Das „ dritte Geschlecht “ in der IT – mehr als nur ein weiterer Buchstabe

Das „ dritte Geschlecht “ in der IT

Was folgt aus Verfassungsgerichtsurteil für die Datenhaltung in Unternehmen und Behörden?

Keyfacts über Datenhaltungssysteme

  • Häufig gilt: kleine Ursache, große Wirkung
  • Mit der Vernetzung steigt der Koordinierungsbedarf
  • Verständnis für die Komplexität der Datenhaltung wächst
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Mann oder Frau? In Datenhaltungssystemen scheinbar eine klassische Entweder-oder-Entscheidung. Für die Speicherung des Geschlechtsmerkmals reichte der IT lange Zeit eine 0 oder 1. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Der Gesetzgeber muss die Grundlage für den Eintrag eines dritten Geschlechts in das Geburtenregister schaffen. Das Merkmal „ Geschlecht “ darf in Zukunft nicht mehr nur „männlich“ oder „weiblich“ lauten.

Die gesetzliche Ausgestaltung hierzu ist natürlich noch offen, muss aber bis Ende 2018 erfolgen. Vermutlich wird es eine dritte Auswahlmöglichkeit geben, die etwa „inter“ oder „divers“ lautet – nachdem bereits seit 2013 die Möglichkeit besteht, den Eintrag leer zu lassen.

Es ist abzusehen – die Maßgabe wird weit über die Meldebehörden hinaus ihre Wirkung entfalten. Zahlreiche Unternehmen, die Kundendaten verarbeiten, werden ihre IT-Systeme anpassen müssen. Und es wird dabei nicht nur um die korrekte Darstellung in Eingabemasken oder um Grußformeln bei Anschreiben gehen. Versicherungen, bei denen das Geschlecht an vielerlei Stellen in die internen Risikoberechnungen einfließt, werden zum Beispiel sehr weitreichend betroffen sein.

Datenhaltungssysteme: Eins bedingt das andere

„M“, „W“ und in Zukunft beispielsweise „X“ – auf den ersten Blick erscheint die Erweiterung des Merkmals „Geschlecht“ in IT-Systemen trivial. Bei näherer Betrachtung ist die Aufgabe für die IT-Abteilungen von Behörden, Versicherungen und anderen Unternehmen jedoch deutlich komplexer. In zahlreichen Datenbanken dürfte das Geschlecht in der Vergangenheit noch als echtes binäres Objekt („0 oder 1“) angelegt sein. Für Informatikvorlesungen drängte sich das Geschlecht lange Zeit als Idealbeispiel für dichotome Ausprägungen auf. Die Umstellung einzelner Datenbanktabellen und Eingabemasken dürfte jedoch die kleinere Herausforderung sein. Ungleich komplizierter wird es, wenn komplexe Rechenmodelle das Geschlecht einbeziehen und hierüber etwa Verknüpfungen mit statistischen Daten herstellen. Ein praktisches Beispiel: Für die interne Risikoberechnung einer Lebensversicherung wird das Geschlecht des Versicherungsnehmers mit Daten zur Lebenserwartung aus externen Quellen verknüpft. Wenn in der Vergangenheit in der Statistik nur „männlich“ oder „weiblich“ erfasst wurden, erfordert ein zukünftiger Kundendatensatz „divers“ ebenso wie ein Leereintrag eine gesonderte Behandlung – und damit die Anpassung der Rechenmodelle.

Hinzu kommt, dass Datenbanksysteme heute zunehmend verknüpft sind und Daten automatisiert austauschen – und zwar nicht nur intern, sondern häufig auch nach außen. In vernetzten Systemen müssen Änderungen an den einzelnen Komponenten koordiniert werden. Sobald ein System einen Datensatz mit Geschlecht „divers“ an ein anderes System sendet, muss gewährleistet sein, dass der Empfänger mit dieser neuen Ausprägung klarkommt. Andernfalls drohen der Verlust des betroffenen Datensatzes oder gar der Abbruch der kompletten Datenverarbeitung. Bei den notwendigen IT-Anpassungen spielt es letztlich auch keine Rolle, wie groß die Anzahl der betroffenen Datensätze in den einzelnen Behörden und Unternehmen ist. Die Änderungen müssen allgemeingültig umgesetzt werden. Dies ist etwa auch der Grund, dass die kürzlich beschlossene „Ehe für alle“ erst in einem Jahr behördenseitig technisch vollständig realisiert sein wird.

Bewusstsein für die Komplexität von IT-System wächst

Eins fällt in Bezug auf das jüngste Verfassungsgerichtsurteil auf: Offenbar wächst – zumindest oberflächlich – das Verständnis für die Komplexität von IT-Systemen. In nahezu jeder Kommentarspalte der klassischen und der Sozialen Medien finden sich Nutzerhinweise, dass das Urteil vermutlich erhebliche Kosten bei den betroffenen Behörden verursachen wird, um die Software anzupassen. An dieser Stelle sei die These aufgestellt: Vor zwanzig Jahren hätte kaum jemand darüber nachgedacht, ob „Geschlecht X“ IT-seitig mehr als nur ein zusätzlicher Buchstabe ist.

18. Dezember 2017
Zusammengefasst

»In komplexen IT-Systemen können vermeintlich kleine Änderungen großen Anpassungsbedarf verursachen. Die Vernetzung der Systeme bildet eine zusätzliche Herausforderung. Ein ‚positives, drittes Geschlecht‘, wie es das Verfassungsgericht unlängst verlangt hat, wird bei Behörden, Versicherungen und Unternehmen so manches IT-Projekt auslösen.«

Das Bundesverfassungsgericht hat eine dritte Option beim Geschlechtseintrag gefordert. Behörden und Unternehmen müssen dies in ihren IT-Systemen erfassen und korrekt verarbeiten. Ob interne Berechnungen bei Versicherungen oder Datenaustausch zwischen Unternehmen – durch die Komplexität und Vernetzung moderner IT-Architekturen ist die Einführung eines weiteren Geschlechts nicht trivial. Interessant: In Medien und Bevölkerung wächst das Gespür für die Komplexität moderner Datenhaltungssysteme.

Thomas Istel Partner, Financial Services, Business Technology
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Kommentare

Eine „dritte Option“ beim Geschlechtseintrag – welche Auswirkungen hat das auf Ihre IT-Systeme?

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