Vorgeschmack auf den EU-Standard für Nachhaltigkeitsreportings

8 Erkenntnisse aus den EFRAG-Vorschlägen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung

Keyfacts

  • Die legislativen Vorschläge zur Corporate Sustainability Reporting Directive werden die Nachhaltigkeitsberichterstattung innerhalb der EU ändern.
  • Die EFRAG-Vorschläge geben einen Vorgeschmack auf diese Novellierungen.
  • In Duktus und Inhalt werden weitreichende Neuerungen vorgeschlagen.

Nachhaltig sein zu wollen ist schnell gesagt. Nachhaltig zu leben oder als Unternehmen zu wirtschaften ist schon deutlich schwieriger. Noch schwieriger ist es, dies auch zu dokumentieren. Für große kapitalmarktorientierte Unternehmen ist das in Form der nichtfinanziellen Berichterstattung seit 2017 nach dem CSR-RUG Pflicht, für andere aktuell Kür.

Dies wird sich ändern. Am 21. April 2021 veröffentlichte die EU-Kommission neue legislative Vorschläge im Kontext des EU Green Deals, darunter die zur Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Die Zahl der berichtspflichtigen Unternehmen wird sich damit in etwa verfünffachen. Welche Angaben zukünftig im Lagebericht offengelegt und extern überprüft werden müssen, erarbeitet die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) im Auftrag der EU-Kommission.

Einen Vorgeschmack auf die konzeptionell inhaltliche Ausgestaltung der künftigen Berichtspflicht liefern bereits die mehr als 1000 Seiten starken Dokumente „Proposals for a relevant and dynamic EU sustainability reporting standard-setting“. Ich lebe seit vielen Jahren diese Thematik gewissermaßen und habe an vielen der marktgängigen Standards mitgewirkt. So viel steht fest: Die in den Dokumenten enthaltenen 54 detaillierten Vorschläge sind weitreichend – und ziemlich herausfordernd. Daher verdaulich aufbereitet, die 8 wirklichen Neuerungen aus meiner Sicht dazu:

1. Das Kind wird beim Namen genannt: Sustainability Statement.

Bezeichnungen für Berichte über soziales und ökologisches Wirken von Unternehmen gibt es viele – C(S)R, nichtfinanzielle, Triple Bottom-Line- oder Nachhaltigkeitsberichte. Nun legt sich die EFRAG fest auf Sustainability Statement, deutsch voraussichtlich: die Nachhaltigkeitserklärung.

2. Impact-Perspektive gewinnt an Bedeutung.

Die EFRAG versucht das Problem des interpretierbaren und häufig falsch verstandenen Begriffs der ‚double materiality‘ zu lösen, indem es ein dynamisches Konzept konkretisiert. Beispielsweise müssen Unternehmen über umweltschädigendes Wirken nur dann informieren, wenn es sich auch auf den Geschäftserfolg auswirken könnte. Diese Gleichzeitigkeit entfällt. Umweltschädigendes Verhalten muss benannt werden, sofern die Auswirkung signifikant für Mensch oder Planeten ist. Punkt.

3. Stufenkonzept – die heilige Dreifaltigkeit?

Die Nachhaltigkeitserklärung soll der EFRAG zufolge umfassend und verständlich sein und dabei die Folgen des wirtschaftlichen Handelns auf drei Ebenen angemessen darstellen: sektoragnostisch, sektorspezifisch und unternehmensspezifisch. Da im Prinzip jedes Geschäftsmodell Einfluss auf das Klima hat, ist auch für praktisch jedes Unternehmen eine sektoragnostische Betrachtung notwendig.

4. ESG+ kommt.

Nachhaltigkeit bedeutet für 1000 Menschen 1000 verschiedene Dinge. Mit dem Kürzel ESG, also Umwelt, Soziales und Governance, sollen die darunter zu fassenden Themen klarer definiert und klassifiziert werden. Wirklich neu: das G+. „This category would include full spectrum of relevant matters in order to report on sustainability aspects relating to the reporting entity itself: goverance, business & ethics, management of the quality of relationships with stakeholders, organization and innovation, and reputation and brand management”, heißt es im EFRAG-Dokument. Daraus ergibt sich als ESG+ insgesamt:

5. Verbindung schaffen – Konnektivität und Zugänglichkeit

Die Beschaffenheit der Informationen soll konnektiv sein, das heißt: Finanzielle und Nachhaltigkeitsleistung sind nicht isoliert, sondern zusammenhängend zu betrachten. Das soll dem ganzheitlichen Management zu Gute kommen. Gleichzeitig muss die Information zugänglicher werden. Dafür soll die digitale Nutzung der Informationen aus den Nachhaltigkeitserklärungen von Beginn an mitgedacht werden. Es ist mit einer Datentaxonomie ähnlich wie bei ESEF zu rechnen.

6. Daten werden besser, vergleichbarer und zukunftsgerichtet.

Damit diese konnektiven, zugänglichen Daten ihren Nutzen entfalten, ist insbesondere eine zentrale Schwäche zu lösen: die geringe Relevanz aufgrund fehlender Qualität und Vergleichbarkeit. Harmonisierte einheitliche Definitionen, Anforderungen einer externen Überprüfung und Professionalisierung interner Prozesse werden dazu beitragen. Zukunftsgerichtet werden diese Daten, indem sie beispielsweise aufzeigen, inwieweit Geschäftsmodelle und Strategien kompatibel mit dem Pariser Klimaabkommen sind.

7. Die Buchstabensuppe wird vom Menü gestrichen.

Statt vieler Standards wie TCFD, GRI, SASB, WBCSD, CDSB und AccountAbility zeichnet sich nun eine Harmonisierung ab, da viele der wichtigen Spieler an den Vorschlägen mitgearbeitet haben. Zwar wurden nicht alle Konflikte im Konsens aufgelöst, aber dennoch sollte dies ein deutlicher Fortschritt sein. Wie das mit den nichtfinanziellen Bestrebungen der IFRS-Foundation vereinbart werden kann, bleibt abzuwarten; EFRAG jedenfalls ruft zur Kooperation der Spieler untereinander auf.

8. Eine zügige Umsetzung zeichnet sich ab.

All das müssen Unternehmen voraussichtlich recht bald umsetzen. Denn geplant ist, dass Mitte 2022 ein erster Entwurf aufbauend auf den EFRAG-Vorschlägen vorliegt, im Herbst 2022 sollen sektorenagnostische und ein Jahr später sektorenspezifische Delegierte Rechtsakte folgen, auf Basis derer ab dem Geschäftsjajr 2023 berichtet wird.

Ist das nachhaltig?

So viel zu den EFRAG-Vorschlägen. Bleibt noch die grundlegende Frage: Warum versuchen Sie mit Ihrem Unternehmen, nachhaltig zu handeln? Könnte es mit dem berühmten kategorischen Imperativ von Immanuel Kant erklärt werden? „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Häufig wird dies als Handlungsaufforderung missverstanden: Weil ich will, dass etwas so und so ist, halte ich mich auch selbst daran. Das sagt Kants kategorischer Imperativ nicht. Sonst wäre es ein hypothetischer Imperativ. Vielmehr stellt Kant eine formale Bedingung auf. Genauso wie das Nachhaltigkeitsreporting. Es liegt aber an Ihnen, nach den Bedingungen zu leben, damit es nicht nur ein Reporting um des Reportings willen ist.