5 Gründe, warum deutsche Megaprojekte oft teurer werden

Vermeidbare Kostenexplosionen

Das Geheimnis einer erfolgreichen Planung von Megaprojekten liegt in der Risikoabschätzung

Keyfacts über Projektmanagement

  • Planer sind häufig überoptimistisch
  • Öffentliche Bauherren sind überfordert
  • Expertenwissen kann Geld sparen
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Wir können alles, außer bauen – dieser Eindruck entsteht, wenn wir Deutschlands Großprojekte anschauen. Im Schnitt werden öffentliche Großprojekte um 73 Prozent teurer als geplant. Woran liegt das – und wie ließe sich das vermeiden?

Großprojekte haben es schwer. Sie werden oft viel später fertig als versprochen, manchmal um mehrere Jahre. Zu den Negativ-Highlights gehört der Berliner Flughafen: Seine Bauzeit hat sich von 2,5 Jahre auf 7,5 Jahre verdreifacht, die Kosten haben sich mit 5,4 Milliarden Euro verdoppelt – wenn es dabei bleibt.

Eine Studie der Hertie School of Governance liefert nun Daten seit dem Jahr 1960. Viele Großprojekte erwiesen sich als absurde Fehlplanungen. 170 Bauvorhaben waren am Ende teurer als geplant: Statt 141 Milliarden Euro standen 200 Euro Milliarden Euro auf der Rechnung.

Fertiggestellte Verkehrswege kosteten im Schnitt 33 Prozent mehr als geplant, Gebäude wurden durchschnittlich um 44 Prozent teurer, Rüstungsprojekte gar um 87 Prozent.

Warum werden sie so teuer? Hier die Top 5 Gründe:

1. Die Planer sind überoptimistisch

Psychologisch passiert mit den Planern oft Verblüffendes: Sie sind hinsichtlich ihrer eigenen Projekte zu optimistisch (optimism bias). Der Nutzen wird über-, die Kosten und Risiken unterschätzt.

Die Folge: Die Realisierung beginnt trotz unvollständiger Planung. Der Projektumfang berücksichtigt betriebliche Anforderungen nicht ausreichend. Die Projektinfrastruktur ist unzureichend für ein angemessenes Reporting.

2. Die Projekte scheitern am System

Nein, es liegt nicht daran, dass wir zu wenig fähige Architekten, Statiker oder Planer hätten. Sondern es liegt an einem System, in dem öffentliche Bauherren Projekte beaufsichtigen, denen sie fachlich nicht gewachsen sind. Bei öffentlichen Projektgesellschaften in der Rechtsform einer GmbH treffen die öffentlichen Gesellschafter grundlegende Entscheidungen. Im Aufsichtsrat sitzen vornehmlich politische Entscheider.

73 %

teurer als geplant werden öffentliche Großbauprojekte im Schnitt.

3. Die Vorhaben leiden am „Fluch des Megaprojekts“

Schon allein die Tatsache, dass es ein überdimensional großes Projekt ist, belegt die Planer mit dem „Fluch des Megaprojektes“. Das sagt Professor Bent Flyvbjerg, einer der profiliertesten Wissenschaftler im Bereich der Großprojekteforschung. Er hat 258 internationale Großprojekte untersucht.

4. Die Planer unterschätzen den politisch-ökonomischen Druck

Vor allem im Bereich Rüstung ist die politische Beeinflussung und parlamentarische Befassung enorm hoch. Die Bauvorhaben sind stark abhängig von anderen Projekten und Behörden. Oftmals angelegt als Langläuferprojekte mit hohem Entwicklungsanteil unterliegen sie besonderen Wettbewerbsbedingungen. Politische Risiken tauchen durch Wahlen oder neue Gesetze auf.

5. Es ist unklar, welche Verwaltungsform sich am besten eignet

Bei vielen Projekten bestehen „Governance-Probleme“. Gemeint sind die projektspezifische Organisation und das Zusammenspiel und die Verantwortlichkeiten der einzelnen Akteure auf der Seite des öffentlichen Auftraggebers und dessen Aufsicht, sowie der Firmen auf Auftragnehmerseite. Je nach Vertragskonstrukt können diese Governance-Strukturen anders aussehen. Die vertragliche Konstruktion eines Bauprojekts bestimmt beispielsweise, welcher Akteur welches Risiko übernimmt.

Wie aber lassen sich große Infrastruktur-Projekte besser in den Griff bekommen?

Drei Faktoren sind bei der Realisierung von Großprojekten entscheidend: Kosten, Zeit und Qualität. Sie müssen durch gutes Projektmanagement in ein Gleichgewicht gebracht werden.

Unter den Experten herrscht breiter Konsens, dass sich eine bessere Planung zu Beginn von Großprojekten gewinnbringend auswirkt. Realistisch sollten wir sehen: Wir brauchen das Wissen von Experten, die über viel Erfahrung mit Projektmanagement verfügen.

Den Aufsichtsrat müssen wir als echtes Kontrollorgan nutzen: Aufsichtsräte sollten sich deswegen zukünftig häufiger auch aus den Reihen externer Sachverständiger rekrutieren, die Vertreter von Politik und Verwaltung sollten sich als Sachwalter des Steuerzahlers mehr auf die Eigentümerrolle in der Gesellschafterversammlung konzentrieren.

Die Verwaltung sollte mit dem nötigen Sachverstand geschult sein, um den Wirtschaftsprüfern oder Unternehmensberatungen kritische Fragen stellen zu können. Eine Verwaltung, die alle zehn Jahre ein Großprojekt betreut, kann das häufig nicht leisten.

Das Geheimnis einer erfolgreichen Planung liegt darin, das Risiko vorher abzuschätzen, aber nicht zu blockieren und so zu tun, als gäbe es risikofreie Bereiche.

28. März 2016
Zusammengefasst

»Realistisch sollten wir sehen: Wir brauchen das Wissen von Experten, die über viel Erfahrung mit Projektmanagement verfügen.«

Eine Studie der Hertie School of Governance liefert nun Daten über Kosten von Großbauprojekten seit dem Jahr 1960. Viele dieser Projekte erwiesen sich als absurde Fehlplanungen. 170 Bauvorhaben waren am Ende teurer als geplant: Statt 141 Milliarden Euro standen 200 Euro Milliarden Euro auf der Rechnung. Unter den Experten herrscht breiter Konsens, dass sich eine bessere Planung zu Beginn von Großprojekten gewinnbringend auswirkt. Man braucht vor allem das Wissen von Experten, die über viel Erfahrung mit Projektmanagement verfügen.

Mathias Oberndörfer Bereichsvorstand Öffentlicher Sektor
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Kommentare

Kann Expertenwissen die Kostenexplosion bei Megaprojekten verhindern?

Kommentar von Dr. Jutta Metsch
22. Juli 2016 | 11:52 Uhr

Erfolgsfaktoren für eine gute, sprich erfolgreiche Planung i.S. des Ziels, lassen sich nicht auf fünf Gründe herunterbrechen. Gute Planung ist komplexes Problemlösen auf der reinen Sachebene und ein adäquater Umgang mit den psychologischen Tücken jedes Involvierten als auch denen der involvierten Teams. Und nein, Expertenwissen schützt keineswegs vor Kostenexplosionen oder anderen Desastern.

Kommentar von Christoph
03. Juli 2015 | 09:56 Uhr

Ist „der Fluch des Megaprojekts“ nicht eine Auswirkung und kein Grund?

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