Mit Wind und Sonne zum europäischen Stromnetz

Erneuerbare Energien in Europa

Nationale Egoismen behindern erneuerbare Energien im europäischen Strommarkt

Keyfacts über Stromnetz

  • Nachbarn stoppen deutschen Ökostrom
  • Virtuelle Kraftwerke sollen Stromnetz stabilisieren
  • Energiesektor braucht mehr Planungssicherheit
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Die Europäische Union ist seit ihrer Gründung einem hehren Ziel verpflichtet: Dem freien, grenzenlosen Austausch von Gütern. Doch wie steht es aktuell um diesen historischen Grundpfeiler der EU? Wenn man sich dem Thema aus Sicht des Strommarktes nähert, dann muss man leider sagen: Brüssel ist in Energiefragen durchaus bemüht, aber statt einer einheitlichen Linie, regieren vielfach Eigeninteressen der Mitgliedsstaaten.

Zwar gehen Vorschläge der EU-Kommission wie das „Winterpaket“ in die richtige Richtung, wenn gefordert wird, den Wettbewerb zu stärken, den Stromverbrauch zu senken und CO2-Emissionen zu mindern – doch sie gehen am eigentlich Notwendigen vorbei. Was fehlt, ist ein Ansatz, der einen wirklich grenzüberschreitenden einheitlichen Strommarkt schafft, der nachhaltig und rentabel ist.

Gefährlicher Stau im Leitungsnetz

Die Staaten Europas sind mit dem Europäischen Stromverbundsystem bereits seit Jahrzehnten eng miteinander verwoben, die Lieferung von Energie über Landesgrenzen hinweg ist gelebte Praxis. Jedoch fehlt dem System die Flexibilität, die es heutzutage eigentlich bräuchte. Die Kalkulierbarkeit der Energieeinspeisung hat in den letzten Jahren stark gelitten, an manchen Tagen stellt sie eine ernstzunehmende Gefahr für die Stabilität des Verbundnetzes dar. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Zunahme der erneuerbaren Energien, insbesondere im Rahmen der deutschen Energiewende. Während ein Kohle-, Gas, oder Kernkraftwerk langfristig gesteuert werden kann, ist dies bei einem Windpark in der Nordsee kaum möglich: Der Wind bläst – oder eben auch nicht.

Nun ist dies generell kein Problem, wenn genügend Reservekapazitäten zur Verfügung stehen. Oder bei starkem Sturm ausreichend Leitungskapazitäten vorhanden sind, um den Strom von den Erzeugerregionen im Norden, in den verbrauchstarken Süden Deutschlands zu leiten. Daran hapert es jedoch. Da der Leitungsbau in Deutschland nur schleppend voran geht, kommt es inzwischen immer öfter zum Stau im Netz. Die Folge: Windparks müssen abgeschaltet werden. Oder der überschüssige Windstrom drängt in die Netze der Nachbarländer. Diese sind davon alles andere als begeistert – denn er steht in direkter Konkurrenz zur langfristig geplanten Energie ihrer konventionellen Kraftwerke. Länder wie Polen oder die Tschechische Republik errichten deshalb an ihren Grenzen so genannte Phasenschieber, um die ungewünschten Stromflüsse zu unterbinden. Verständlich ist dies – wollen sie aus Angst um die Belastbarkeit des eigenen Stromnetzes nicht als Umgehungsstrecke für deutschen Strom von Nord nach Süd missbraucht werden. Oder auch, weil sie vielleicht generell einen kritischen Blick auf die deutsche Energiewende haben. Allerdings: Für einen einheitlichen europäischen Strommarkt, der vorrangig auf erneuerbare Energien setzt, ist das Vorgehen kontraproduktiv.

Virtuelles Kraftwerk als Netzstabilisator?

Europäische Lösungen zu finden, die nicht an den Egoismen der Nationalstaaten scheitern – dies muss das Ziel sein. Und sie entstehen auch bereits. Bei den diesjährigen Energy Awards wurde zum Beispiel erstmals ein European Energy Project ausgezeichnet: Das Projekt REstable des BMWi, an dem das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES maßgeblich beteiligt ist. Das deutsch-französisch-portugiesische Gemeinschaftsprojekt verfolgt den Ansatz, ein virtuelles Kraftwerk auf europäischer Ebene zu schaffen. Dieses soll durch Aggregation unterschiedlicher erneuerbarer Energien die mit einem konventionellen Großkraftwerk vergleichbare Systemdienstleistung für die Frequenz- und Spannungshaltung zur Verfügung stellen. Also die Netzstabilität sicherstellen, wenn konventionelle Kraftwerke zunehmend abgeschaltet werden. Die fortschreitende digitale Vernetzung macht es möglich.

Aber ist die Umstellung auf immer mehr alternative Energieformen überhaupt wirtschaftlich zu leisten? Durchaus. Die letzte Ausschreibungsrunde für Windenergieprojekte durch die Bundesnetzagentur beweist, dass die erneuerbaren Energien immer wettbewerbsfähiger werden. Teilweise, wie bei Projekten auf See, inzwischen sogar ganz ohne Subventionen auskommen. Für die Verbraucher ein gutes Zeichen, könnten die Strompreise mittelfristig doch zu sinken beginnen. Aber auch für die Anbieterseite, zeigt die anhaltend hohe Beteiligung bei Ausschreibungen der Bundesnetzagentur doch, dass der Energiemarkt weiterhin hoch attraktiv ist.

Eines sollten Unternehmen dabei jedoch im Blick behalten – die Planungssicherheit. Wie kein anderer Bereich war der Energiesektor in den letzten Jahren von einem massiven Wandel betroffen. Hier liegt es an der Politik, einen verlässlichen Rahmen zu schaffen, mit dem Investoren langfristig rechnen können. Gerade im Bereich von Innovationen geht es vielfach nicht um eine technologische Unsicherheit, als vielmehr um die Versicherung gegen politische Unwägbarkeiten. Investoren und die sie vertretenden Organisationen werden entsprechende Forderungen zukünftig auch noch viel deutlicher als bisher bei den gesetzgebenden Institutionen – sei es in Deutschland oder Europa – einfordern. Denn nur so wird es gelingen, eine Energieversorgung zu etablieren, die rentabel für Investoren, bezahlbar für den Verbraucher, sicher und gut für die Umwelt ist.

Frau Dr. Ruth Brand-Schock von ENERCON und Herr Dominik Jost von Fraunhofer IWES gewinnen bei den Energy Awards 2017 mit ihrem Gemeinschafts-Projekt Restable die Sonderkategorie „European Energy Projekt“. Michael Salcher (Head of Energy) überreicht den Sonderpreis. Copyright: Nils Bröer.

Michael Salcher (KPMG) bei der Preisverleihung. Copyright: Ulf Büschleb

13. Oktober 2017
Zusammengefasst

»Europäische Lösungen zu finden, die nicht an den Egoismen der Nationalstaaten scheitern – dies muss das Ziel sein.«

Die Staaten Europas sind mit dem Europäischen Stromverbundsystem bereits seit Jahrzehnten eng miteinander verwoben. Jedoch fehlt dem System die Flexibilität, die es heutzutage eigentlich bräuchte. Die Kalkulierbarkeit der Energieeinspeisung hat in den letzten Jahren stark gelitten. Die Lösung könnte ein virtuelles Kraftwerk auf europäischer Ebene sein, das durch Aggregation unterschiedlicher erneuerbarer Energien die mit einem konventionellen Großkraftwerk vergleichbare Systemdienstleistung für die Frequenz- und Spannungshaltung zur Verfügung stellt.

Michael Salcher Head of Energy & Natural Resources
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