Compliance: "Es braucht verbindliche gesetzliche Rahmenbedingungen."

Compliance als Kulturwandel

Klaus Moosmayer (Siemens) und Alexander Geschonneck (KPMG) zu Compliance als Kulturwandel

Keyfacts über Compliance

  • Compliance erlebt einen Kulturwandel
  • B20 fordert Belohnung besonders verantwortungsvoller Unternehmen
  • Privater und öffentlicher Sektor sollen mehr zusammenarbeiten
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Herr Moosmayer, in der B20-Arbeitsgruppe haben Sie als Chief Compliance Officer bei Siemens zusammen mit anderen Wirtschaftsvertretern im Vorfeld des diesjährigen G20-Gipfels in Hamburg Forderungen an die Politik für eine wirksamere Korruptions-Bekämpfung und verantwortungsvollere Unternehmensführung entwickelt. Warum tun Sie das?
Ich finde es wichtig, mit anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten und den Erfahrungsschatz der einzelnen Unternehmen zusammenzubringen. Der Wirtschaft wird oft vorgeworfen, dass sie sich nicht zu gesellschaftlichen Themen äußern und nur Lobbyismus betreiben würde. Ich denke aber, dass Fragen nach einer verantwortungsvollen Unternehmensführung oder Antikorruption auch gesellschaftliche Fragen sind. Für diese Fragen ist B20 ein einzigartiges Forum. Es gibt kaum andere Plattformen, auf denen sich die Regierung in dieser Form mit allen wichtigen Playern wie beispielsweise auch der OECD abstimmt.

Herr Geschonneck, KPMG hat die B20-Arbeitsgruppe als Knowledge Partner inhaltlich unterstützt. Wie hat sich die Arbeit der Compliance-Abteilungen aus Ihrer Sicht als Unternehmensberater in den vergangenen Jahren verändert?
Nach meinem Eindruck erleben wir derzeit einen Kulturwandel im Compliance-Bereich. In der Vergangenheit war die Diskussion um Compliance und regelkonforme Unternehmensführung eher technokratisch geprägt: Welche Vorschrift gilt für welchen Fall? Heute geht es viel stärker um die Integrität eines Unternehmens auf allen Ebenen. Hier ist jeder einzelne Mitarbeiter aufgefordert, mitzudenken und das Richtige zu tun – auch wenn es dafür vielleicht mal keine vorher festgelegte Regel gibt.

Herr Moosmayer, ist die Öffentlichkeit in den letzten Jahren anspruchsvoller geworden, was die Aufarbeitung von Korruptionsfällen betrifft?
Wir haben heute eine andere Art der Öffentlichkeit, ein globales Dorf. Durch die sozialen Medien macht  alles in kürzester Zeit die Runde. Das bedeutet mehr Transparenz, wie die Massenproteste gegen Korruption beispielsweise in Brasilien, Rumänien oder Korea belegen. Die neue Öffentlichkeit stärkt die Kampagnenfähigkeit und erleichtert gesellschaftliche Mobilisierung. Andererseits sehen wir, dass diese Meinungen mitunter ohne belastbare Beweise entstehen. Der aktuelle Corruption Perception Index (CPI) von Transparency International suggeriert beispielsweise, dass die Korruption weltweit immer schlimmer wird. Diese negative Sichtweise geht meiner Ansicht nach in die falsche Richtung. Die Welt wird nur transparenter und die bestehende Korruption dadurch immer sichtbarer.

 

„Wirklich ändern wird sich nur etwas, wenn die Unternehmen merken, dass sich verantwortungsvolle Unternehmensführung auch lohnt.“
Der Rechtsanwalt Klaus Moosmayer ist seit Januar 2014 Chief Compliance Officer der Siemens AG.

