Brexit: „Die Hand an der Notbremse“

Brexit: „Die Hand an der Notbremse“

Im Interview: Wie sich Unternehmen auf den Brexit vorbereiten – oder auch nicht

Keyfacts über Brexit

  • Großbritannien und die EU verhandeln die künftigen Handelsbeziehungen
  • Ein harter Brexit würde die Lieferketten unterbrechen
  • Mangels Verhandlungsfortschritt wird das Worst-Case-Szenario wahrscheinlicher
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Der Brexit wird die Handelsstrukturen in und mit Europa verändern. Und aller Wahrscheinlichkeit nach zum 29. März 2019 vollzogen. Soviel ist klar, viel mehr aber nicht. Die Verhandlungen, geleitet von Michel Barnier auf EU-Seite und David Davis für Großbritannien, laufen weniger zielstrebig als erhofft, und die Zeit für Kompromisse schwindet.

In dieser schwierigen Situation müssen Unternehmen weiterhin agieren, Entscheidungen treffen über Investitionen. Wonach sie sich dabei richten und von welchen Szenarien sie ausgehen, haben wir mit den Top-Managern internationaler Konzerne in der International Brexit Boardroom Series besprochen. In Kooperation mit der Financial Times fanden die Gespräche in New York, und Frankfurt unter der Chatham House Rule statt, Tokio und London folgen in den kommenden Wochen. Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei KPMG in Deutschland, sprach mit uns über seine Eindrücke und Erkenntnisse aus den ersten beiden Treffen.

Herr Glunz, In den Nachrichten erscheinen in regelmäßigen Abständen Wasserstandsmeldungen aus den Brexit-Verhandlungen. Viel Fortschritt ist nicht zu erkennen. Wie gehen die Unternehmen damit um?

Andreas Glunz: Neue Investitionsprojekte gibt es kaum noch. Was vor dem Referendum vom 23. Juni letzten Jahres angestoßen wurde, wird zwar größtenteils umgesetzt. Seitdem wurden aber praktisch keine neuen Projekte aufgesetzt. Darauf deuten auch die meisten Indikatoren hin.

Ich vergleiche die aktuelle Situation mit einer Dampflok, die kräftig befeuert wurde und nun noch mit dem alten Schwung weiter zügig fährt. Aber es werden keine Kohlen mehr nachgelegt, sondern geschaut, wo die Reise hinführt. Die Folgen werden erst mit Verzögerung sichtbar, sind dann aber für eine längere Zeit erst mal unumkehrbar. Und da hilft dann auch neue Kohle erst mal nichts. Also eine trügerische Sicherheit. Sollte in den Brexit-Verhandlungen eine Weiche falsch gestellt werden, dürften die Unternehmen zudem hart in die Eisen steigen. Die Hand ist schon an der Notbremse.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die Notbremse gezogen werden muss?

Glunz: Einiges deutet auf den harten Brexit hin. Großbritannien würde demnach zum 29. März 2019 aus EU-Sicht zu einem Drittstaat nach WTO-Regeln in einem relativ ungeordneten Prozess – mit Zollschranken von einem Tag auf den anderen. Allerdings habe ich noch Hoffnung, dass sich die EU und Großbritannien bei ihrer Verhandlungsrunde am 14. und 15. Dezember dieses Jahres auf erste Kompromisse einigen werden. Zudem erscheint eine längere Übergangsfrist auch noch möglich.

Aber selbst wenn der harte Brexit eintreffen sollte, heißt die Notbremse natürlich nicht, dass sich alle Unternehmen aus Großbritannien direkt verabschieden werden. Gerade im Industriebereich ist dies keine Option, da sich eine ganze Fabrik eben schlecht von heute auf morgen verlagern lässt, obgleich sich natürlich auch hier die Grundlagen für künftige Investitionsentscheidungen ändern. Schneller können Dienstleister, wie der Finanzsektor, agieren.

Wie hoch ist denn die Bereitschaft der Unternehmen, von Großbritannien in die EU27 überzusiedeln?

Glunz: Was wirtschaftlich sinnvoll ist, wird gemacht. Allerdings geht es dabei nicht allein um die künftigen Regeln zu Zöllen und Steuern. Ein wesentlicher Faktor sind Fachkräfte, wie sich mehr und mehr zeigt. Können Mitarbeiter motiviert werden von Großbritannien nach Deutschland zu ziehen? Da spielt auch die Verfügbarkeit internationaler Schulen am neuen Standort eine wichtige Rolle, wie uns gesagt wurde. Der Fachkräftefaktor gilt jedoch auch andersherum. Mit den Zuzugsbeschränkungen, die Großbritannien teilweise schon erlassen hat und weiteren, die dort auf dem Tisch sind, sowie der allgemeinen Unsicherheit über den zukünftigen Status, verliert Großbritannien Fachkräfte. Deutsche Unternehmer erzählten uns, ihn fiele es schwerer, Mitarbeiter für die Insel zu begeistern, weil die langfristige Perspektive unklar sei.

Gibt es auch positive Entwicklungen aus Sicht des britischen Standorts und der internationalen Unternehmen, die dort ansässig sind?

Glunz: Das fallende Pfund ist derzeit natürlich ein hervorragendes Schmerzmittel. Konnte man 2015 für 1 Euro Waren im Wert von nur etwa 70 Penny kaufen, sind es jetzt knapp 90 Penny. Das belebt die Nachfrage nach britischen Produkten. Das nimmt den akuten Handlungsdruck. Allerdings nur für den Moment, denn die Handelsregeln werden sich ändern und die Kosten der Güter inklusive Zöllen und zusätzlichen Lagerhaltungskosten werden signifikant steigen und darauf muss jedes Unternehmen mit UK-Geschäft vorbereitet sein. Zu viele verharren jedoch immer noch in Vogelstrauß-Manier in Wartehaltung und hoffen, dass alles gut ausgehen wird.

Hier finden Sie einen Zeitplan zu den Brexit-Verhandlungen mit den jeweiligen Handlungsempfehlungen für Unternehmen.

19. Oktober 2017
Zusammengefasst

»Sollte in den Brexit-Verhandlungen eine Weiche falsch gestellt werden, dürften die Unternehmen hart in die Eisen steigen. Die Hand ist schon an der Notbremse.«

Die Fortschritte in den Brexit-Verhandlungen sind dürftig. Immer mehr Unternehmen stellen sich auf das Worst-Case-Szenario ein: einen ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU im März 2019. Andreas Glunz erklärt im Interview, dass die Stimmung in den Vorstandsetagen angespannt ist.

Andreas Glunz Bereichsvorstand International Business
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