Share Economy in der Logistik

Was „America First“ für die Logistik bedeutet und wie die Branche reagieren sollte

Keyfacts

  • "America First" hat Folgen für Logistiker
  • Flexible Lieferketten sind das zentrale Asset
  • Die Dominanz Einzelner ist Vergangenheit
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Steffen Wagner
  • Partner, Head of Transport & Leisure
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Eine US-Wirtschaftspolitik nach dem Prinzip „America First“ wird in den kommenden Jahren massive Auswirkungen auf die weltweite Logistikbranche haben. Sie trifft die Branche in einer ohnehin schwierigen Phase, in der die überkommenen Geschäftsmodelle vieler Marktteilnehmer unter Druck geraten sind.

Das Wachstumsverhältnis von Welthandel zu Wirtschaftsleistung ist seit der Finanzkrise 2008 stark rückläufig, und vieles spricht dafür, dass die Zahlen auch in den kommenden Jahren bestenfalls stagnieren werden. Immer mehr Gründe für eine Trennung von Produktion und Konsum fallen weg. Früher produzierten asiatische Fabriken in erster Linie für Konsumenten in Europa und Nordamerika. Von jedem Wachstum profitierte der Export überproportional mit der Folge, dass der Welthandel (und mit ihm die Transportindustrie) noch in den 1990er Jahren mehr als dreimal so stark wuchs wie das Bruttoinlandsprodukt.
Diese Zeiten sind vorbei. Heute werden in Indien oder China deutlich mehr Produkte für die heimischen Märkte hergestellt, weil sich auch dort viele Menschen einen zumindest bescheidenen Luxus leisten können und wollen.
Außerdem steigen die Löhne in diesen Ländern schnell, für Europäer lohnt es sich immer weniger, dort etwas produzieren und dann auf den Alten Kontinent verschiffen zu lassen. Erst recht gilt das, wenn sich der 3-D-Druck durchsetzt, weil es kostenmäßig weitgehend egal ist, wo auf der Welt ein solcher Drucker steht.

„America First“ trifft die Logistikbranche also in einer Phase, in der erstens wie beschrieben die Globalisierung ein Plateau erreicht hat und zweitens Protektionismus in vielen Teilen der Welt ohnehin wieder salonfähig wird.

Trump möchte lokale Produktion und Binnennachfrage stärken

Welche Folgen in diesem Zusammenhang die Entwicklung in den USA haben wird, ist zwar nicht exakt vorherzusagen, aber einige Trends zeichnen sich bereits ab: Donald Trump möchte lokale Produktion und Binnennachfrage fördern und zugleich die Exportchancen amerikanischer Unternehmen erhöhen. Importsteuern von bis zu 45 Prozent sollen der Verlagerung von Jobs und Produktion aus den USA in andere Länder entgegenwirken. Ähnliche Ziele verfolgt die Idee, Unternehmenssteuern massiv zu senken.

Auch wenn sich diese Pläne wegen (angedrohter) Gegenmaßnahmen anderer Länder nicht in Gänze durchsetzen lassen, werden sie zu einem Rückgang der Importströme in die USA und zu einer wachsenden Binnennachfrage führen. Leidtragende sind dann Luft- und Seefrachtunternehmen mit Schwerpunkt auf dem US-Geschäft, Gewinner nationale Logistikunternehmen und hier vor allem die Trucker, die etwa zwei Drittel des nationalen Handels bewältigen. Ob auf der anderen Seite die US-Exporte ansteigen, wird auch von der Entwicklung des Dollarkurses abhängen.

All das bedeutet, dass sich die weltweiten Logistikströme weiter verschieben werden. Was im übrigen auch für Asien gilt; Hoffnung macht hier der wachsende Handel innerhalb des Kontinents.

Die Entkoppelung von Produktion und Konsum nimmt immer weiter ab

Exakt kalkulierbar sind diese Entwicklungen indes noch nicht, wichtigste Konstante für die Branche bleibt die Tatsache, dass es immer weniger Konstanten gibt. Deshalb gilt es, die eigenen Kapazitäten so weit wie möglich zu dynamisieren, um möglichst flexibel auf sich verändernde Handelsströme reagieren zu können. Leichter gesagt als getan ist das deshalb, da sich Lager und LKW-Flotten nicht „mal eben“ von A nach B verlegen lassen. Flexibilität gibt es nur um den Preis des Teilens: die Share Economy hält Einzug in die Geschäftsmodelle der führenden Transportunternehmen.

Seine dominante Rolle aus früheren Zeiten zu konservieren, in denen Kundenbindung viel mit dem verlässlichen Zugriff auf Netzwerke und Ressourcen zu tun hatte, wird dabei niemandem gelingen. Das gilt auch deshalb, weil mit den Plattformmodellen Transparenz in eine – zumindest was die Preisbindung angeht – bislang eher undurchsichtige Branche eingezogen ist.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Logistikplattform Freightos, gegründet vom britisch-israelischen Unternehmer Zvi Schreiber. Er hatte von seinem Vater ein Elektronikunternehmen geerbt und musste regelmäßig Geräte verschiffen. Angebote, die er von Logistikern – stets nach längerer Bearbeitungszeit – erhielt, waren schwer durchschaubar, die Preise schwankten ebenso ohne nachvollziehbaren Grund wie die Transportzeiten. Diese Erfahrungen veranlassten Schreiber zur Gründung von Freightos. Auf der Plattform werden Transportleistungen online zu transparenten Frachtraten gehandelt.

Wie immer sich die Folgen von „America First“ und der Welthandel insgesamt entwickeln: Internationale Logistikunternehmen werden ihre Aktivitäten aufmerksam überprüfen und die Auswirkungen auf bestehende Netzwerke und vorgehaltene Kapazitäten evaluieren müssen. Zu den Gewinnern kann nur gehören, wer dabei Agilität und Flexibilität oben auf die Tagesordnung setzt.

Mehr zu Trends und Entwicklungen im globalen Handel erfahren Sie in unserem aktuellen Transport Tracker. 

Steffen Wagner
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Diese siebte Ausgabe legt besonderen Fokus auf die aktuellen geopolitischen Ereignisse und deren Einfluss auf Globalisierung, wie Digitalisierung die Geschäftsmodelle der Transport Unternehmen verändert  und die potenzielle Besserung für den Schifffahrtssektor.

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