Negative Zinssätze – eine Herausforderung für die Unternehmensbewertung

Wie Unternehmen unrealistische Bewertungen vermeiden

Keyfacts

  • Der Basis-Zinssatz für Unternehmensbewertungen hat nahezu die Nulllinie erreicht.
  • Das niedrige Zinsumfeld birgt die Gefahr, dass der Wert von Unternehmen zu hoch angesetzt wird.
  • Für realistische Einschätzungen sollten Unternehmen sich bei Bewertungen immer an den Gesamtrenditen orientieren.
Dr. Andreas Tschöpel
  • Partner, Deal Advisory
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Auf den Kapitalmärkten nehmen die Unsicherheiten weiter zu. Die nach der Svensson-Methode ermittelte Zinsstrukturkurve, abgeleitet aus den Kupon-Renditen deutscher Staatsanleihen, verläuft nunmehr nahezu über die gesamte Laufzeit von 30 Jahren im negativen Bereich. Der gemäß IDW hieraus für Unternehmensbewertungen abgeleitete Basiszinssatz könnte erstmals unter die Nulllinie fallen.

Die Kapitalmärkte suchen also weiterhin die Richtung. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld besteht dabei das Risiko, dass der Wert von Unternehmen zu hoch geschätzt wird. Daher ist Unternehmen zu empfehlen, Kapitalmarktdaten weiterhin genau im Blick zu behalten – vor allem, wenn der Jahresabschluss naht.

Anhebung der Marktrisikoprämie

Das gilt insbesondere angesichts der jüngsten Anpassungen, die das IDW bei der Marktrisikoprämie vorgenommen hat. Sie ist einerseits eine wichtige Größe für die Unternehmensbewertung. Andererseits ist die von den Kapitalgebern geforderte Gesamtrendite, die sich aus dem Basiszinssatz und der Risikoprämie zusammensetzt, maßgeblich.

Nun hat der Fachausschuss des IDW, der den Bewertungsstandard setzt (FAUB), überprüft, ob die rückläufigen Basiszinssätze mit einer gleichermaßen rückläufigen Gesamtrendite vereinbar sind. Zwar können seit ca. 2012/2013 leicht rückläufige Gesamtrenditen beobachtet werden; im Vergleich zu diesem Rückgang verringerten sich im selben Zeitraum die Renditen der Staatsanleihen aber ungleich stärker.

Vor diesem Hintergrund kann davon ausgegangen werden, dass die Marktrisikoprämie steigt. Deshalb hat der FAUB beschlossen, die empfohlene Marktrisikoprämie auf eine Bandbreite von 6 bis 8 Prozent anzuheben. Bislang lag die Spanne bei 5,5 bis 7 Prozent.

Diskussion über alternative Methoden

Es ist offensichtlich, dass die empfohlene Marktrisikoprämie immer vom aktuellen Basiszinssatz bzw. seiner Ermittlungsmethodik abhängt. Sollte der Basiszins weiter sinken, tauchen die mit der Festlegung der Marktrisikoprämie verbundenen Bewertungsschwierigkeiten erneut auf.

Daher ist es sinnvoll, die aktuelle Verfahrensweise zur Bestimmung des Basiszinssatzes (Festlegung der Zinsstrukturkurve aus den Kupon-Renditen deutscher Staatsanleihen, die maßgeblich durch die wieder verstärkte expansive Geldpolitik der EZB beeinflusst sind) kritisch zu hinterfragen und alternative Methoden zu diskutieren.

Sollte die Methodik angepasst werden, könnte das dazu führen, dass die beiden Parameter Basiszins und Marktrisikoprämie sich im historischen Zeitverlauf stärker bewegen. Dann würde neben dem seinerzeit aktuellen Kapitalmarktniveau auch der Einfluss der Ableitungsmethodik auf die Einzelparameter zum jeweiligen Betrachtungszeitpunkt eine Rolle spielen.

Entwicklungen im Blick behalten

Unternehmen sollten somit Basiszins und Marktrisikoprämie regelmäßig im Blick behalten und insbesondere darauf achten, ob sich diese Parameter im Zeitablauf verändern – etwa aufgrund von Entwicklungen am Kapitalmarkt, Anpassungen der empfohlenen Bandbreiten oder neuen Ableitungsmethoden. Sonst besteht das Risiko, „Äpfel mit Birnen zu vergleichen“ und unrealistische Bewertungen vorzunehmen.

Ein sehr hohes Maß an Sicherheit bieten sich aktualisierende Datenbanken, die einen permanenten Zugang zu verlässlichen Daten bieten und stichtagsbezogene Ableitungen von Kapitalmarktparametern ermöglichen.

Fazit

Zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Kapitalkostenparameter zur Hand zu haben: Das ist essenziell für Investitionsentscheidungen und das Reporting, insbesondere in der aktuellen Jahresabschlussperiode.

Wer im Hinblick auf die Kapitalmarktdaten auf dem neuesten Stand bleibt, schützt sich vor Überbewertungen – und schafft sich ein Stück Sicherheit in diesen turbulenten Zeiten.

Dr. Andreas Tschöpel
  • Partner, Deal Advisory
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