Zukunftsforschung: „Ein wenig Angst schadet nie“

„Ein wenig Angst schadet nie“

Experteninterview mit Zukunftsforscher PD Dr. habil. Heiko von der Gracht .

Keyfacts über Zukunftsforschung

  • Entscheider brauchen fundierte Annahmen zukünftiger Trends und Technologien
  • Chancen und Risiken lassen sich dank strategischer Vorausschau besser managen
  • Zukunftsforschung schafft Wettbewerbsvorteile und ist erfolgswirksam
Zusammenfassung lesen

PD Dr. habil. Heiko von der Gracht beschäftigt sich mit dem, was erst noch kommt. Er ist Zukunftsforscher bei KPMG in Deutschland. Jetzt wurde er in das Editorial Bord des renommierten Journals „Technological Forecasting and Social Change“ mit nur 13 Spitzenforschern berufen. Zum Interview trafen wir ihn, damit er mit uns über die Zukunft spricht.

Frage: Herr Dr. von der Gracht, was bedeuten Ihnen Berufungen wie die vom „Technological Forecasting and Social Change“?

Antwort: Für alle ernsthaften Forscher ist das natürlich der Ritterschlag, eine Ehre und Anerkennung der eigenen Leistung. Nur wer sich mit qualitativ hochwertigen Studien, Arbeiten und Veröffentlichungen einen Namen gemacht hat, erhält so eine Berufung. Gleichzeitig ist das natürlich auch Verpflichtung, auf Höhe dieses Qualitätsanspruchs weiterzumachen.

Frage: Wann wussten Sie, dass Sie sich mit der Zukunft wissenschaftlich befassen wollen?

Antwort: Das klingt jetzt etwas klischeehaft, war aber tatsächlich so: Als ich in der fünften Klasse vom Gymnasium war, sagte mir auf einem Straßenfest die Wahrsagerin meine nächste Klausurnote voraus – korrekt, wie sich herausstellte! Ich dachte spontan: Das gibt’s doch nicht! Und wollte prompt wissen, wie das geht: Wie geht Zukunft? Wie „sieht“ man sie? Und zwar nicht wie die Wahrsagerin aus meiner Hand, sondern wissenschaftlich fundiert, zuverlässig, auf eine Art und Weise, mit der Planung und Entscheidungen von Organisationen wesentlich verbessert werden können. Ich finde, das ist die spannendste und erfolgsentscheidendste Frage überhaupt.

Frage: Die Zukunftsforschung ist eine noch sehr junge Wissenschaftsdisziplin. Was raten Sie denen, die Interesse daran haben, Zukunftsforscher zu werden?

Antwort: Als Zukunftsforscher wird man nicht geboren. Man muss das trainieren. Die gute Nachricht: Es gibt inzwischen auch in Deutschland einige erstklassige Trainingsmöglichkeiten, zum Beispiel mit einem Master-Studiengang in Zukunftsforschung. Aber auch international kann man Zukunftsforschung an etwa 50 Hochschulen studieren. Ich selber habe eine Vorlesungsreihe entwickelt und gebe Seminare für Fach- und Führungskräfte zu den Themen Strategische Vorausschau und Szenario-Technik.

Frage: Zukunftsforschern hängt oft der Makel an, dass sie darüber orakeln, was die Zukunft bringt. Mussten Sie schon oft Aufklärungsarbeit leisten?

Antwort: Oft und gerne. Denn in unseren disruptiven Zeiten interessieren sich alle Verantwortlichen sehr dafür, wie sie mit Zukunftsforschung ihre Performance steigern und ihre Organisationen flexibler, agiler und produktiver bei Innovation, Marktauftritt, Entscheidungsgüte, Kundennähe und Kompetenzentwicklung machen können. Zukunftsforschung hat sich als sehr erfolgswirksam erwiesen. Ich befreie dieses Interesse der Verantwortlichen dann von den üblichen Mythen wie zum Beispiel: Strategische Vorausschau ist teuer, das können sich nur die Konzerne leisten – stimmt überhaupt nicht. Man braucht sehr viel mehr Know-how als Geld. Eine professionelle Zukunftsforschung kann sich jede Organisation leisten. Niemand ist zu klein für die Zukunft.

Frage: Hand aufs Herz. Wurden Sie schon einmal nach den Lottozahlen für die Mittwochsziehung gefragt?

