Industrie 4.0: Teillösungen bringen nichts

Industrie 4.0: Teillösungen vermeiden

Fertigungsindustrie von Digitalisierung betroffen wie kaum ein anderer Industriezweig.

Keyfacts über Industrie 4.0

  • Industrie 4.0 verschärft Wettbewerb in der Fertigungsindustrie
  • Insellösungen erzeugen keinen nachhaltigen Mehrwert
  • Neuen Freiraum zum Geschäftswachstum nutzen
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Wissen Sie noch? Damals, als sich Kunden nur auf Messeständen und in Broschüren informieren konnten, was das einzelne Unternehmen im Angebot hat? Lang ist es her – und welch Unterschied zu heute. Wenn heutzutage jemand mit dem Anbieter einer Ware oder Dienstleistung in Kontakt tritt, ist er bereits bestens informiert. Der Digitalisierung sei Dank. Der Kunde von heute weiß genau was er will, wann er es will und auch, was es kosten darf.

Wohl kaum eine Industrie ist von dieser Entwicklung so stark betroffen wie die Fertigungsindustrie. Denn keine andere ist näher am Kunden. Immer kürzer werdende Produktlebenszyklen, immer tiefer-greifende Produktindividualisierungen und der Zwang zur Reduzierung der Durchlaufzeiten – der Wettbewerb in der Fertigungsindustrie ist hart. Er gleicht immer mehr der Königsdisziplin der olympischen Spiele: dem Zehnkampf. Einzig Schnelligkeit, Kraft oder das Beherrschen nur einer Disziplin reicht für den Platz auf dem Siegertreppchen nicht mehr aus – zahlreiche Fertigkeiten müssen möglichst gleichzeitig und überdurchschnittlich beherrscht werden.

Industrie 4.0 ist hierbei das Schlüsselwort im industriellen Umfeld. Denn erst mit der Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung der industriellen Produktion finden sich die technischen Möglichkeiten, um auf die gestiegenen Kundenwünsche wirklich umfassend einzugehen. Der Automobilbau lebt dies bereits seit Jahren vor. Viele der neuen Individualisierungsmöglichkeiten mögen als Spielerei erscheinen oder gar vollkommen unnütz – aber darauf kommt es nicht an. Es gibt die technischen Möglichkeiten der Umsetzung und alles was zählt, ist der Kundenwunsch.

Industrie 4.0 gibt den Unternehmen so die Möglichkeit sich vom Wettbewerb zu differenzieren und auch, die eigene Produktivität nachhaltig zu steigern – in einem Hochlohnland wie Deutschland, ein wichtiger Aspekt.

Industrie 4.0 – nur voller Einsatz zahlt sich aus

Die Führungskräfte der Fertigungsindustrie scheinen sich durchaus bewusst zu sein, welche tiefgreifenden Veränderungen ihre Branche umwälzen – und auch, dass die Anwendung von Industrie 4.0 über die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen entscheiden wird. Niemand will schließlich im Rennen um die „Fabrik der Zukunft“ zurückfallen. Deshalb werden Anwendungsfälle identifiziert und auch Investitionen freigegeben. Allerdings: Wenn es um die ganzheitliche Umsetzung von Industrie 4.0-Anwendungen geht, halten sich viele Unternehmen noch zurück. Häufig fehlt noch der Transfer von Erkenntnissen aus Insellösungen sowie Pilot- und Sonderprojekten auf die Ebene des gesamten Unternehmens. Besonders im Mittelstand scheut man zudem den Aufwand, unternehmenseigene Systeme umfassend Industrie 4.0-kompatibel anzupassen.

Hierin liegt eine ernstzunehmende Gefahr für Unternehmen. Sie investieren viel Geld in Teillösungen, erzielen aber keinen nachhaltigen Mehrwert. Denn echte Vorteile werden erst zu verzeichnen sein, wenn Unternehmen beginnen, ihre Industrie 4.0-Fähigkeiten auf die Verbesserung ihrer gesamten organisatorischen Leistung zu konzentrieren. Dazu gehören die Umsatz-, Gewinn- und die Kapitalwertentwicklung auf allen Unternehmensebenen. Dies kann nur gelingen, wenn funktionale Silos im Unternehmen überwunden werden und Einklang zwischen der Ausrichtung der Unternehmensziele und einer ganzheitlichen Industrie 4.0-Roadmap besteht – und sich die Entscheidungsträger auf allen Ebenen den Zielen von Industrie 4.0 verpflichtet fühlen.

Die Herausforderung hierbei ist, auf Basis von Einzellösungen Rückschlüsse auf die durchgängige Digitalisierung der industriellen Wertschöpfungskette über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg vorzunehmen. Nur dies wird die Unternehmen nachhaltig voranbringen.

