Wie Konsumenten und Handel gemeinsam für weniger Müll sorgen können

Vernunft statt Verbote

Warum Gesetze und Vorschriften weniger bringen als das Aufzeigen sinnvoller Alternativen

Keyfacts über Verpackungsmüll

  • Wir produzieren zu viel Verpackungsmüll
  • Vor allem Plastik ist umweltschädlich
  • Unvermeidlich ist der Müll keineswegs
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05. September 2016

Die Deutschen produzieren viel zu viel Verpackungsmüll, laut Zahlen der Bundesregierung waren es 2015 rund 213 Kilo – pro Person. Kaffee zum Mitnehmen, Getränke in Dosen, Obst in Plastikschalen, Tüten, um den Supermarkteinkauf nach Hause zu tragen: Wer konsumiert, lässt die ohnehin schon hohen Müllberge Tag für Tag weiter wachsen.

Verheerend wirkt sich vor allen das viele Plastik aus: Drei Viertel des Meeresmülls besteht daraus, jedes Jahr kostet es zehntausende Tiere das Leben und gefährdet auch uns Menschen. Denn bis zur völligen Zersetzung von Plastik können 350 bis 400 Jahre vergehen, wie der World Wide Fund For Nature (WWF) errechnet hat.

Laut der Befragung im Rahmen des aktuellen KPMG Consumer Barometers 3/2016, das sich ausführlich dem Thema Verpackungen widmet, ist sich die große Mehrheit der Verbraucher über die Probleme im Klaren: 85 Prozent der Befragten gaben an, sie wünschten sich vom Handel mehr Produkte ganz ohne Verpackungen.

Auch Handel, Industrie, Verbraucherschützer und Politik sind sich einig, dass wir die Müllberge verkleinern müssen. Und dass es dazu eines gewissen Drucks bedarf, darüber besteht ebenfalls weitgehend Konsens. Die Frage ist nur, woher dieser Druck kommt. Von oben, also durch Verbote und Direktiven durch die Politik? Oder eher von unten, also von Händlern und von uns Verbrauchern, indem wir uns gegenseitig zu einem verantwortlicheren Konsum motivieren und so einen gewissen Druck aufeinander ausüben?

Schon nach ein paar Wochen sank die Nachfrage nach Tüten um 50 Prozent

Ich plädiere klar für den zweiten Weg, weil ich glaube, dass wir das Problem nur mit einem Mentalitätswandel in den Griff kriegen – und der lässt sich nicht gesetzlich verordnen. Wir müssen nicht umdenken, sondern in bestimmen Situationen überhaupt erstmal anfangen zu denken.

Beispiel Plastiktüte: Etwa 300 Handelsunternehmen in Deutschland haben sich freiwillig dazu verpflichtet, keine Tüten mehr kostenlos abzugeben. Die Regelung gilt seit dem 1. Juli, allerdings haben einige Unternehmen schon Monate vorher begonnen, Geld zu nehmen. Bei der Textilhandelskette C&A kosten Plastiktüten bereits seit Anfang April 20 Cent. Mit dem Ergebnis, das ihr Verbrauch um 50 Prozent sank.

213 Kg

Verpackungsmüll produziert Deutschland pro Jahr und Kopf.

Warum verzichten plötzlich so viele auf die Tüte? Um 20 Cent zu sparen? Das glaube ich kaum, schließlich machen wir an anderer Stelle eine Kaufentscheidung ja auch nicht davon abhängig, ob das Gewünschte 20 Cent mehr oder weniger kostet. Ich behaupte: Wenn wir plötzlich für die Tüte bezahlen sollen, dann fragen wir uns, warum. Und von dieser Frage zum Nachdenken über Umweltprobleme durch Plastik ist es ein kurzer Weg.

