Unternehmen holten die Alten als Fachkräfte zurück

Arbeitgeber denken um und setzen auf das Wissen und die Erfahrung älterer Mitarbeiter

Keyfacts

  • Altersgemischte Teams werden die Arbeitswelt der Zukunft bestimmen
  • Die meisten Fachkräfte fehlen in technischen, Gesundheits- und Pflegeberufen
  • Ältere Arbeitnehmer sind stressresistenter und erfahrener
Klardenker- Redaktion
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Diese Schlagzeilen ließen aufhorchen: „Rückkehr der Rentner“ oder „Wir brauchen dich doch, Alter!“. Wer derzeit qualifizierte Fachkräfte sucht, weiß sehr genau, warum gleich mehrere Unternehmen ihre Rentner reaktivieren: In Deutschland gibt es immer weniger qualifizierte Arbeitskräfte. Firmen bleibt oft nichts anderes übrig, als das Wissen der Senioren zu nutzen und sie wenigstens für Spezialaufträge aus dem Ruhestand zu holen.

Weil es so wenig qualifizierten Nachwuchs gibt, ist die Lage der Unternehmen zum Teil dramatisch: Nicht weniger als 20 Berufsgruppen weisen nach der sogenannten Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit vom Dezember 2013 einen Fachkräftemangel aus. Die meisten Fachkräfte fehlen in technischen, Gesundheits- und Pflegeberufen. Besonders hart trifft der Ressourcenschwund mittelständische Firmen und Betriebe. Allein in Unternehmen der Informationstechnologie und Telekommunikation (ITK) sind nach Erhebungen des Berliner Hightech-Verbands BITKOM aktuell rund 13.000 Stellen für IT-Experten unbesetzt.

Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Bis 2020 geht das Gros der Generation der Babyboomer (Jahrgänge 1956 bis 1965) in Rente. „Umso wichtiger wird es, Talente innerhalb und außerhalb des Unternehmens frühzeitig zu identifizieren, sie zu entwickeln und langfristig zu binden“, erklärte Michael Geke, Partner bei KPMG und Leiter des Bereichs HR Consulting, (hat KPMG verlassen) anlässlich der „HR Business Excellence Conference“ von KPMG im vergangenen September in Düsseldorf. Nicht mehr die Neubesetzung einer Vakanz stehe demnach im Vordergrund der Personalverantwortlichen, sondern das Erkennen und Nutzen von Potenzial im Haus.

Gemeinsam stark: Jung und Alt im Team

Diese Devise gilt zunehmend für ältere Arbeitnehmer. Um ihr Fachwissen und ihre Erfahrung besser zu nutzen, sollten Firmen stärker in altersgerechte Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeitmodelle und Weiterbildungsangebote investieren, lautet die Empfehlung des Fortschrittsberichts der Bundesregierung. Seit 2011 steuert sie unter Federführung des Arbeitsministeriums mit ihrem Fachkräftekonzept gegen die Folgen des Fachkräftemangels. Erste Erfolge zeigen sich: Nach dem aktuellen Fortschrittsbericht liegt etwa die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 55 und 64 Jahren bereits bei 61,5 Prozent. Noch vor acht Jahren waren es gerade einmal 48,1 Prozent.

Bei der Wissensarbeit steht dem Einsatz älterer Mitarbeiter auch nichts im Weg, weiß Christian Stamov-Roßnagel, Professor am Zentrum für lebenslanges Lernen an der privaten Jacobs University in Bremen. „Es gibt keine Befunde, die rechtfertigen, jemanden ab 60 von seinem Wissensarbeitsplatz abzuziehen.“ Dazu kommt, dass die heute 60-Jährigen vielfach den 50-Jährigen von vor 20 Jahren entsprechen. „Wer in seinem Unternehmen Arbeitsgruppen altersgemischt zusammensetzt, hat die Chance, vom Ideenreichtum der Jüngeren und der Prüfkraft der Älteren zu profitieren“, sagt Stamov-Roßnagel. Altersgemischte Teams werden die Arbeitswelt der Zukunft bestimmen, davon ist Rainer Thiehoff überzeugt. „Damit das funktioniert, muss die Führungsebene hinter dem Teamkonzept stehen und im Unternehmen ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung fördern“, betont der Geschäftsführer von Demographie Netzwerk e. V. (ddn) in Dortmund, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wird.

Senioren teilen Wissen gerne

Davon profitieren Unternehmen auf vielfältige Weise, der Betriebsalltag wird entspannter. Ältere Arbeitnehmer sind nämlich nicht nur stressresistenter und erfahrener. Sie arbeiten auch teamorientierter und sind bereit, ihr Wissen zu teilen, denn sie schielen nicht mehr auf die Karriere. So findet der Wissenstransfer statt, bevor die Kollegen in Rente gehen. Das ergab die Studie „Altersdifferenzierte Arbeitssysteme“ von Professor Guido Hertel, Organisations- und Wirtschaftspsychologe an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Ein deutscher Technikkonzern erkannte bereits vor 15 Jahren die Notwendigkeit, vorhandenes Know-how zu binden, und gründete eine eigene Gesellschaft mit damals 30 Rentnern. Heute sind rund 880 Experten überall dort im Einsatz, wo es bei Engpässen kurzfristigen, aber hochprofessionellen Bedarf gibt. Jeder der Experten verfügt über 30 bis 40 Jahre Erfahrung in dem Konzern. Insgesamt sind das mindestens 26.000 Jahre Know-how. Ein unschätzbarer Wert, den das Unternehmen unbedingt so lange wie möglich an Bord halten will. Dafür sollen die Geschäftsführer sorgen, beide Pensionäre des Konzerns.

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