Großbauprojekte: Die Mafia fühlt sich wohl

Die Mafia fühlt sich wohl

Neue EU-Richtlinie verschärft Korruption in der Bauwirtschaft

Keyfacts über Korruption

  • Großbauprojekte sehr anfällig für Korruption
  • Politik und Privatwirtschaft involviert
  • neue EU-Richtlinie verschärft das Problem
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30. April 2015

Die Bauwirtschaft leidet stärker als andere Bereiche unter Korruption, Bestechung und Misswirtschaft. Bei den Bauarbeiten zur Weltausstellung EXPO 2015 kommt noch die Mafia hinzu. Jetzt verschärft eine neue EU-Richtlinie das Problem zusätzlich.

Nicht nur beim Umgangston geht es auf einer Baustelle mitunter rau zu. Auch die Branche selbst kämpft gegen herbe Bedingungen. Aufträge dauern oft länger als geplant. Die Kosten explodieren häufig. Der Einsatz von Billiglohnarbeitern oder Schwarzarbeit kommen dazu.

Dabei könnte es so schön sein.

Es war die größte Baustelle Italiens. Ein Zeltdorf mitten auf dem Gelände, amöbenförmige Gebäude, Pavillons in Form verschiedener Lebensmittel oder als Gewächshaus. Und das auf rund einer Million Quadratmetern.

Von Mai bis Oktober trifft sich die Welt in Mailand auf der Expo 2015. Etwa 3.000 Arbeiter werkelten auf dem Gelände, jeden Tag für mehrere Monate. Auf 13 Milliarden Euro Gesamtausgaben belaufen sich die Schätzungen. Wie viel hiervon ist wohl in dunkle Kanäle versickert?

Es handelt sich nicht um ein typisch italienisches Problem.

Auch wenn es die Presse bisweilen als typisch italienisches Mafia-Problem postuliert: Die Ursachen und Hintergründe gehen tiefer. Wir erleben sie auch bei Bauvorhaben in Deutschland, Europa und der Welt.

Allein die Größe des Projekts Expo 2015 schafft schon das erste Loch – bis zu 160 Bauunternehmen waren hieran beteiligt. Die Vielzahl der Ingenieure sowie die organische Architektur der 93 Pavillons trugen wesentlich zur Komplexität bei.

Hinzu kam der Zeitdruck zur Fertigstellung. Im Juli 2014 sollten die Bauarbeiten ursprünglich abgeschlossen sein. Wenige Monate vor der Eröffnung im Mai 2015 befanden sich jedoch die Pavillons einiger Länder noch im Rohbau.

900 Mrd.

Euro hoch waren die weltweiten Bestechungsgelder vor zwei Jahren laut konservativer Schätzungen der Weltbank.

Die staatlichen Kontrollen erwiesen sich als absolut unzureichend.

In keinem einzigen Fall konnten die staatlichen Überprüfungen Verbindungen der Bauunternehmen zur Mafia nachweisen. Um die Fertigstellung der Bauarbeiten nicht zu gefährden, „vereinfachten“ die Verantwortlichen selbst diese Kontrollverfahren.

Einige Expo-Manager wurden bereits wegen Korruption verhaftet. Sie sollen Schmiergeld bezahlt oder angenommen und über beste Beziehungen zur politischen Elite des Landes verfügt haben. Mitunter waren auch ehemalige oder aktive Politiker sowie lokale Mafiagrößen unter den Verdächtigen.

Die Liste von Verdachtsfällen bei Bauprojekten ist lang – besonders bei öffentlichen Projekten.

Die Kombination aus unzureichenden Präventionsmaßnahmen, großem Umfang und teilweise mangelnder Planung und Controlling machen Großbauprojekte besonders anfällig für Korruption und Misswirtschaft.

Fälle wie der skandalgeplagte Hauptstadtflughafen BER, die ICE-Trasse in Bayern, der Bau der Kölner oder der Düsseldorfer U-Bahn verdeutlichen, dass das Phänomen auch hierzulande an der Tagesordnung ist.

Involviert sind nicht nur Politik, sondern auch privatwirtschaftliche Akteure.

So soll ein Baukonzern für Aufträge bei der Fußball-WM 2014 Millionen an Schmiergeldern gezahlt haben. Bei einem Energieunternehmen sollen Konzernbeschäftigte lukrative Scheinaufträge an Fremdfirmen vergeben haben, wovon wiederum auch Politiker profitierten.

Und international? Der mexikanische Präsident ließ sich angeblich eine Villa im Wert von 7 Millionen US-Dollar im Gegenzug für die Vergabe von staatlichen Aufträgen bauen. In Südafrika wiederum heißt es, der Präsident habe sein Anwesen für rund 17 Millionen Euro durch Unternehmen von Familienangehörigen umbauen lassen, selbstredend auf Kosten des Staates.

Eine neue EU-Richtlinie schafft jetzt noch mehr Lücken.

Bei Aufträgen der öffentlichen Hand galt in Deutschland bisher der Zwang zur öffentlichen Ausschreibung. Für die meisten Experten liegt darin ein wesentliches Mittel der Prävention.

Nach einer neuen EU-Richtlinie soll dieser Zwang zur öffentlichen Ausschreibung in Zukunft wegfallen. Damit soll die Vergabe von Bauaufträgen durch den Wegfall bürokratischer Hindernisse einfacher und effizienter werden. Für die Umsetzung haben die EU-Mitgliedstaaten bis April 2016 Zeit.

Prognostizierte Mehrausgaben von bis zu 13 Prozent werden dabei scheinbar in Kauf genommen. Genauso wie ein erhöhtes Korruptionsrisiko.

Wir werden wohl noch häufiger von Korruption in der Bauwirtschaft hören.

Aus meiner Sicht wäre es ein erster Schritt, bei Großbauprojekten konsequente präventive Maßnahmen zu ergreifen sowie ein zielgerichtetes Controlling und laufende Kontrollen durchzuführen. Wer dabei die Augen richtig öffnet, wird viel sehen.

Zusammengefasst

»Die Kombination aus unzureichenden Präventionsmaßnahmen, großem Umfang und teilweise mangelnder Planung und Controlling machen Großbauprojekte besonders anfällig für Korruption und Misswirtschaft.«

Die Bauwirtschaft leidet stärker als andere Bereiche unter Korruption, Bestechung und Misswirtschaft. Eine neue EU-Richtlinie verschärft zusätzlich die Probleme. Bei Aufträgen der öffentlichen Hand galt in Deutschland bisher der Zwang zur öffentlichen Ausschreibung. Nach der neuen Regelung soll dieser Zwang in Zukunft wegfallen. Damit soll die Vergabe von Bauaufträgen ohne bürokratische Hindernisse einfacher und effizienter werden. Prognostizierte Mehrausgaben und ein erhöhtes Korruptionsrisiko werden dabei scheinbar in Kauf genommen.

Christoph Kampmeyer Director Forensic
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Wie beeinflusst Korruption die Bauwirtschaft?

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