Herr Geschonneck, ein Einfallstor für Compliance-Verstöße sind undurchsichtige Lieferketten. Was schlägt Ihre Arbeitsgruppe vor, um beispielsweise Menschenrechtsverletzungen innerhalb der Lieferkette zu verhindern?
Entscheidend ist die Zusammenarbeit von Staaten und Unternehmen. Die Staaten müssen den rechtlichen Rahmen schaffen und den Schutz der Menschenrechte innerhalb ihres Landes sicherstellen. Die Unternehmen müssen alles tun, um zu vermeiden, dass es im Bereich ihrer Geschäftstätigkeit zu Verletzungen kommt. Dazu gehört auch, bestehende Probleme zu thematisieren und bestmöglich zu lösen. Bei Firmen, die viele Länder und Lieferanten in ihren Lieferketten haben, ist das eine Herkulesaufgabe. Auch deshalb sollten die G20 Staaten Unternehmen dabei unterstützen, effektive Maßnahmen gegen Menschenrechtsverletzungen zu entwickeln.

Herr Moosmayer, eine andere Möglichkeit könnte die durch die B20 geforderte Incentivierung – also die Belohnung besonders verantwortungsbewusst arbeitender Unternehmen – sein. Welche Rolle spielt sie bei der Bekämpfung von Korruption?
Sie holt das Thema aus der reinen Bestrafungs-Ecke. Ermittlungen und Strafverfolgung sind sehr wichtig, aber wirklich ändern wird sich nur etwas, wenn die Unternehmen merken, dass sich verantwortungsvolle Unternehmensführung auch lohnt. Unverbindliche Regelungen zur Incentivierung reichen hier nicht aus. Um die Spielregeln zu verändern, sind verbindliche gesetzliche Rahmenbedingungen nötig. Die wären ein Game Changer und könnten zu einem Kulturwandel beitragen.

Dieser Kulturwandel funktioniert aber nur, wenn alle an einem Strang ziehen, oder?
Ja, und im Rahmen sogenannter „Collective Action“ funktioniert das in vielen Fällen schon sehr gut.  Dabei geht es um die Zusammenarbeit von Akteuren aus dem privaten Sektor und – hoffentlich zunehmend – dem öffentlichen Sektor. Öffentliche Vertreter haben oft einen anderen Blick und fürchten, dass eine derartige Zusammenarbeit beispielsweise eine ohnehin schon komplexe Ausschreibung zusätzlich verzögert. Aber es ist wichtig, Transparenz in Prozesse mit hohem Korruptionsrisiko hineinzubringen, die Herausforderungen gemeinsam zu diskutieren und auch mal externe Spezialisten zu konsultieren.
Zusammen mit dem staatlichen Sektor ist Collective Action viel wirksamer. Um die öffentlichen Akteure einzubinden, müssen wir die tollen Erfolgsgeschichten stärker kommunizieren, die es beispielsweise als Integrity Pacts im Privatsektor bereits gibt. Wenn die Leute sehen, was woanders funktioniert hat, sind sie viel eher bereit, mitzumachen.

Infobox: Was ist die B20 
Der B20-Wirtschaftsdialog ist ein Bestandteil des G20-Gipfels, der dieses Jahr im Juli in Hamburg stattfinden wird. Hinter dem Kürzel „B20“ stehen rund 1000 Akteure aus Wirtschaft und Unternehmen aus allen G20-Teilnehmerstaaten. In mehreren Arbeitsgruppen entwickelten sie im Vorfeld des G20-Gipfels Wünsche und Erwartungen der Wirtschaft an die politischen Entscheider. Siemens und KPMG arbeiteten gemeinsam in der B20-Arbeitsgruppe „Responsible Business Conduct & Anti Corruption“.

Opinion Disclaimer
Die Ansichten und Meinungen in Gastbeiträgen sind die des Interviewten und entsprechen nicht unbedingt den Ansichten und Meinungen von KPMG.

03. Mai 2017
Zusammengefasst

»In der Vergangenheit war die Diskussion um Compliance und regelkonforme Unternehmensführung eher technokratisch geprägt: Welche Vorschrift gilt für welchen Fall? Heute geht es viel stärker um die Integrität eines Unternehmens auf allen Ebenen. «

Im Doppelinterview sprechen Siemens oberster Compliance-Beauftragter Klaus Moosmayer und KPMG-Partner Alexander Geschonneck über Compliance im Wandel und künftige Herausforderungen.

Alexander Geschonneck Partner, Forensic
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Kommentare

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