Weniger Müll: Wahlmöglichkeiten motivieren zum Mitmachen

Mir selbst ging es ja nicht anders. Ich hatte über die Selbstverpflichtung gelesen, aber den Starttermin nicht mehr im Kopf. Als ich dann im Supermarkt zum Bezahlen der Tüte aufgefordert wurde, traten mir die Zusammenhänge ruckartig wieder vor Augen. Seitdem habe ich Tüten und Taschen im Auto, verwende also die Vorhandenen immer wieder.

Sollte ich das einmal vergessen, KANN ich aber ausnahmsweise weiterhin eine Tüte kaufen. Die Alternative – ein totales Verbot – würde meiner Meinung nach eher Widerstand provozieren. Wahlmöglichkeiten zu haben motiviert dagegen zum Mitmachen. Ein gutes Beispiel dafür sind auch die Hotelhandtücher, die nur dann gewaschen werden , wenn der Gast sie auf den Boden wirft.

Den Motivationsansatz gibt es im Handel – diesseits der Plastiktüte – schon zuhauf. Nachfüllpacks für Flüssigseite zum Beispiel produzieren viel weniger Müll als die vollen Seifenspender selbst. Die Packs sind günstiger – aber das Umfüllen ist auch unpraktischer, als einfach den nächsten Spender auf den Waschbeckenrand zu stellen. Die Packs werden auch deshalb so gut angenommen, weil der Kunde wählen kann und der Vorteil für die Umwelt ihm zugleich deutlich ins Auge springt.

Oder Zahncreme: Die meisten Tuben stehen mittlerweile ohne zusätzliche Verpackungim Regal. Ich glaube, das liegt auch daran, dass – gerade in Drogeriemärkten – hinter den Kassen verschiedene Müllbehälter stehen und viele Kunden Umverpackungen darin zurücklassen. Deutlicher kann man als Konsument dem Händler die Nutzlosigkeit der vielen Kartons kaum vor Augen führen. Und dadurch entsteht auch Druck auf die Hersteller, ihre Waren direkt ohne Umverpackungen anzubieten. Das Motivieren funktioniert also in beide Richtungen.

Frustfreie Verpackungen sind auch umweltverträglicher

Die schlechte Nachricht: Natürlich wird wachsender E-Commerce – tendenziell für weiter wachsende Müllberge sorgen, weil die wenigsten Produkte ohne Verpackung versendet werden können.

Außerdem legen die Menschen – neben aller Umweltverträglichkeit – Wert auf hochwertige, praktische Verpackungen, so das KPMG Consumer Barometer. Es kommt darauf an, auch hier Kundenwünsche und Umweltschutz unter einen Hut zu bringen.

Möglich ist das, Hochwertigkeit von Look und Feel bedeutet nicht zwingend maximale Müllproduktion. Bei Apple-Produkten zum Beispiel sind die Verpackungen immer weniger und leichter geworden – gelten bei den Verbrauchern aber weiterhin als chic. Auch beim E-Commerce motivieren Wahlmöglichkeiten zu umweltverträglichem Verhalten. So bietet Amazon viele Produkte auch in frustfreier Verpackung an. In der Regel handelt es sich dabei um einen schlichten Karton statt der schlecht zu öffnenden Plastik verpackung.. Denn die sorgt nicht nur für Aggressionen beim Auspacken, sondern – am Ende – auch für tote Meerestiere.

Zum aktuellen Consumer Barometer hier klicken.

Zusammengefasst

»Wir kriegen das Problem nur mit einem Mentalitätswandel in den Griff - und der lässt sich nicht verordnen.«

Wir müssen verhindern, dass die Verpackungsberge weiter wachsen. Meiner Meinung nach gelingt das besser mit Motivation und mit Denkanstößen als mit Vorschriften. Außerdem sind Konsumenten und Händler/Hersteller durchaus in der Lage, einen gewissen Druck aufeinander auszuüben. Diese Möglichkeiten sollten beide Seiten nutzen. Dass und wie es funktioniert, dafür gibt es viele spannende Beispiele. Das aktuellste: Supermärkte verkaufen Plastiktüten, anstatt sie zu verschenken.

Mark Sievers Partner, Head of Consumer Markets
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Kommentare

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