Wirtschaftskriminalität: Rund 100 Milliarden Euro Schaden

Wirtschaftskriminalität in Deutschland

Sorglos riskant: Mehr als jedes dritte Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen

Keyfacts über WiKri-Studie 2016

  • Fast die Hälfte der Großunternehmen ist von Wirtschaftskriminalität betroffen
  • Es gibt immer mehr Geldwäsche
  • Die Unternehmen sind unzufrieden mit der eigenen Reaktion
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05. Juli 2016

Fast die Hälfte der großen Unternehmen in Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren mit wirtschaftskriminellen Handlungen im eigenen Haus zu tun gehabt. Während 45 Prozent der Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro mit entsprechenden Vorfällen konfrontiert waren, sind es insgesamt 36 Prozent aller deutschen Unternehmen – mehr als jedes dritte. Das ist eines der Ergebnisse der repräsentativen Studie „Wirtschaftskriminalität in Deutschland 2016“, die KPMG in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut TNS Emnid durch die Befragung von 500 Unternehmen erhoben hat.

Dabei ist die Schadenssumme für Unternehmen gestiegen. „Ausgehend von unseren Berechnungen gehen wir von einem jährlichen Schaden in Höhe von rund 100 Milliarden Euro aus“, sagt Alexander Geschonneck, Partner und Leiter Forensic bei KPMG Deutschland. Dabei seien auch weiche Faktoren wie beispielsweise ein sinkendes Vertrauen der Mitarbeiter in ihr eigenes Unternehmen zu berücksichtigen, das im schlimmsten Fall – so Geschonneck – dazu führe, dass die Hemmung sinke, im Fall der Fälle selber in die Kasse zu greifen. „Opfer von Wirtschaftskriminalität zu werden ist ein Sachverhalt, der sich langfristig immer stärker auf die Unternehmen auswirkt.“

Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass immer weniger Unternehmen in Deutschland bereit sind, Geschäftsbeziehungen zu Firmen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, in denen es zu wirtschaftskriminellen Handlungen kam. Die meisten Unternehmen knüpfen die Wideraufnahme der Geschäftsbeziehungen an konkrete Bedingungen. Für nur rund sechs Prozent aller Unternehmen ist es unerheblich, ob ihr Geschäftspartner in wirtschaftskriminelle Delikte verstrickt war beziehungsweise ist. 42 Prozent der Großunternehmen in Deutschland hingegen geben in der Studie an, dass geschäftliche Kontakte zu entsprechenden Firmen ausgeschlossen seien.

100 Mrd.

Euro beträgt der geschätzte jährliche Schaden durch Wirtschaftskriminalität in deutschen Unternehmen

Ein Verhalten, das auf der Gegenseite als Reputationsschaden umgehend auch finanzielle Auswirkungen hat: 77 Prozent der von Reputationsschäden betroffenen Unternehmen teilen mit, dass sie Nachteile hatten, nachdem wirtschaftskriminelle Handlungen ihrer Mitarbeiter bekannt wurden.

Fehleinschätzung auf Unternehmensseite

Dabei zeigt sich – wie auch in den Studien der vorherigen Jahre –  weiterhin ein verblüffendes Detail in der Risikoeinschätzung der Unternehmen. So sehen 80 Prozent aller Befragten ein hohes beziehungsweise sehr hohes Risiko für deutsche Unternehmen, Opfer von Wirtschaftskriminalität zu werden. Das Risiko für das eigene Unternehmen hingegen sehen lediglich 32 Prozent der Befragten. „Wie die Studie zeigt, ist das eindeutig eine Fehleinschätzung“, sagt Geschonneck.

Betrug und Untreue bilden mit insgesamt 45 Prozent in diesem Jahr die am häufigsten genannte Deliktart. Während insgesamt die Deliktzahlen in allen Bereichen rückläufig sind, gibt es im Bereich der Geldwäsche steigende Deliktzahlen von vier Prozent im Jahr 2014 auf nun elf Prozent. „Geldwäsche ist ein Folgedelikt“, sagt Geschonneck, „bei dem bereits im Voraus entsprechende Ermittlungen und dann oft auch Verurteilungen stattfinden.“ Die nun steigende Deliktzahl führt er zurück auf eine Gesetzesverschärfung auf europäischer Ebene, deren Umsetzung in deutsches Recht gerade in Arbeit ist und bereits jetzt die Sensibilität in Sachen Geldwäsche in den Unternehmen schärfe.

Keineswegs geschärft scheint hingegen in vielen Unternehmen der Umgang mit Fällen von Wirtschaftskriminalität zu sein. Hier zeigen sich die befragten immer unzufriedener mit der eigenen Leistung. Gaben im Jahr 2014 nur vier Prozent der Befragten an, nicht angemessen auf Wirtschaftskriminalität im eigenen Unternehmen reagiert zu haben, so sind es in diesem Jahr 63 Prozent.

Reaktionsversäumnisse bei Wirtschaftskriminalität

Die eigene Aufklärung versage in vielen Fällen, wie insgesamt der Umgang mit wirtschaftskriminellen Fällen geprägt sei von Reaktionsversäumnissen. Insbesondere die unternehmensinterne Kommunikation der Vorgänge bereitet 27 Prozent der Befragten Probleme, bei der Beweissicherung sehen 24 Prozent der Befragten Versäumnisse, die Koordination des weiteren Vorgehens schließlich stellt 23 Prozent vor große Schwierigkeiten. Dabei wird deutlich, dass das Risiko in vielen Unternehmen bisher unterschätzt wird – und entsprechende Frühwarnsysteme entweder nicht vorhanden sind oder im Fall der Fälle nicht funktionieren.

„Häufig wendet sich ein Hinweisgeber auf die kriminellen Umtriebe als erstes an das Unternehmen selbst“, sagt Geschonneck. Wenn diese Hinweise in den Firmen jedoch nicht angemessen aufgenommen werden würden, dann „ist es häufig nur eine Frage der Zeit, bis erst die Öffentlichkeit, später dann die Staatsanwaltschaft diesen Hinweisen nachgeht.“ Der Effekt sei verheerend: Ein Unternehmen agiert dann nicht mehr, sondern reagiert, sagt Geschonneck. „Es wird getrieben vom externen Ermittlungsdruck. Und es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit viel Geld und Vertrauen bei Kunden und Geschäftspartnern verlieren.“

Studie „Wirtschaftskriminalität in Deutschland 2016“ hier herunterladen.

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Zusammengefasst

»„Opfer von Wirtschaftskriminalität zu werden ist ein Sachverhalt, der sich langfristig immer stärker auf die Unternehmen auswirkt.“«

Immer weniger Unternehmen in Deutschland sind bereit, Geschäftsbeziehungen zu Firmen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, in denen es zu wirtschaftskriminellen Handlungen kam. 42 Prozent der Großunternehmen in Deutschland geben an, dass geschäftliche Kontakte zu entsprechenden Firmen ausgeschlossen seien.

Alexander Geschonneck Partner, Forensic
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