Recruiting: Warum die "Hidden Champions" aus dem Schatten heraustreten

Familienunternehmen sind attraktive Arbeitgeber und das aus gleich mehreren Gründen.

Keyfacts

  • Firmen blicken optimistisch in die Zukunft, sehen aber den Fachkräftemangel als ein großes Problem.
  • "Hidden Champions" präsentieren sich beim Recruiting deutlich offensiver als bisher.
  • Die Vergütung ist nur ein Aspekt, der für Bewerber wichtig ist. Andere Dinge rücken in den Fokus.
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Dr. Vera-Carina Elter
  • CHRO, Mitglied des Vorstands
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Deutsche Familienunternehmen blicken zuversichtlich in die Zukunft. Das ist ein Ergebnis des kürzlich veröffentlichten „European Family Business Barometer“. Dank der guten konjunkturellen Entwicklung konnten viele Unternehmen in den vergangenen Monaten wachsen. Ein Thema wird als das wichtigste Zukunftsproblem angesehen – der Fachkräftemangel. Wie können Familienunternehmen geeignetes Personal finden und welche Stärken können die Unternehmen bei der Suche ausspielen? Darüber haben wir mit Vera-Carina Elter, Vorstand für Personal und Familienunternehmen bei KPMG, gesprochen.

Frau Elter, kann man zuversichtlich sein, wenn das geeignete Personal fehlt – wie passt das zusammen? 

Man kann und darf zuversichtlich sein. In erster Linie bietet uns die konjunkturelle Entwicklung große Möglichkeiten, was Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und die digitale Transformation angeht. Und das ist erstmal ein positiver Zustand. Der Fachkräftemangel ist dabei eine Herausforderung. Jedoch haben Familienunternehmen gute Chancen, ihre Wachstumsbedarfe zu schließen.

Beim Recruiting wollen „Hidden Champions“ nun offensiver werden. Wie schätzen Sie die Hintergründe dazu ein?

Traditionell sind Familienunternehmen regional verbunden und präsent und gleichzeitig weltweit erfolgreich. Daher fühlen sie sich mit dem Begriff des „Hidden Champions“ in der Regel sehr wohl. Betrachtet man den Aspekt der Talentgewinnung und Mitarbeiterbindung, ist allerdings ein Trend dahingehend zu beobachten, dass Familienunternehmen zunehmend aus dem „Versteckten“ heraustreten und dem Employer Branding einen stärkeren überregionalen Fokus verleihen. Dies geht nach unseren Beobachtungen zum einen auf den Wettbewerb am Bewerbermarkt zurück, auf dem die Unternehmen bei den Hochschulabsolventen und auch Auszubildenden in großer Konkurrenz stehen. Zum anderen ändert sich auch die klassische Markt- bzw. Wettbewerbssituation zu anderen Unternehmen, sodass neue Akteure auf den Plan treten, die ebenfalls um die jungen Talente werben.

Die Konjunktur ist gut, die wirtschaftliche Entwicklung stimmt. Könnten höhere Löhne eine Lösung sein – so hätte man doch ein attraktives Alleinstellungsmerkmal?

Die Vergütung ist natürlich ein wichtiger Faktor, sie sollte auf jeden Fall attraktiv sein. Aber Familienunternehmen sollten im Recruiting auch andere Stärken und Vorzüge ausspielen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass bestimmte Bindungsfaktoren bei Bewerbern eine immer wichtigere Rolle einnehmen und entscheidend sind. Dazu gehören kontinuierliche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und dadurch entstehende Karriereperspektiven. Und Bewerber erwarten zu Recht, dass sie im Unternehmen für sinnhafte Tätigkeiten eingesetzt werden, die ihren Stärken gerecht werden. Einer der wichtigsten Punkte ist die Unternehmenskultur und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Kommen wir noch einmal auf die Stärken von Familienunternehmen zurück. Sie sagen, man solle sie betonen, um für Fachkräfte noch attraktiver zu werden. Was können Familienunternehmen konkret tun? 

Ich beobachte immer wieder, dass Familienunternehmen viele Stärken haben, allerdings kaum über sie sprechen. Zum Teil liegt es ganz einfach daran, dass diese Stärken für die jeweiligen Unternehmen so normal sind, dass sie nicht als Stärke wahrgenommen werden. Es gilt also, möglichst objektiv zu schauen, durch welche Leistungen man sich ggf. vom Umfeld abhebt. Neben den regulären betrifft dies insbesondere auch die non-monetären Vergütungsaspekte, die zu einer ausgewogenen Work-Life-Balance beitragen. Es hilft außerdem, seine Recruiting-Zielgruppen inklusive der beruflichen und privaten Bedürfnisse gut zu verstehen. So kann ein Unternehmen systematisch prüfen, welche Bedürfnisse es erfüllen kann und seine Recruitingstrategie darauf ausrichten.

Die Generation Y ist gut ausgebildet, international orientiert, begehrt auf dem Arbeitsmarkt. Warum ist ein Familienunternehmen für sie attraktiv? 

Familienunternehmen sind sehr gute und attraktive Arbeitgeber, die häufig international agieren und eine langfristige und nachhaltige Ausrichtung haben. Die Hierarchien sind in der Regel flach. Projekte oder Ideen können also schneller und tendenziell unkomplizierter umgesetzt werden. Früh Verantwortung zu übernehmen gehört auch dazu.

Ist es notwendig, dass Familienunternehmen auch außerhalb Deutschlands und der EU nach geeignetem Personal suchen?

Da viele Familienunternehmen auch Niederlassungen im (nicht-europäischen) Ausland haben, suchen sie naturgemäß auch außerhalb Deutschlands und der EU nach Arbeitskräften. Zudem drängen Studenten englischsprachiger, internationaler Hochschulen mit Standorten in Deutschland vermehrt in den Mittelstand. Gerade, weil deutsche Familienunternehmen nach wie vor für hochwertige Ingenieurskunst stehen, wollen sie vermehrt Deutsch lernen. Generell kann man weltweit nach geeigneten Talenten suchen und sie auch finden, es ist jedoch kein Muss für eine moderne Employer-Branding-Strategie bei Familienunternehmen. 

Frau Elter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Für den „European Family Business Barometer“ sind im Sommer 2018 europaweit mehr als 1500 Familienunternehmen aus insgesamt 26 Ländern befragt worden. Aus Deutschland nahmen 260 Familienunternehmen teil – und gaben Auskunft zu den Schwerpunktthemen Wachstum, digitale Transformation und Anteilsverkauf. Alle Ergebnisse können Sie hier nachlesen. Die Ergebnisse für Deutschland haben wir in einer Sonderauswertung zusammengefasst.

Dr. Vera-Carina Elter
  • CHRO, Mitglied des Vorstands
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7. European Family Business Barometer: Deutsche Ergebnisse

Trotz anhaltender politischer Herausforderungen: Zwei von drei deutschen Familienunternehmern blicken den kommenden zwölf Monaten positiv oder sogar sehr positiv entgegen.

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