Was der Brexit für das Sourcing bedeutet

Sourcing nach dem Brexit

Nach dem May-Day: Der britische Kurs bringt ausländische Dienstleister in schwere See

Keyfacts über Brexit

  • Großbritannien will Austritt aus EU-Binnenmarkt und Zollunion
  • Rechtliche Erleichterungen fallen weg
  • Sourcingbeziehungen werden sich verändern (müssen)
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Das Gefühl für Timing könnte nicht bedeutsamer sein: Während beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Skiort Davos die Gefahren wachsender sozialer Spannungen und der schlingernden Globalisierung diskutiert werden, verkündet die britische Premierministerin Theresa May in London die britische Brexit-Strategie. Kurz zusammengefasst: Raus aus der EU, mit allen Konsequenzen – ein „harter“ Brexit. Aber nicht nur das: Das Vereinigte Königreich will auch aus dem europäischen Binnenmarkt sowie der Zollunion austreten. Für Finanzinstitute und andere Dienstleister, die mit Dienstleistern in Großbritannien zusammenarbeiten, ist das – wie schon länger absehbar – ein riskanter Kurs.

Mit der jetzigen Ankündigung der britischen Premierministerin zeichnet sich nun ab, was bisher nur befürchtet wurde: May-Day in London – und jetzt?

Heute noch ist Großbritannien für global agierende Dienstleister ein attraktiver Standort, weil von dort aus leichter Beziehungen zu Offshore-Standorten wie beispielsweise Indien geknüpft werden können als auf dem europäischen Festland.

Rückkehr der Zollschranke?

Mit dem 12 Punkte umfassenden Brexit-Plan kommt die große Unsicherheit: Besonders bei Finanzunternehmen, die Leistungen bei Dienstleistern aus Großbritannien beziehen, wird ein Brexit starke Folgen haben. Gut denkbar sind Beschränkungen und Zölle für globale Finanzdienstleister, die ihre Leistungen auch für und in Großbritannien erbringen.  Die Auslandsniederlassungen deutscher Banken in London können nicht mehr wie bisher beliefert werden. In die andere Richtung wird Software, Wartung und Weiterentwicklung aus Großbritannien nicht mehr so uneingeschränkt und ohne weitere Auflagen wie bisher zu beziehen sein. Wenn Großbritannien die Zollschranke fallen lässt, werden Finanzinstitute in Deutschland ihre bestehenden Sourcingbeziehungen prüfen müssen. Was auch immer konkret geschehen wird – die heutigen Abläufe der Leistungsbeziehung stehen ab sofort auf dem Prüfstand.

12

Punkte umfasst der Brexit-Plan der britischen Premierministerin Theresa May

Auch der gesetzliche Rahmen steht vor Veränderungen. Die bestehenden Vertragsbeziehungen wurden unter dem aktuell geltenden Recht geschlossen. Dieses aber ändert sich durch den Brexit. Noch geltende Erleichterungen durch den europäischen Binnenmarkt oder Zollunion fallen zukünftig weg. Dies verursacht mittelfristig zusätzliche organisatorische, rechtliche und finanzielle Belastungen, die ein Dienstleister in Großbritannien schultern muss.

Nehmen wir derzeit geltende Datenschutzabkommen: Nachdem Safe Harbor gekippt wurde, regelt EU-US Privacy Shield den Datenaustausch zwischen Europa und den USA. Bei einem Austritt muss eine neue Regelung für Großbritannien gefunden werden. Also ein eigens Abkommen für die Insel? Oder eine Erweiterung der bisherigen Regelungen? Oder etwas ganz Neues? Diese Unsicherheit wird neue Auslagerungen nach Großbritannien sicherlich nicht fördern oder unterstützen.

Kommt der Umzug von London auf das Festland?

Auch der Austausch von Mitarbeitern zwischen den in Europa ansässigen Kunden und den Dienstleistern in Großbritannien dürfte schwerer werden. Derzeit gilt Reisefreiheit, künftig ist davon auszugehen, dass die Reise- und Arbeitserlaubnis stark eingeschränkt ist. Mögliche Sonderabgaben für Dienstleistungen von EU-Bürgern in Großbritannien geistern bereits durch die Presse.

Also konkret: Was wird passieren? Mittelfristig ist zu erwarten, dass die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Dienstleister sinken und langfristig eine „Verlagerung“ der Sourcing-Verträge in den EU-Raum passieren wird. Dazu gehören auch mögliche Umzüge der Dienstleister an einen Standort innerhalb des EU-Raums.

Eines ist sicher. Wie der Brexit auch gestaltet wird, er wird weitreichend Folgen für das Sourcinggeschäft und die Beziehungen zwischen Kunden und Dienstleister haben. Ein Veränderungsprozess scheint angebrochen zu sein, der die Finanzwelt in den nächsten Jahren begleiten wird. Und das nicht nur in London oder in Davos.

18. Januar 2017
Zusammengefasst

»Wenn Großbritannien die Zollschranke fallen lässt, werden Finanzinstitute in Deutschland ihre bestehenden Sourcingbeziehungen prüfen müssen.«

Das Vereinigte Königreich will raus aus der EU, dem Europäischen Binnenmarkt und der Zollunion. Für Finanzinstitute und andere Dienstleister, die mit Dienstleistern in Großbritannien zusammenarbeiten, ist das ein riskanter Kurs.

Bernd Schumacher Partner Financial Services
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Kommentare

Wie beurteilen Sie die britische Entscheidung für einen "harten" Brexit?

Kommentar von Reinhold Kwauka
11. Mai 2017 | 02:26 Uhr

Es wundert mich nicht das Großbritannien die EU verlässt. Für Großbritannien, war ehe nur der Wirtschaftsraum von Interesse und nicht die EU als ganzes. Wenn man In Großbritannien war, man sah keine EU- Flagge, das Zeugt von nicht gerade grossen Interesse an der EU. Vielleicht gibt es auch jetzt endlich die Möglichkeit die EU zu modernisieren. Die Verträge der EU sind ja auch in die Jahre gekommen und bedürfen sicherlich einer Überarbeitung. Auch ist eine bessere Transparenz aus meiner Sicht von Nöten. Ich verstehe auch nicht wenn ein junger Regierungschef sich Gedanken macht und für seine Gedanken nieder gemacht wird, das sollte sicherlich anders sein. Einfach Bürokratischer Abbau wäre wohl auch von Nöten. Mit freundlichen Grüssen, Reinhold Kwauka

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