Wenn das Start-up mit der Verwaltung

Wenn das Start-up mit der Verwaltung

Im Interview: Zwei Gründer berichten von ihren Erfahrungen mit dem öffentlichen Sektor

Keyfacts über myGovernment

  • Wettbewerb für digitale Lösungen in der öffentlichen Verwaltung
  • Ziel: Behörden leichter zugänglich, bürgerfreundlicher und schlanker machen
  • Nächste Veranstaltung am 26. Oktober 2017 in Berlin
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Christian Davepon von Insights DE und Oliver Queck von JobKraftwerk sind zwei Gründer aus der Berliner Start-up-Szene. Dynamisch, zupackend, innovativ. Ihre Kunden aber entsprechen, zumindest dem Klischee nach, genau dem Gegenteil. Denn die beiden Start-ups arbeiten vor allem mit der öffentlichen Verwaltung zusammen. JobKraftwerk hat sich darauf spezialisiert, den Kommunen zu helfen, Geflüchtete in Arbeit zu bringen, Insights DE will Entscheidungen im öffentlichen Sektor mit Bürgerwissen verbessern. Was den Gründern dabei auffällt, erklären sie im Interview.

Start-ups und öffentliche Verwaltung scheinen auf den ersten Blick kein Traumpaar zu sein. Welche Hürden in der Zusammenarbeit gibt es? Worauf müssen Sie achten, um erfolgreich zu sein?

Oliver Queck: Als Start-up im öffentlichen Sektor arbeitet man unter ganz anderen Voraussetzungen als zum Beispiel im B2C- oder B2B-Bereich. Das entscheidende Kriterium, um Termine bei Verantwortlichen zu erhalten, sind Referenzen. Hat man einen Kunden an der Hand, der von dem eigenen Produkt überzeugt ist und diese Erfahrung auch gerne teilt, geht es in der Regel für die erste Kontaktaufnahme schnell.

Ein weiterer, großer Unterschied sind die langen und sehr individuellen Entscheidungszyklen, die in der öffentlichen Verwaltung meist zwischen zwei und sechs Monaten dauern und eine Vielzahl von Entscheidungsebenen durchlaufen.

Christian Davepon: Ich sehe das ähnlich wie Oliver. Als Start-up ist man zunächst einmal das krasse Gegenteil des öffentlichen Sektors. Das beginnt bei der Arbeitskleidung, geht über Bürozeiten bis hin zur Entscheidungsfindung. Anfangs mussten wir Lehrgeld zahlen, weil uns in den genannten Bereichen schlichtweg das Vorwissen fehlte. Das ist jedoch völlig normal. Aus meiner Sicht ist es nur wichtig, und das gilt eigentlich für jede Unternehmung, dass die gewonnenen Erkenntnisse verinnerlicht werden und entsprechend das Lehrgeld nur einmal gezahlt wird.

Ergeben sich aus den Strukturen auch Vorteile?

Davepon: Der Projektalltag mit unseren Partnern im öffentlichen Sektor gestaltet sich sehr angenehm und ist von großer Professionalität geprägt. Auch wenn Entscheidungswege aufgrund der besonderen Organisationsstrukturen oft komplizierter sind und entsprechend länger dauern, sind sie gefühlt verbindlicher als im privaten Sektor.

Queck: Das Schöne an unserem Alltag mit den Kunden der öffentlichen Verwaltung ist die offene Feedback-Kultur. In unseren Projekten zählt ein kontinuierlicher Erfahrungsaustausch zu den großen Erfolgsfaktoren, um JobKraftwerk jeden Tag noch besser zu machen. Eine große Hilfe ist auch die Strukturiertheit, mit der Projekte in der öffentlichen Verwaltung ablaufen. Ist das Projekt erst mal in Gang gesetzt und sind alle Ebenen überzeugt und involviert, läuft die Verbreitung nach unserer Erfahrung wie ein Strohfeuer durch die Region.

