„Ehrlich gesagt begann die Digitalisierung beim Herzschrittmacher.“

"Mit dem Herzschrittmacher fing es an"

E-Health und Co: Wie die Digitalisierung die Gesundheitsbranche verändert

Keyfacts über Digividuum

  • Die Digitalisierung erweitert die Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge stark
  • Jüngere Menschen gehen freigiebiger mit ihren Daten um
  • Für Krankenkassen entsteht Veränderungsdruck
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Die digitale Transformation macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht halt. In diesen Tagen findet unter dem Motto „Das Gesundheitssystem gerecht und zukunftsfähig gestalten“ in München der 16. Europäische Gesundheitskongress statt. Eines der wichtigsten Themen der zweitägigen Konferenz: die Digitalisierung. Wir sprachen mit Thomas Rüger, Partner und Leiter Audit Public Sector Deutschland bei KPMG, über Herausforderungen und Umbrüche im Gesundheitssektor.

Herr Rüger, in letzter Zeit liest und hört man immer wieder vom „Digividuum“ – der Mensch, der durch die digitalen Möglichkeiten in der Gesundheitsbranche nicht länger als Individuum verstanden wird. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?

Ja, etwas mulmig wird einem da manchmal schon und ich kann gut verstehen, dass Menschen auf diese Entwicklungen mit Furcht reagieren. Der Mensch ist ein auf Stabilität bedachtes Wesen, technologische Umbrüche können da ihre Spuren hinterlassen. Aber ich widerspreche deutlich, wenn der Eindruck erweckt wird, die Digitalisierung im Gesundheitswesen würde dazu führen, dass der Mensch nicht mehr als Individuum wahrgenommen werde.

Warum?

Weil der Einsatz technischer Hilfsmittel in der Medizin schon immer stattfand – zum Glück für alle Patienten. Ehrlich gesagt begann die Digitalisierung mit der Erfindung des Herzschrittmachers, sofern man darunter einen Prozess versteht, bei dem sich die Lebenswelt des Menschen durch das Hinzukommen digitaler und technischer Objekte dramatisch verändert. Und diese Entwicklungen gehen weiter. Ich plädiere dafür, den Blick auf die Vorteile zu lenken – auch, wenn es sich manchmal etwas seltsam anfühlen mag. Denn der Befund ist doch eindeutig: Noch nie hat es so viele Menschen gegeben, die gegenüber der Vermessung ihrer eigenen Gesundheit – und nichts anderes meint die Digitalisierung des Gesundheitswesens im Kern – so aufgeschlossen waren wie heute.

Was bedeutet das konkret?

Wir haben eine neue Generation von Menschen, die wesentlich freigiebiger mit ihren Daten umgeht als frühere Generationen. Das gilt beispielsweise schon heute sehr stark im Bereich der Wearables, mit denen sportliche Aktivitäten messbar gemacht werden. Natürlich ist die spannende Frage dann, ob diese Freigiebigkeit auch im Fall von Krankheiten weiterhin gegeben ist. Gewiss aber beschleunigt sich das digitale Selbstmanagement der Versicherten. Auf absehbare Sicht wird das dazu führen, dass wir einen massiven Wandel im Gesundheitswesen erleben.

Ein Wandel also, der primär durch die Anforderungen der Versicherten getrieben wird?

Ja, im ersten Schritt sicherlich. Allerdings wird es dabei nicht bleiben. Das deutsche Gesundheitswesen ist eine eher konservative Branche mit starken Kräften, die auf Bestand und Kontinuität setzen, was durchaus an verschiedenen Stellen seine Berechtigung findet. Krankenkassen beispielsweise sind in den meisten Fällen traditionell arbeitende Organisationen, bei denen der persönliche Kontakt in den Geschäftsstellen mit einer häufig analogen Datenverarbeitung eine vorherrschende Rolle spielt. Für jüngere Menschen ist es aber im Zweifel wichtiger, dass die für sie relevanten Informationen digital zur Verfügung stehen. Im Bereich des Kundenmanagements sehe ich viele Veränderungen  auf die Krankenkassen zukommen. Und dann wird auch der allgemeine Kostendruck auf einer zweiten Ebene dazu führen, dass eben diese „digitalen“ Schritte eingeleitet werden – denn mit ihnen sind auch enorme Chancen verbunden.

Sie meinen Kostenersparnis?

Ja, sicherlich. Aber nicht nur. Die Digitalisierung wird das Geschäftsmodell der Versicherer verändern – hin zu mehr Auswahl, Transparenz und einer veränderten Gesundheitsversorgung. Die intensivere Datennutzung bietet den Versicherern die Möglichkeit, an neuen Kontaktpunkten mit ihren Kunden ins Gespräch zu kommen – und dementsprechend neue Versorgungsleistungen anzubieten. Ob das hier um die positive Verstärkung eines gesunden Lebensstils, die Beratung und das Coaching über das Internet der Dinge oder aber Präventivmaßnahmen durch eine intelligente Datennutzung geht – der Effekt ist immer gleich: Versicherte leben gesünder – und gesündere Kunden bedeuten geringere Ausgaben für die Krankenkassen.

Was macht Sie so sicher, dass die geschilderte Entwicklung tatsächlich eintreten wird?

Sicher können wir bei solchen Entwicklungen nie sein, eine solche Behauptung wäre unseriös. Konkret sehe ich durchaus auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankenkassen einen solchen Wandel nicht sehr schnell leisten können, da die dafür erforderlichen Strukturen und Mitarbeiter (noch) nicht vorhanden bzw. weiterentwickelt sind. Digitalisierung ist primär ein Veränderungs-Prozess im Denken und Handeln der Beteiligten. Wenn dieser Wandel nicht gelingt, dann kann ein solches Projekt durchaus auch scheitern. Und das gilt dann ausdrücklich auch für die Versicherten und Patienten.

Also kein „Digividuum“ – weder jetzt noch in Zukunft?

Zu dem Einsatz technologisch hochentwickelter Produkte sehe ich keine Alternative. Warum auch? Wenn Neuroimplantate wie beispielsweise Hörprothesen dazu führen, dass Menschen wieder hören können, dann ist das doch gut. Denkbar scheint mir eher, dass es eine Gegenbewegung zur Digitalisierung geben wird. Menschen also, die sich einen eher analog arbeitenden Dienstleister/Versicherer ausdrücklich wünschen – und die entsprechend höheren Kosten zu zahlen bereit sind. Das alles sind Szenarien, die denkbar sind. Fest steht indes: Die digitale Veränderung wird kommen. Und die Akteure im Gesundheitswesen sollten vorbereitet sein.

Herr Rüger, vielen Dank für das Gespräch.

 

Mehr zum Thema Digitalisierung sowie zu weiteren aktuellen Themen der Gesundheitsbranche lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Gesundheitsbarometers.

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12. Oktober 2017

Kommentare

Zuversicht oder Angst: Wie sehen Sie die Auswirkungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen?

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