Was der Brexit bedeutet

Für Unternehmen ist der Druck zu handeln groß.

Keyfacts

  • Unternehmen müssen auf mehreren Ebenen reagieren
  • Der Holding-Standort Großbritannien verliert an Bedeutung
  • Erste Konzerne suchen bereits nach Alternativen
Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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Die Wahl ist entschieden. Doch die gegenwärtige Situation in Großbritannien ist sehr schwierig einzuschätzen und seit dem Referendum kommt es immer wieder zu großen Überraschungen. Die größte war dabei das Ergebnis selbst.

Bis zum Auszählungsbeginn ging niemand wirklich davon aus, dass es überhaupt zu einer Mehrheit des Brexit-Lagers kommt. Wer die deutsche und insbesondere die internationale Presseberichterstattung seitdem verfolgt, gewinnt den Eindruck, dass viele erst nach dem Votum zu verstehen begonnen haben, was die Entscheidung wirklich mit sich bringt.

Auch die meisten Unternehmen in Deutschland trifft das Brexit-Votum völlig unvorbereitet. Von vielen Mandanten habe ich in den vergangenen Tagen gehört: „Wir haben keinen Plan B. Wir starten jetzt mit einer Arbeitsgruppe und versuchen zu verstehen, was das für uns bedeutet.“

So erklärt sich auch das enorme Interesse an der Brexit-Roadshow, die wir in den kommenden Wochen an acht Standorten deutschlandweit für unsere Kunden ausrichten werden.

Vielfach werden wir gefragt, ob kurzfristig überhaupt Handlungsbedarf für Unternehmen besteht. Schließlich dauere es nach dem Einreichen des Austrittsantrags noch bis zu zwei Jahre, ehe das Vereinigte Königreich tatsächlich die Europäische Union verlässt.

Darauf gibt es nur eine Antwort: Es muss jetzt gehandelt werden.

Das gilt allen voran für die allein 2.500 deutschen Unternehmen mit Töchtern in Großbritannien, aber auch für die zahllosen Unternehmen, die nach Großbritannien exportieren oder von dort importieren. Gemessen am Handelsvolumen ist Großbritannien immerhin Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner.

Aufgrund des Pfundverfalls zählen Kurssicherung, Neuausrichtung der Supply Chain, Abwertungen von UK-Beteiligungen und -Immobilien sowie Anpassungen der Unternehmensplanungen zu den vordringlichen Aufgaben. Der Wegfall europäischer Regeln und Standards zwingt Unternehmen bereits jetzt sich auf die neue Situation einzustellen, etwa in Bezug auf die Entsendung ausländischer Arbeitskräfte von und nach Großbritannien, die Gültigkeit von EU-Patenten im Vereinigten Königreich oder das Verbot von Bank- und Finanzdienstleistungen durch nicht in der EU ansässige Bankinstitute. Entscheidend ist auch, ob die Rechtsform der Ltd. in Deutschland zulässig bleibt. Immerhin sind 9.000 Ltd. in Deutschland registriert.

Vom Brexit ebenfalls sehr stark betroffen sind die Global Player, die Großbritannien bislang vielfach als ihren Europasitz gewählt haben und jetzt feststellen müssen, dass sich ihre Europa-Holding gar nicht mehr in Europa befinden wird. Genauso wenig wie deutsche Konzerne ihr USA-Geschäft von Kuba aus steuern, werden nordamerikanische und asiatische Konzerne ihr Europa-Geschäft von einer Insel außerhalb Europas führen. Der Holding-Standort Vereinigtes Königreich wird sehr stark an Gewicht verlieren.

Eine Reihe Unternehmen hat bereits öffentlich erwogen, sich aus Großbritannien zurückzuziehen und die Aktivitäten in die EU zu verlagern. Darunter sind nicht nur japanische Konzerne wie Hitachi, sondern auch englische Unternehmen wie Vodafone, internationale Konzerne wie Airbus und internationale Banken wie Deutsche Bank und HSBC.

Erste Konzerne mieten schon im großen Stil Büroräumlichkeiten an, unter anderem in Frankfurt und Düsseldorf, um sich auf eine Verlagerung vorzubereiten.

Das Vereinigte Königreich wird den Nachteil der Nichtmitgliedschaft auszugleichen versuchen – mit Steuervorteilen und protektionistischen Maßnahmen, um die heimische Industrie (insbesondere die Stahlindustrie) zu stärken.

Der Wettbewerb um die Nachfolge Großbritanniens als Investitionsstandort zwischen Deutschland, Niederlande, Frankreich, Irland und der Schweiz hat bereits begonnen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die deutsche Politik die Chancen wahrnimmt und sich genauso offensiv positioniert wie unsere Nachbarn dies bereits tun. Steuerliche Anreize, Ansiedlungspakete, aber auch eine Willkommenskultur spielen eine große Rolle.

Der Standort Deutschland ist derzeit aus gutem Grund der attraktivste Investitionsstandort in Europa, wie unsere Studie „Business Destination Germany“ zeigt. Dies muss Deutschland jetzt ganz offensiv vermarkten.

Wie es in Großbritannien wirtschaftspolitisch weitergeht, ist ungewiss. Sicher scheint mir, dass das Land aus der EU austreten wird. Anderslautende Hoffnungen sind unbegründet. Möglich ist, dass der Austrittsantrag noch etwas hinausgezögert wird, um die Mehrheitsverhältnisse zu klären – kommen wird er aber in jedem Fall.

Die nächsten Wochen und Monate bleiben spannend. Aber besser man beobachtet nicht nur, sondern positioniert sich hier und jetzt.

Andreas Glunz
  • Bereichsvorstand International Business
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