Zukunft der Krankenversicherungen: „Konsolidierung noch nicht vorbei“

Zukunft der Krankenversicherungen

Wie Krankenkassen im digitalen Zeitalter fit für die Zukunft werden

Keyfacts über Krankenversicherung

  • Konsolidierungswelle der Krankenversicherungen ist noch nicht beendet
  • Kooperationen von Krankversicherungen und anderen Akteuren nehmen zu
  • Strukturelle Defizite sind weiterhin vorhanden
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Die Krankenversicherungen befinden sich in einem umfassenden Umbruch. Über Herausforderungen, Chancen und den Wandel der Zeit sprechen wir mit Volker Penter, Leiter Gesundheitswirtschaft bei KPMG Deutschland.

Herr Penter, im Jahr 1990 gab es bundesweit mehr als 1.200 Krankenkassen, heute sind es nur noch 112. Was ist da passiert?

Die Krankenkassen machen seit geraumer Zeit einen enormen Wandel durch. In den vergangenen 25 Jahren haben wir massive Konsolidierungswellen beobachten können. Dafür gibt es zum einen historische Gründe: Eine Vielzahl kleiner, hochspezialisierter Anbieter für einzelne Berufsgruppen wurde im Laufe der Zeit zunehmend obsolet. Und es gibt auf der anderen Seite auch strukturelle Gründe, die dazu geführt haben, dass wir heute nur noch etwa ein Zehntel der Krankenkassen haben wie vor 25 Jahren.

Welche strukturellen Gründe sind das?

Wir stellen fest, dass die Rolle als reiner Verwalter der Versicherten in den letzten Jahren immer stärker in den Hintergrund gerückt ist. Heutzutage sind die großen Anbieter wesentlich stärker beim Patienten präsent und bieten deutlich unterschiedliche Angebote als früher. Die Wahlfreiheit der Patienten steigt immer weiter, ebenso wie die von die Krankenkassen angebotenen Leistungen. Auf der Kostenseite merken Versicherte das durch die unterschiedlich hohen Zusatzbeiträge. Auf der Angebotsseite aber eben auch durch deutliche Unterschiede im Leistungsportfolio. Unter dem Strich führt das dazu, dass der Wettbewerb der Kassen untereinander steigt – und so mancher Anbieter in der Vergangenheit feststellen musste, dass er nicht in der Lage ist, am Markt zu bestehen.

Ein Merkmal des deutschen Gesundheitssystems ist der Wettbewerb der Krankenversicherungen untereinander, der dazu führen soll, dass das System insgesamt innovativer ist. Wenn immer mehr Kassen vom Markt verschwinden – geht dann nicht auch Innovationspotenzial verloren?

Diese Gefahr besteht definitiv, aber nicht bei 112 Anbietern, wie es derzeit noch der Fall ist. Natürlich: Wenn irgendwann einmal drei, vier Anbieter den Markt unter sich aufteilen sollten, dann hätten wir ein Problem. Davon jedoch sind wir im deutschen Gesundheitssystem weit entfernt. Ich gehe sogar davon aus, dass die Anbieterzahl künftig noch einmal deutlich sinken wird. Die Konsolidierung ist noch lange nicht vorbei.

Womit rechnen Sie?

Bei den strukturellen Herausforderungen, die sich für jede Kasse in ähnlichem Ausmaß stellen, würde es mich nicht wundern, wenn wir am Ende des Konsolidierungsprozesses noch etwa 50 bis 60 Krankenversicherungen in Deutschland hätten.

Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass die bestehenden infrastrukturellen Defizite durch den Staat nicht behoben werden. Nehmen wir zum Beispiel die Chipkarte, die jeder Versicherte hat. Natürlich gäbe es die Möglichkeit, technische Innovationen wie beispielsweise eine verbesserte Datenspeicherung auf den Chips zu etablieren. Alleine: Es passiert nicht.

112

Krankenversicherungen gibt es derzeit in Deutschland – im Jahr 1190 waren es noch mehr als 1.200.

Wir stellen fest, dass immer mehr Krankenkassen in dieser Situation von sich aus die Zusammenarbeit mit anderen Anbietern suchen, um dieses Defizit zu beheben. Das Ziel ist dabei immer gleich: Sie alle sehen ihr künftiges Alleinstellungsmerkmal darin, besser als andere Krankenversicherungen in Kooperation mit anderen Unternehmen Vorteile für ihre Versicherten zu erzielen. Da das aber ein kostspieliges Unterfangen ist, werden einige Krankenkassen hier an ihre Leistungsgrenzen stoßen – was ihr Überleben am Markt langfristig erschweren wird.

Also auch hier wieder die Digitalisierung, die den Druck auf Anbieter erhöht?

Naja, Digitalisierung als Schlagwort ist hier nicht ganz zutreffend. Ich sehe die Digitalisierung eher als eine Hilfswissenschaft. Die größeren Trends von Angebot und Nachfrage hätte es im Gesundheitswesen ohnehin gegeben. Natürlich lässt sich mit den Mitteln der Digitalisierung besser und effizienter arbeiten als je zuvor. Die Debatte krankt meiner Meinung nach aber immer daran, dass wir mit dem Verweis auf datenschutzrechtliche Bedenken so tun, als könnten wir ebenso gut auf die Digitalisierung verzichten. Das ist einigermaßen grotesk in einer Situation, wo Google, Facebook und Co. mit größter Selbstverständlichkeit ihr komplettes Geschäftsmodell auf digitaler Basis aufgestellt haben – und Milliarden von Menschen bereitwillig ihre Daten dort zur Verfügung stellen. Mit anderen Worten: Digitalisiert wird ohnehin, die Zahl der Gesundheitsapps steigt stetig. Wenn die Krankenversicherungen auch weiterhin Ansprechpartner ihrer Versicherten sein möchten, dann bleibt ihnen gar keine andere Wahl, als dieses Spiel mitzuspielen.

Herr Penter, vielen Dank für das Gespräch.

 

Mehr über den Wandel der Krankenversicherungen erfahren Sie im aktuellen Gesundheitsbarometer von KPMG. Zum Download geht es hier.

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20. Dezember 2017
Zusammengefasst

»Der Wettbewerb der Kassen untereinander steigt – und so mancher Anbieter musste in der Vergangenheit feststellen, dass er nicht in der Lage ist, am Markt zu bestehen.«

Die Krankenversicherungen befinden sich in einem umfassenden Umbruch. Über Herausforderungen, Chancen und den Wandel der Zeit sprechen wir mit Volker Penter, Leiter Gesundheitswirtschaft bei KPMG Deutschland.

Prof. Dr. Volker Penter Head of Health Care
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Kommentare

Konsolidierung ohne Ende: Wie beurteilen Sie die Situation der Krankenversicherungen?

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