Wie reagieren die Verwaltungsmitarbeiter auf die Zusammenarbeit mit einem Start-up? Offene Türen laufen Sie vermutlich nicht ein.

Queck: Doch, doch. Was sich zum Beispiel auch vom B2B-Bereich unterscheidet ist, dass ein sehr großer Teil der Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung mit enormem Herzblut bei der Sache ist. Das hatten wir so nicht erwartet.

Nehmen Sie auch etwas für Ihre Arbeitsweise mit?

Davepon: Als junges Unternehmen können und müssen wir uns natürlich immer wieder Dinge von anderen abschauen, um eigene Prozesse zu verbessern und das Unternehmen weiterzuentwickeln. Auch der öffentliche Sektor kann hier Inspiration in verschiedensten Bereichen liefern. Gerade die Professionalität des öffentlichen Sektors ist Herausforderung und Vorbild zugleich.

Im vergangenen Jahr zählten Sie zu den fünf Start-ups, die bei der myGovernment-Veranstaltung von Institut für den öffentlichen Sektor und KPMG präsentieren durften. Konnten Sie von dem Vernetzungsevent zwischen Start-ups und öffentlichem Sektor bereits profitieren?

Davepon: Tatsächlich hat der myGovernment-Wettbewerb im vergangenen Jahr indirekt zu einem Projekt geführt. Die Veranstaltung war ein Erfolg für uns! Formate dieser Art könnte es aus unserer Sicht viel häufiger geben, da es für uns immer wieder schwierig ist, mit den richtigen Ansprechpartnern innerhalb des öffentlichen Sektors ins Gespräch zu kommen. Das Organigramm hilft da oft nicht weiter.

Queck: Durch den myGovernment-Wettbewerb haben wir eine Vielzahl von sehr wertvollen Kontakten erhalten, um JobKraftwerk weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Wir konnten zum Beispiel über den Wettbewerb am Deutschlandforum des Deutschen Städte- und Gemeindebundes teilnehmen und JobKraftwerk dort vor kommunalen Vertretern präsentieren. Darüber hinaus hat sich für uns ein sehr wertvoller Kontakt zu KPMG selbst ergeben. Hier stehen wir kontinuierlich im fachlichen Austausch.

Spüren Sie die Neugier auch von der Gegenseite?

Davepon: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auch auf Seiten des öffentlichen Sektors ein großes Interesse besteht, neue Wege zu gehen und innovative Lösungen kennenzulernen. Daraus kann man ableiten, dass sich nicht nur Start-Ups gerne mit dem öffentlichen Sektor vernetzen sondern auch andersherum.

Am 26. Oktober führen wir auf Einladung des Instituts für den öffentlichen Sektor erneut Start-ups und öffentliche Verwaltung zusammen. Das Bewerberverfahren für Präsentationen der Start-ups ist bereits abgeschlossen. Interessierte Teilnehmer aus beiden Bereichen können sich aber hier für die myGovernment-Veranstaltung anmelden und sich mit Start-up-Gründern, Mitarbeitern aus öffentlichen Verwaltungen und unseren Experten austauschen.

10. Oktober 2017
Zusammengefasst

»Die öffentliche Verwaltung soll natürlich nicht zum hippen Gründercampus werden, aber etwas Start-up-Spirit täte ihr sicher gut.«

Zwei Welten scheinen sich in Deutschland aufzutun: eine vitale Start-up-Szene, die die Möglichkeiten der neuen digitalen Technologien austestet, und eine Behördenlandschaft, die der Moderne um einiges hinterherhinkt. In der Veranstaltung myGovernment führen wir beide Seiten zusammen - zum gegenseitigen Nutzen und im Sinne der Bürger.

Ferdinand Schuster Geschäftsführer Institut für den öffentlichen Sektor e.V.
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Kommentare

In welchen Bereichen sollten Start-ups den Behörden aus Ihrer Sicht helfen?

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