Das Produkt von Anfang bis Ende neu denken

Das Produktlebenszyklusmanagement bildet den Ursprung aller zu einem Produkt gehörenden Datenpunkte und Informationen, von der Ideenfindung, über die Produktentwicklung, der Produktion, dem Vertrieb bis hin zum Betrieb und zur Wartung und der abschließenden End-of-Life-Phase. Eine notwendige Anpassung der Prozesse, um die Durchgängigkeit der Datenverfügbarkeit und Datenverwertbarkeit sicherzustellen, bedarf harter und akribischer Arbeit. Gleiches gilt auch für den Materialfluss. Industrie 4.0-Lösungen nehmen im Zuge der ganzheitlichen Betrachtung zudem Einfluss auf die Planung und Steuerung aller vorgelagerten Wertschöpfungsprozesse, entlang der gesamten externen und internen Lieferkette – ein umfangreiches Unterfangen also. Sind diese Prozesse jedoch beschrieben und auf ihre Abhängigkeiten hin durchleuchtet, zahlen sich die Vorteile einer ganzheitlichen Industrie 4.0-Strategie aus.

Häufig wird den Potentialen, die sich aus der Neugestaltung von Prozessen ergeben können, zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Bei der Implementierung von Industrie-4.0-Lösungen geht es nicht darum, einen bestehenden Prozess 1:1 zu digitalisieren – gerade bei gewachsenen Strukturen sollte deshalb der Fokus auf den Möglichkeiten liegen, die betroffenen Prozesse zu überdenken und neu zu gestalten.

Industrie 4.0 schafft Freiraum – für zukünftiges Geschäftswachstum

Durch die Optimierung von Unternehmensprozessen via Industrie 4.0-Anwendungen schaffen sich Unternehmen vor allem eines: Freiraum. Durch die Verschlankung von Standardprozessen werden Ressourcen freigesetzt – monetär wie auch personell – die in der Bearbeitung von neuen Geschäftspotentialen viel besser aufgehoben sind.

Neue Wachstumspotentiale ergeben sich zudem aus den Produkten selbst, denn diese sind zunehmend „smart“ und werden so integraler Bestandteil von Industrie 4.0. Das Produkt kann z.B. dem Nutzer automatisch darüber informieren, wenn eine Wartung durch den Hersteller ansteht, ein Update durchgeführt werden sollte oder auch wenn neue technische Erweiterungen oder Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Für den Kunden ergibt sich so ein Mehrwert, über das Produkt hinaus. Der Hersteller profitiert von einer stärkeren Kundenbindung, eventuell durch den Verkauf von Zusatzleistungen und auch von Informationen über den Einsatz seines Produktes beim Kunden selbst, welche er zur Weiterentwicklung nutzen kann.

Einige Entscheider scheuen jedoch noch immer die hierfür notwendige Transformation: das Handanlegen an gewachsene Strukturen und Prozesse, das Abwenden von Hauslösungen und System-Eigenentwicklungen oder die Veränderung etablierter Abläufe. Dies ist langfristig jedoch sehr gefährlich. Unternehmen sollten die Chancen, die Industrie 4.0 bietet mutig nutzen. Sonst wird der Wettbewerb an ihnen vorbeiziehen. Wichtig ist dabei der Blick auf das Ganze. Insellösungen sind in einer Phase des Testens eine gute Basis des Erkenntnisgewinns, um die Grundlagen für eine unternehmensweite Industrie 4.0-Evolution zu legen – aber erst diese schafft wirklichen Mehrwert und schafft die Basis und den Freiraum für zukünftiges Geschäftswachstum.

Wie es weitergeht mit Industrie 4.0? Noch mehr interessante Fakten finden sich in unserer aktuellen Studie zum Download:

Industrie 4.0 – Zwischen Hype und Realität

Industrie 4.0 bedeutet eine Verschiebung von der Digitalisierung hin zu cyber-physischen Systemen durch die Verschmelzung von Technologien zur Entscheidungsunterstützung. Die Chancen sind enorm – enorm können aber auch die entsprechenden Investitionen sein.

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14. September 2017
Zusammengefasst

»Häufig wird den Potentialen, die sich aus der Neugestaltung von Prozessen ergeben können, zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Bei der Implementierung von Industrie-4.0-Lösungen geht es nicht darum, einen bestehenden Prozess 1:1 zu digitalisieren – die betroffenen Prozesse sollten überdacht und neu gestaltet werden.«

Wohl kaum eine Industrie ist von der Digitalisierung so stark betroffen wie die Fertigungsindustrie. Denn keine andere ist näher am Kunden. Industrie 4.0 ist hierbei das Schlüsselwort. Industrie 4.0-Anwendungen geben den Unternehmen die Möglichkeit sich vom Wettbewerb zu differenzieren und die eigene Produktivität nachhaltig zu steigern – müssen aber konsequent und unternehmensweit umgesetzt werden.

Michael Bremicker Partner, Operations Consulting
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Kommentare

Wird Industrie 4.0 die Fertigungsindustrie nachhaltig verändern?

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