nach sei die Sondersteuer für Importe längst nicht vom Tisch. „Ich glaube, die Border Adjustment Tax kann in modifizierter Form doch noch kommen.“

Gegenfinanzierung der US-Steuerreform wirft viele Fragen auf

„Die Republikaner werden hart daran arbeiten, die Reform umzusetzen.“ Dabei sei die Gegenfinanzierung das Zünglein an der Waage. Ein Ausgleichsmechanismus wie der Grenzausgleich wäre aus US-Sicht somit zwingend. Für Prof. Heinemann ist klar, dass die USA Handlungsbedarf haben. Als Hochsteuerland sei es an der Zeit, Veränderungen herbeizuführen. „Es ist schon erstaunlich, dass das Land des Kapitalismus seine Unternehmen so stark besteuert.“

Drohkulisse Strafzölle

Die US-Regierung sucht derzeit auch nach Wegen, um ihre Wirtschaft gegenüber Importpartnern besser zu positionieren. „Es sind mehr als Gerüchte, dass die USA Willens sind härtere Bandagen anzulegen“, sagte Laura von Daniels. Solche Handelsbeschränkungen können sich vielgestaltig auswirken. Der US-Präsident habe ein großes Portfolio an Möglichkeiten. Derzeit sei vor allem die Stahlindustrie im Fokus der US-Regierung.

Ob hierzulande Millionen Jobs auf dem Spiel stehen, wenn die US-Regierung ernst macht, interessierte die Zuschauer, die ihre Fragen über Twitter, Facebook und Youtube stellten. „Es stehen Jobs auf dem Spiel. Aber nicht in Millionenhöhe, weil die deutsche Wirtschaft sehr breit diversifiziert ist. Das ist ein großes Plus“, sagte Prof. Heinemann. Für Reinhold von Eben-Worlée ist es durchaus vorstellbar, dass auch neue Jobs entstehen. „Es gehen immer wieder neue Türen auf. Das ist das Verrückte an der Wirtschaft. Jede Disruption erhöht auch die Chancen für Neues.“

Am Ende der Sendung war sich die Expertenrunde darüber einig, dass die Politik dem Thema Unternehmensbesteuerung im internationalen Kontext mehr Beachtung schenken sollte. Weniger Binnenorientierung und ein klarer Blick für die Umfeldveränderungen seien vonnöten.

Die gesamte Sendung von KPMG – Klardenker live finden Sie hier.

29. Juni 2017

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