Antwort: Seltener als man annimmt. Denn was Entscheider viel eher wissen wollen ist: Wo steht meine Organisation in fünf, zehn Jahren? Was muss ich dafür tun, dass sie gut dasteht? Welche Szenarien der Zukunft muss ich dafür unbedingt auf dem Radar haben und mit Eventualstrategien hinterlegen? Bei dieser Szenario-Bildung helfe ich vielen Organisationen.

Frage: Wie sieht Ihr Aufgabenbereich bei KPMG aus?

Antwort: Unser Team liefert praktisch die Navigation für die Zukunft. Das ist keine Metapher. Wir stellen Organisationen unsere digitale Plattform Atlas mit inzwischen knapp 30 Business Assessments zur Verfügung, mit denen sie ihre Struktur und Abläufe auf Herz und Nieren prüfen und zukunftstauglich machen. Alle diese Assessments weisen den Weg in die Zukunft, aber eines wird sich ausschließlich um dieses entscheidende Thema drehen: unser Future Readiness Assessment, das wir in den kommenden Tagen live schalten.

Frage: Welche Fragen haben Unternehmer, wenn sie über die Zukunft sprechen?

Antwort: Ganz oft höre ich die Frage: Kann man denn auch Überraschungen,
Disruptionen und unerwartete Ereignisse in Zukunftsstudien erfassen? Antwort: Man kann. Oder auch: Was ist denn bei Zukunftsanalysen der richtige Horizont? Fünf, zehn oder gar 20 Jahre in die Zukunft? Leider schauen viele lediglich zwei bis fünf Jahre voraus – richtig Zukunft und „out-of-the-Box“ ist das nicht. Häufig werde ich auch gefragt: Wie schafft man es, aus Ergebnissen von Zukunftsstudien ganz konkrete Impulse für aktuelle Entscheidungen zu gewinnen? Das ist die entscheidende Frage – und wir helfen dann den Fragenden, die Antworten zu finden.

Frage: Haben Top-Entscheider eher Angst vor der Zukunft oder begreifen sie das, was vor ihnen liegt, eher als Chance?

Antwort: Ein wenig Angst schadet nie – sie macht vorsichtig. Doch Zukunftsangst ist die falsche Einstellung zur Zukunft. Chancendenken schlägt Problemdenken an jedem Tag des Jahres. Aber: Die Zukunft bietet eben nur demjenigen eine reiche Fülle von Chancen, der sie vorausschauen, lesen, analysieren, szenarieren und reflektieren kann und möchte – und das nicht nur ahnungsvoll aus dem Bauch heraus, sondern wissenschaftlich fundiert; eben: professionell.

Frage: Herr von der Gracht, was raten Sie denen, die der Zukunft ihrer Branche mit gemischten Gefühlen entgegen sehen?

Antwort: Gefühle adeln einen Menschen, aber sie sind keine gute Basis für zukunftsweisende Entscheidungen. Solide Zukunftsforschung bietet eine viel verlässlichere Basis. Man managt nicht, was man fühlt. Man kann nur managen, was man weiß. Und genau dieses Wissen schafft, wie der Name verrät, die Wissenschaft. Dafür bietet die Zukunftsforschung heute über 30 Methoden und Instrumente an. Von der Delphi-Methode über Zukunftswerkstätten bis hin zu Prognose-Märkten. Wer diese Methoden und Instrumente kennt, beherrscht und einsetzt, macht etwas, das viel besser ist als die Zukunft auf sich zukommen zu lassen: Er und sie gestaltet die Zukunft.

Herr Dr. von der Gracht, vielen Dank für das Gespräch.

24. April 2017
Zusammengefasst

»Gefühle adeln einen Menschen, aber sie sind keine gute Basis für zukunftsweisende Entscheidungen.«

PD Dr. habil. Heiko von der Gracht beschäftigt sich mit dem, was erst noch kommt. Er ist Zukunftsforscher bei KPMG in Deutschland. Jetzt wurde er in das Editorial Bord des renommierten Journals „Technological Forecasting and Social Change“ mit nur 13 Spitzenforschern berufen. Zum Interview trafen wir ihn, damit er mit uns über die Zukunft spricht.

PD Dr. habil. Heiko von der Gracht Senior Manager
Ganzen Artikel lesen

Kommentare

Was erwarten Sie von Zukunftsforschung?

*Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht

Das könnte Sie auch interessieren

KPMG verwendet Cookies, die für die Funktionalität und das Nutzerverhalten auf der Website notwendig sind. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Einsatz von Cookies zu, wie sie in der Datenschutzerklärung von KPMG im Detail ausgeführt ist. Schließen