Arbeitsteilung statt alle machen alles

Arbeitsteilung statt alle machen alles

Gesundheit! Wie unsere Versorgungsstrukturen effizienter und patientenfreundlicher werden

Keyfacts über Gesundheitswesen

  • Nicht jedes Krankenhaus muss Vollversorgung leisten
  • Mehr Arbeitsteilung ist nötig und möglich
  • Der Hebel sind geänderte Anreize
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14. Dezember 2016

Für seinen Supercomputer Watson hat IBM eine Reihe sehr hübscher Werbevideos mit Prominenten produziert. In einem davon sagt Watson zu Serena Williams, er habe ihre wichtigsten Matches analysiert. Und er könne auf Basis dieser und vieler anderer Daten individuelle Trainingsprogramme entwickeln. Die Tennisdiva findet das zurecht „sehr beeindruckend“.

Die Idee könnte – zu Ende gedacht – einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Strukturprobleme unseres Gesundheitswesens leisten. Wie, das verdeutlicht der Fall eines Patienten mit lädiertem Knie. Künftig könnte dieser Patient, wenn er mit seinem Problem in ein Kreiskrankenhaus kommt, dort zwar genau wie heute untersucht und durchleuchtet werden. Nur dass die Befunde anschließend elektronisch ins Watson-gestützte Diagnosezentrum gelangen und der Riesencomputer nach der Analyse unzähliger ähnlicher Fälle vorschlägt, ob eine Operation notwendig oder gezielte Krankengymnastik ausreichend ist. Im ersten Fall schickt das Krankenhaus den Patienten dann in eine orthopädische Spezialklinik oder eine Uniklinik mit entsprechender Abteilung, im zweiten geschieht die konservative Therapie vor Ort.

Mehr Krankenhäuser bedeuten nicht zwingend eine bessere Versorgung

Wir sollten unbedingt dafür sorgen, dass solch gezielte Arbeitsteilung bald mehr ist als Zukunftsmusik. Heute entscheiden die Ärzte eines Kreiskrankenhauses ohne solche Unterstützung, ob sie operieren oder nicht und führen diese Operation häufig selbst durch. Obwohl sie vielleicht nur wenige solcher Fälle pro Jahr auf dem Tisch haben und sich ihre Erfahrung dementsprechend in Grenzen hält.

200

Betten ist die Grenze, unterhalb derer Krankenhäuser nur selten effizient arbeiten können.

Sie operieren, weil auch sie eine solche OP abrechnen können. Das System der sogenannten DRGs (Fallpauschalen) hat dazu geführt, dass in unserem Gesundheitssystem alle alles machen. Fast jedes Krankenhaus will medizinische Vollversorgung leisten, obwohl die nächste Klinik nur fünf Kilometer entfernt liegt. Das dient weder dem Patientenwohl, noch ist es wirtschaftlich effizient: Zwei Krankenhäuser mit je 200 Betten brauchen zusammengenommen deutlich mehr Verwaltungs- oder Reinigungskräfte und sonstigen Overhead als eines mit 400 Betten.

Gesundheitswesen: Die Politik sollte sich stärker einmischen

Natürlich sind die Strukturen unseres Gesundheitssystems nicht überall gleich, die Erfordernisse auf dem Land ganz andere als in der Stadt. In den Metropolen brauchen wir weiterhin große, hochkompetente Zentren wie beispielsweise Unikliniken, die eine Maximalversorgung leisten können. Dabei muss nicht jeder bei jedem medizinisch komplexen Thema „Best in Class“ sein, vorhandene Spezialisierungen sollten stattdessen weiter ausgebaut werden.
In mittelgroßen Städten von fünfzig- bis hunderttausend Einwohnern genügen kleinere Zentren, die Erstversorgung und Behandlung gängiger Krankheiten leisten, kompliziertere Fälle aber an die beschriebenen Großkliniken überweisen.

Auf dem Land schließlich würde in der Regel ein Netz von Polikliniken ausreichen, also Großpraxen niedergelassener Ärzte. Sie leisten die notwendige Erstversorgung und überweisen – wenn nötig – ins nächstgelegene Krankenhaus.

Dass es eine solche sinnvolle Arbeitsteilung bisher kaum gibt, liegt daran, dass unser Gesundheitssystem sie nicht honoriert.
Was wir brauchen, sind andere Anreizreizsysteme. Ideen und Ansätze dazu liegen seit langem auf dem Tisch. In der Schweiz zum Beispiel muss ein Krankenhaus – anders als bei uns – schon heute nachweisen, dass es eine bestimmte OP mindestens so und so oft pro Jahr durchführt, anderenfalls kann es sie nicht abrechnen.

Menschen reagieren auf Druck, auch Lobbyisten. In diesem Sinne könnte die Politik zum Beispiel auch eine Mindestausstattung mit medizinischen Geräten oder eine Mindestanzahl von bestimmten Fachärzten fordern. Anders gesagt: Krankenhäuser haben entweder eine Mindestausstattung und erfüllen medizinisch einen Mindeststandard, oder sie verlieren ihre Existenzberechtigung. Es geht darum, wie die Nationale Akademie der Wissenschaften vor kurzem schrieb, der „strukturellen Verdünnung medizinischer Kompetenz durch zu viele Einrichtungen“ entgegenzuwirken.

Ich bin aus zwei Gründen optimistisch, dass uns das innerhalb von plus minus zehn Jahren auch gelingen wird. Erstens dürfte dafür schon die angespannte Personalsituation sorgen; kleine Krankenhäuser in der Provinz finden ja schon heute nicht genügend Ärzte und Pflegekräfte. Zweitens macht die rasant fortschreitende Entwicklung der Telemedizin die skizzierte Arbeitsteilung immer einfacher und kostengünstiger. Und sie liefert bessere Ergebnisse im Sinne des Patienten, wie das die eingangs erwähnten Möglichkeiten von IBMs Watson zeigen.

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Zusammengefasst

»Menschen reagieren auf Druck, auch Lobbyisten.«

Bei unseren Krankenhäusern brauchen wir dringend mehr Arbeitsteilung. Das aktuell praktizierte Alle-machen-alles ist weder kosteneffizient noch gut für die Patienten, weil auch nicht alle alles gleich gut können. In den Großstädten brauchen wir weniger, dafür große und hochkompetente Kliniken, von denen jede zudem auf bestimmte Themen spezialisiert ist. Für Mittelstädte sind kleinere Kliniken und auf dem Land medizinische Versorgungszentren oft ausreichend, die eine Grundversorgung sicherstellen und bei Bedarf an spezialisierte beziehungsweise größere Häuser überweisen.

Prof. Dr. Volker Penter Head of Health Care
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Warum dauert es so lange, bis sich Strukturen im Gesundheitswesen verändern?

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