Pflicht und Kür der Finanzkennzahlen

Die Regulatoren prüfen verstärkt die Einhaltung der Leitlinien der ESMA.

Keyfacts

  • Finanzkennzahlen wie Umsatzerlöse, Bilanzsumme und Jahresüberschuss werden von den Rechnungslegungsvorschriften vorgegeben, die alternativen Leistungskennzahlen nicht.
  • Unternehmen berichten alternative Leistungskennzahlen, um nützliche Informationen für Investoren zu liefern und das Verständnis über das erreichte Ergebnis zu verbessern.
  • Die Leitlinien der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde sollen dafür sorgen, dass alternative Leistungskennzahlen in Wertpapierprospekten transparent, einheitlich und nachvollziehbar verwendet werden.
Ines Knappe
  • Senior Managerin, Department of Professional Practice Audit
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Wenn man die Finanzkennzahlen in einem Wertpapierprospekt wie beim Eiskunstlaufen in Pflicht und Kür unterteilt, dann besteht die Pflicht aus den Zahlen, die unmittelbar von den Rechnungslegungsvorschriften vorgegeben sind. Dazu gehören beispielsweise Umsatzerlöse, Bilanzsumme und Jahresüberschuss. Diese Angaben muss jeder Wertpapierprospekt enthalten, so wie bei der Pflicht beim Eiskunstlauf bestimmte Schrittfolgen, Pirouetten und Sprünge vorgegeben sind – ob sie nun zu den Stärken des Sportlers gehören oder ihm gefallen, spielt keine Rolle.

Die Kür in den Wertpapierprospekten sind die alternativen Leistungskennzahlen oder Alternative Performance Measures (APM). Diese Finanzkennzahlen sind nicht unmittelbar von den Rechnungslegungsvorschriften vorgegeben. Vielmehr berichten Unternehmen diese Kennzahlen mit der Zielsetzung, nützliche Informationen für Investoren zu liefern und das Verständnis über das erreichte Ergebnis zu verbessern. Auch über ein sogenanntes bereinigtes Ergebnis wird gerne berichtet.

Unklare Definition, eingeschränkte Vergleichbarkeit

Wie der Sportler bei seiner Kür werden Unternehmen hier Zahlen wählen, die Ergebnis und Geschäftsentwicklung möglichst positiv und attraktiv aussehen lassen. Statt vierfacher Rittberger, Biellmann-Pirouette oder Hebefiguren werden EBIT (Earnings Before Interest & Taxes), EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization) und der Free Cash Flow angeführt – von Kritikern auch gerne als „earnings before bad stuff“ betitelt: ein um alle unschönen Effekte bereinigtes Jahresergebnis. Bei Empfängern von Wertpapierprospekten lässt sich damit ein ebenso positiver Eindruck erzeugen wie bei einer Jury mit einer perfekt choreographierten und fehlerfrei gelaufenen Kür.

Die alternativen Leistungskennzahlen sind nicht unmittelbar von den Rechnungslegungsvorschriften vorgegeben, und das führte zu einer hohen Flexibilität hinsichtlich der Definition dieser Finanzkennzahlen sowie deren Darstellung. Fehlende Klarheit über deren Ermittlung und auch eine eingeschränkte Vergleichbarkeit zwischen den Erfolgszahlen verschiedener Unternehmen waren in der Vergangenheit die Folgen.

ESMA-Leitlinien sollen Missbrauch von Kennzahlen verhindern

Aus diesem Grund strebte die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) eine Regulierung der Verwendung von alternativen Leistungskennzahlen an und veröffentlichte entsprechende Leitlinien, die im Juli 2016 in Kraft getreten sind. Zusätzlich hat die ESMA ein Fragen- und Antworten-Papier veröffentlicht, welches im Oktober 2017 um weitere Fragen ergänzt wurde. Bei der Billigung von Wertpapierprospekten achten die Regulatoren verstärkt auf den Missbrauch solcher Kennzahlen und die Einhaltung der ESMA-Leitlinien.

Die ESMA-Leitlinien definieren APMs als Finanzkennzahlen der vergangenen oder zukünftigen finanziellen Leistung, Finanzlage oder Cashflows, die nicht in den verpflichtend anzuwendenden Rechnungslegungsvorschriften definiert oder ausgeführt sind. Bei Verwendung einer solchen Finanzkennzahl ist diese klar verständlich zu definieren sowie adäquat und aussagekräftig zu bezeichnen. Es ist darzulegen, warum die verwendete Finanzkennzahl einen zusätzlichen Informationsgehalt bietet. Die ESMA-Leitlinien verlangen, dass die APMs zu den betreffenden Abschlussposten übergeleitet werden, inklusive entsprechender Vergleichswerte für die Vorjahre. Ferner sollen APMs gegenüber Finanzkennzahlen, die direkt aus den Abschlüssen entnommen werden können, nicht vorangestellt ober überbetont werden. Zu achten ist auch auf die Stetigkeit der Definitionen und Berechnungen. Daher sind Änderungen oder gar der Wegfall vormals veröffentlichter APMs darzulegen und zu begründen.

Bei Nichtbeachtung der ESMA-Leitlinien drohen Konsequenzen

Werden die Leitlinien in Wertpapierprospekten nicht beachtet, fordern die Regulatoren den Emittenten dazu auf, diese einzuhalten. Andernfalls können die Regulatoren die Billigung des Prospekts verweigern, und die gesamte Kapitalmarkttransaktion ist gefährdet. Für kapitalmarktorientierte Unternehmen sind die ESMA-Leitlinien auch für die Lageberichterstattung, z.B. im Rahmen der Berichterstattung über finanzielle Leistungsindikatoren, bedeutsam. Im Rahmen von Enforcement-Verfahren achtet die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) auf die sachgerechte Darstellung von APMs in den Lageberichten. Da in Wertpapierprospekten die im Lagebericht verwendeten APMs häufig aufgenommen werden, ist frühzeitig ein besonderes Augenmerk auf die Interdependenzen zu richten.

Die Praxis zeigt: Seit Inkrafttreten der ESMA Richtlinien hat sich die Qualität der Darstellung alternativer Finanzkennzahlen deutlich verbessert. Diese Kennzahlen werden in den Wertpapierprospekten transparenter, einheitlicher und somit auch nachvollziehbarer verwendet.

Wie bei der Verwendung von alternativen Leistungskennzahlen wurde auch beim Eiskunstlauf immer mal wieder ins Reglement eingegriffen: Vor der Weltmeisterschaft in Budapest 1984 begrenzte die International Skating Union die Anzahl der erlaubten Dreifachsprünge, damit die Sportler wieder mehr Wert auf den künstlerischen Ausdruck legten. Und in der Saison 2004 / 2005 wurde das 6.0-System durch ein neues Wertungssystem abgelöst. Dem liegt eine vollkommen neue Berechnung der Wettkampfergebnisse zugrunde, die es ermöglichen soll, die Leistungen der Eiskunstläufer objektiver und transparenter zu bewerten – wie bei den alternativen Leistungskennzahlen.

Ines Knappe
  • Senior Managerin, Department of Professional Practice Audit
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